Ihr Leben hing an einem seidenen Faden

23. März 2019

Beinahe hätte es Boko Haram geschafft, das Leben der nigerianischen Christin Catherine Ibrahim zu zerstören. Die Terrormiliz tötete ihren Mann, verübte einen vermeintlich tödlichen Angriff auf sie und unterzog ihre Kinder einer islamistischen Gehirnwäsche. Doch Catherine gab nicht auf.



Maiduguri ist eine chaotische Grossstadt im Nordosten Nigerias, die schon oft von Terroranschlägen heimgesucht wurde. Die nigerianische Armee setzt alles daran, die Stadt vor Boko-Haram-Attacken zu schützen.

Trotz der prekären Sicherheitslage besuchte CSI-Projektmanager Franco Majok Maiduguri. In einem katholischen Flüchtlingslager begegnet er der Witwe Catherine Ibrahim. Die 41-jährige Frau hat unvorstellbares Leid miterlebt und kann einen Arm kaum noch bewegen. Sie ist bereit, ihre schmerzlichen Erfahrungen zu teilen.

Eintracht zwischen Christen und Muslimen

Catherine führte mit ihrer Familie in Warabe, einem kleinen Dorf im Nordosten nahe der Grenze zu Kamerun, ein beschauliches Leben. Sie legte Wert darauf, dass ihre Kinder in die Schule gehen konnten. Die Beziehung zwischen Christen und Muslimen war von gegenseitigem Respekt geprägt. «An Weihnachten kamen Muslime zu uns, um gemeinsam zu feiern. Im Gegenzug schlossen wir uns zum Fest des Fastenbrechens am Ende des Ramadans an», blickt sie zurück.

Das friedliche Leben bekam erste Risse, als die Bewohner von Boko-Haram-Kämpfern hörten, die sich in den Gebüschen ausserhalb des Dorfs verstecken würden. Christen, die zu den Gebüschen gingen, wurden sogleich getötet. Christinnen, die im Gebüsch Holz sammeln mussten, wurden verprügelt. «Zudem warnten sie uns, nicht mehr zu kommen», fügt Catherine an. Angst und Ratlosigkeit machte sich unter den Christen in Warabe breit.

Tödliche Überfälle

Ein Überfall von Boko Haram auf Warabe war nur noch eine Frage der Zeit. Eines Nachts drangen die Islamisten ins Dorf ein. Sie gingen ausschliesslich auf Christen los und brannten deren Häuser nieder. Die Terroristen brachen in Catherines Haus ein, wo sich ein Bruder und drei Neffen befanden. Sowohl ihr Bruder als auch die drei Kinder wurden getötet. «Mein Vater war gerade bei uns zu Besuch. Er musste mitansehen, wie Boko Haram seinen Sohn und drei Enkelkinder umbrachte. Das löste bei ihm einen derartigen Schock aus, dass er einen Herzstillstand erlitt und starb», klagt Catherine.

Sie selbst konnte fliehen und rannte ins Nachbardorf Wonabi, wo sich bereits ihr Mann Musa und die drei Kinder aufhielten. Doch nur zwei Wochen später geriet auch ein Nachbardorf von Wonabi ins Visier der Dschihadisten. Die Familie flüchtete in die naheliegenden Berge, wo sie drei Monate ausharrte. Musa wurde bei einem weiteren Angriff von Boko Haram getötet. Die Islamisten verschleppten auch zwei Kinder von Catherine.

Die schockierte Mutter konnte gerade noch mit einem Kind aus dem Dorf fliehen. In ihrer Verzweiflung glaubte sie, dass die anderen Kinder tot waren. Für Catherine begann eine Flucht-Odyssee, die sie zunächst in ein Lager für intern Vertriebene im benachbarten Staat Adamawa führte. Nach sechs Monaten erfuhr sie, dass die Armee Warabe aus der Gewalt von Boko Haram befreit hatte. «So verliess ich das Lager und kehrte mit meinem einzig übriggebliebenen Kind zurück.» Den langen Weg musste sie zu Fuss zurücklegen, da aus Sicherheitsgründen der Transport mit Fahrzeugen erheblich eingeschränkt war.

Lebensgefährliche Suche nach den Kindern

Zurück in Warabe erfuhr Catherine, dass ihre zwei vermissten Kinder Daniel und Solomi noch am Leben seien, jedoch zusammen mit vielen anderen Kindern in einem Boko-Haram-Lager gefangen waren. Dort würden sie unter Zwang eine Koranschule besuchen. «Meine Bekannten vom Dorf rieten mir eindringlich, nicht zu nahe ans Boko-Haram-Lager heranzugehen, da man mich sonst töten würde. Doch ich hatte nichts mehr zu verlieren. Die Terroristen haben meinen Mann getötet und meine Kinder entführt. Ich wollte lieber sterben, als die Rettung meiner Kinder unversucht zu lassen», erklärt Catherine bestimmt.

Zu ihrem Erstaunen erlaubten ihr die Dschihadisten im Lager, ihre Kinder zu sehen. Catherine gab deshalb vor, im Lager bleiben zu wollen. Eines Nachts fasste sie sich ein Herz und machte sich mit den Kindern davon. Doch sie hatte zu Fuss keine Chance, zu entkommen. Einige Boko-Haram-Kämpfer holten sie auf den Motorrädern ein, entrissen ihr die beiden Kinder und verprügelten sie gnadenlos bis zur Bewusstlosigkeit. Die Islamisten fesselten Catherine an Händen und Füssen und lies­sen sie halbtot liegen.

Als die schier zu Tode gequälte Frau beinahe verdurstet ihr Bewusstsein wiederfand, schleppte sie sich ins Gebüsch. «Dort stiess ich zum Glück auf Armeeangehörige», bemerkt sie. Die Soldaten befreiten sie. Leider waren ihre Hände derart fest zusammengebunden, dass sie das Gefühl in einer Hand komplett verlor. Armeeangehörige brachten Catherine nach Maiduguri in ein christliches Flüchtlingslager.

Der lange Weg zurück

Drei Jahre lang musste Catherine ohne ihre entführten Kinder aushalten. Dann endlich gelang es der kamerunischen Armee, die Kinder aus dem Lager zu retten. Auch Catherines Kinder waren Gott sei Dank unter den Befreiten. Sie wurden der nigerianischen Armee übergeben, die sie zur katholischen Kirche in Maiduguri brachten. Als Catherine dies erfuhr, rannte sie zur Kirche und wollte Daniel und Solomi unter Freudentränen in ihre Arme schliessen. Doch zu ihrem Entsetzen stiessen die Kinder sie weg und skandierten «Allah u Akbar». Sie hatten die islamistische Ideologie von Boko Haram verinnerlicht und hörten nur noch auf die Namen Musa und Yagana.

Doch Catherine gab nicht auf. Es ist ihrem starken Glauben und der unablässigen Hilfe der Kirche zu verdanken, dass sich Daniel und Solomi nach mehreren Monaten von der islamistischen Indoktrinierung lösen konnten und zurück zu ihren christlichen Wurzeln fanden.

Catherine ist überglücklich, dass sie ihre Kinder wieder hat und nun trotz körperlicher Behinderung für ihre Familie sorgen kann. Denn CSI hat ihr die Anschaffung von 50 Hühnern ermöglicht. «Ganz herzlichen Dank, dass Sie mir damit eine Zukunft schenken.»

Reto Baliarda

 

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