Den verzweifelten Frauen einen Hoffnungsschimmer schenken

28. März 2019

Die Ehefrauen der sieben Christen, die seit zehn Jahren unschuldig als Mörder inhaftiert sind, sind am Rande ihrer Kräfte. Sie leiden soziale Not und müssen für ihr tägliches Brot kämpfen. CSI traf sechs der sieben Frauen und einen der Söhne im indischen Distrikt Kandhamal.



Es war ein Verbrechen, das die grösste Welle antichristlicher Gewalt in Indien auslöste. Am 23. August 2008 wird in Kandhamal der Hindu-Mönch Swami Laxmanananda Saraswati getötet. Maoisten bekennen sich zum Mord. Doch aufgebrachte Hindus machen «die Christen» für die Tat verantwortlich. Die Folgen sind ein beispielloses Massaker an den Christen mit über 100 Todesopfern, tausenden von zerstörten Häusern und über 50 000 Vertriebenen.

Fragwürdige Festnahmen

Auch die Polizei und die Staatsanwaltschaft richteten sich gegen die Opfer des brutalen Feldzugs. Willkürlich wurden sieben Christen beschuldigt, den Swami gemeinsam umgebracht zu haben. Dabei kannten sie sich nicht einmal: Bijoy Sunseth, Garanath Chalanseth, Budhadeb Nayak, Bhaskar Sunamajhi sowie Durjo Sunamajhi, Munda Badmajhi und Sanatan Badmajhi sitzen seit über zehn Jahren unschuldig im Gefängnis.

Das schlimme Unrecht, das diesen Männern widerfährt, betrifft auch ihre Familien, ganz besonders die Ehefrauen. Auf der letzten Indien-Reise begegneten CSI-Projektleiterin Inés Wertgen und ich sechs der sieben Frauen in Kandhamal. Die gegenseitige Begrüssung ist freundlich. Doch die Niedergeschlagenheit und Verzweiflung der Frauen ist fast mit Händen zu greifen. Sie sprechen leise, mit bedrückter Miene, und hinterlassen einen besorgniserregenden Eindruck.

Schwerer Alltag

Einige von ihnen arbeiten als Tagelöhnerinnen, um sich finanziell irgendwie über Wasser zu halten. Andere können aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten. Viele ihrer Kinder mussten in ein Heim gebracht werden, da sich die Mütter nicht mehr um sie kümmern konnten.

Eine der betroffenen Frauen erzählt, dass sie in den ersten zwei Jahren der Inhaftierung ihrer Ehemänner von ausländischen Hilfsorganisationen genügend Unterstützung erhielten. «Doch seitdem erhalten wir keine Hilfe mehr. Wir sind ganz auf uns allein gestellt», klagt sie.

Nach der Verhaftung, so eine der Betroffenen, wurden die sieben Christen zusammen im Gefängnis von Kandhamals Distrikthauptort Phulbani eingesperrt. Um in ihrer Not möglichst nahe bei den Ehemännern zu sein, zogen alle sieben Frauen nach Phulbani. Doch mittlerweile wurden fünf Christen in andere Gefängnisse gesteckt. Hindu-Extremisten hatten diese Verlegung erzwungen. Sie befürchteten, dass sich die inhaftierten Christen absprechen und einen «Komplott» schmieden könnten.

Als «Frauen von Mördern» verschrien

So aber fühlen sich die Ehefrauen noch mehr alleingelassen. Kommt dazu, dass sie unter der sozialen Ausgrenzung durch die hinduistischen Nachbarn in Phulbani leiden. Besonders in den ersten Jahren nach den Festnahmen wurden sie als «Frauen von Mördern» stigmatisiert und entsprechend schlecht behandelt. «In den letzten Jahren hat sich die Lage etwas entspannt. Doch wir fühlen uns nach wie vor nicht erwünscht», bemerkt eine Betroffene mit gesenktem Haupt.

Die Armut und Schutzlosigkeit der von den Männern getrennten Frauen hat zum Teil fatale Folgen für die Familie. Eine der Betroffenen erzählt traurig, wie ihre Tochter von angeblichen «Freunden» ein lukratives Jobangebot im südlichen Bundesstaat Tamil Nadu erhalten hatte. Gutgläubig reiste sie mit ihnen im August 2018 dorthin. «Seitdem habe ich von meiner Tochter nichts mehr gehört. Ich vermisse sie so sehr», schluchzt sie. Zusammen mit den Partnern vor Ort wird CSI alles daran setzen, die Tochter zu retten.

Ein Zeichen der Hoffnung

Nebst den sechs Frauen ist auch Nithaniyal Chalanseth beim Treffen anwesend. Er ist Sohn des Inhaftierten Garanath Chalanseth und spricht recht gut Englisch. Nithaniyal bedankt sich bei CSI für die 150 handgeschriebenen Ermutigungskarten an die sieben gefangenen Christen, die bei ihm eingetroffen sind. «Sie haben damit etwas Licht ins Dunkel gebracht.» Wir geben diesen Dank gerne an alle weiter, die bei unserer Weihnachts-Schreibaktion mitgemacht haben. Nithaniyal wird die Karten seinem Vater und den weiteren sechs Gefangenen zukommen lassen.

Wie seine Mutter und die weiteren anwesenden Frauen hat auch er trotz allem die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sein Vater und die anderen zu Unrecht verurteilten Christen irgendwann einmal das Gefängnis verlassen und zu ihren Familien zurückkehren dürfen.

CSI hilft

CSI setzt sich zusammen mit der indischen Anwältin Arora für die Freilassung der sieben Christen ein. Dies im Bewusstsein, dass möglicherweise noch ein langes juristisches Tauziehen bevorsteht. Deshalb engagiert sich CSI auch direkt für die notleidenden Ehefrauen der Inhaftierten: Wir wollen ihnen helfen, sich langfristig finanziell über Wasser halten zu können, beispielsweise dank Milchkühen, Ziegen oder eigenen Hühnern.

Reto Baliarda

 

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