• Irak

2000-jähriges Erbe ausgelöscht: Mosul christenfrei

11. Juli 2014

In nur zwei Monaten hat sich die Sicherheitslage in der Ninive-Ebene im Nordirak komplett verändert. Früher flüchteten irakische Christen aus anderen Gebieten vor den Islamisten hierher – jetzt bedrohen die Islamisten sie auch hier. Ein CSI-Team war vor Ort.



Karakosch war einer der letzten sicheren Häfen für die Christen im Irak. Am 25. Juni 2014 wurde die Stadt in der Ninive-Ebene von den Dschihadisten beschossen, die zwei Wochen zuvor das nur 30 Kilometer entfernte Mosul erobert hatten. Innert wenigen Stunden flüchteten etwa 50 000 Personen aus Karakosch, fast alles Christen. CSI-Projektleiter John Eibner und sein Assistent Joel Veldkamp trafen am nächsten Tag im Nordirak ein und brachten Hilfe.

Mariam (Name geändert) erzählte, sie habe sich natürlich schon Sorgen gemacht, als die ISIS (siehe Kasten) Mosul erobert hatte. Wie zu erwarten war, ereilten die Kämpfe schliesslich auch Karakosch. Am 25. Juni ab 15 Uhr feuerte die ISIS im Halbstundentakt Raketen auf ihre Heimatstadt. «Die meisten Leute verliessen Karakosch noch in der Nacht», sagte Mariam. «Weil unser Sohn Wachdienst hatte, konnten wir erst am frühen Morgen fliehen. Wir waren die ganze Nacht wach.»

Makarios (Name geändert) war mit seiner Familie bereits am Nachmittag geflohen, nachdem fünf Geschosse in seinem Quartier eingeschlagen waren. «Ich will hier bleiben, ich hänge an meinem Land», sagte er. «Das Einzige, was fehlt, ist Sicherheit.»

Christen markiert und enteignet

Neben den Flüchtlingen aus Karakosch half CSI auch Flüchtlingen aus Mosul und Umgebung. Das heutige Mosul wurde gegenüber des biblischen Ninive erbaut und ist mit etwa zwei Millionen Einwohnern die zweitgrösste Stadt des Irak. Als die Dschihadisten die Stadt anfangs Juni eroberten, verliessen etwa 500 000 Personen die Stadt und die umliegenden Dörfer. Ihre Häuser und fast ihr ganzes Hab und Gut mussten sie zurücklassen. Die meisten Christen flohen. Unter den Flüchtlingen waren auch viele schiitische Muslime, die von der ISIS regelrecht gejagt und abgeschlachtet werden. Auch einigen schiitischen Flüchtlingsfamilien konnte CSI Hilfe in ihrer Not bringen.

Seit Ende Juli 2014 wohnen fast keine Christen mehr in Mosul: Am 18. Juli liess die ISIS verkünden, die Christen sollten entweder konvertieren oder ein hohes Schutzgeld bezahlen – sonst bleibe nur das Schwert. Die ISIS markierte alle Häuser von Christen mit einem arabischen N (für Nasrani, abwertendes arabisches Wort für Christ) und erklärte sie zum Eigentum des Islamischen Staats. Beinahe alle Christen sind geflüchtet, zurückgeblieben sind ein paar Alte und Kranke, einige sind zum Islam konvertiert. Damit ist eine Gemeinschaft ausgelöscht, die seit fast zwei Jahrtausenden in Mosul gelebt hat.

Was mit den Christen in Mosul passiert ist, droht allen religiösen Minderheiten im Herrschaftsgebiet der ISIS. Die Dschihadisten müssen gestoppt und die religiösen Minderheiten geschützt werden. Das Bündnis der USA mit Saudi-Arabien, Katar und dschihadistischen Netzwerken führt leider dazu, dass sich der Westen nicht ernsthaft um die Verfolgung religiöser Minderheiten kümmert. Wir fordern den Bundesrat auf, hier einen Unterschied zu machen und auf internationaler Ebene Partner zu finden, um die religiöse Säuberung im Nahen Osten zu stoppen.
Bitte sammeln Sie weiterhin Unterschriften  Insgesamt konnte CSI im Juni/Juli 600 irakische Familien je nach Bedarf mit Lebensmitteln, Matratzen und Gaskochern ausrüsten. Sie, liebe UnterstützerInnen von CSI, haben diese Hilfe möglich gemacht – herzlichen Dank!
Autor: Adrian Hartmann


Begriffserklärung

  • ISIS Dschihadisten-Organisation Islamischer Staat im Irak und in Syrien, seit Ende Juni 2014 Islamischer Staat (IS)
  • Kalifat Islamischer Gottesstaat
  • Kalif Arabisch für Nachfolger /Stellvertreter (des Propheten Mohammed), dem Anspruch nach geistlicher und weltlicher Führer aller Muslime

 


 

Dschihadisten-Terror im Irak – Januar bis Juli 2014

  • 3. Januar Eroberung von Falludscha und Teilen der Provinz Anbar, Massenflucht.
  • 10. Juni Einnahme von Mosul, der zweitgrössten Stadt im Irak, etwa eine halbe Million Iraker flüchten aus Mosul.
  • Juni Eroberung weiterer Gebiete und Ankündigung, Bagdad einzunehmen; schiitische Milizen greifen zu den Waffen, um di Dschihadisten aufzuhalten; der Iran schickt mit dem gleichen Ziel Kämpfer in den Irak.
  • 29. Juni Ausrufung eines Kalifats mit Abu Bakr al-Baghdadi als Kalifen.
  • Juni / Juli Die Dschihadisten verbreiten Angst und Schrecken besonders stark betroffen sind schiitische Muslime: Dutzende werden getötet, ihre Heiligtümer zerstört.
  • 18. Juli Die Dschihadisten drohen allen Christen in Mosul mit dem Tod und rufen sie zum Verlassen der Stadt auf; die Häuse von Christen werden gekennzeichnet und beschlagnahmt.
  • Anfang August Die Dschihadisten nehmen weite Teil der Ninive-Ebene ein, ca. 100 000 Christen sind auf der Flucht.

Solidaritätskundgebung in Zürich

Am 26. Juli 2014 fand in Zürich eine Kundgebung für die bedrängten Christen im Irak statt, die von Exilchristen aus dem Nahen Osten organisiert worden war (European Syriac Union). CSI-Mitarbeiter Adrian Hartmann war als Redner eingeladen.
Kundgebung gegen ISIS Video, Audio und Artikel

Ihr Kommentar zum Artikel

Wir freuen uns, wenn Sie hierzu eine Rückmeldung oder Ergänzung haben. Themenfremde, beschimpfende oder respektlose Kommentare werden gelöscht.

Kommentar erfolgreich abgesendet.

Der Kommentar wurde erfolgreich abgesendet, sobald er von einem Administrator verifiziert wurde, wird er hier angezeigt.

Projekt Irak