300 Jugendliche gewinnen Mut und Hoffnung

27. September 2019

Für viele Schweizer Familien gehören zu den Sommerferien Ferienlager. In Syrien sind sie von unschätzbarem Wert. Zum dritten Mal unterstützt CSI dieses Jahr ein christliches Jugendlager bei Damaskus. Unsere Projektmanagerin berichtet von ihrem letztjährigen Besuch.



Welche Bilder haben Sie beim Wort «Syrien» vor Augen? Wahrscheinlich eher eine Ruinenstadt als lebhafte Jugendliche, die zum wilden Rhythmus einer Darbuka (Trommel) Dabke (traditioneller Tanz) tanzen; eher Flüchtlingslager als gut besuchte Cafés; eher traurige und verschlossene Gesichter als vor Freude strahlende.

Die Bilder, die uns seit dem nun bereits achteinhalb Jahren dauernden schrecklichen Konflikt aus Syrien erreichen, zeigen uns die Bevölkerung fast ausschliesslich als Kriegsopfer. Als Menschen, deren Leben direkt oder indirekt von der Gewalt dieses Kriegs zerstört wurde. Verloren in der Komplexität der geopolitischen Interessen und der wechselnden Allianzen konstruieren wir unbewusst ein sehr eindimensionales Bild der Syrer. Aber sie sind mehr als Kriegsopfer. Sie sind mehr als das, was ihnen passiert ist.

Vor ziemlich genau einem Jahr reiste ich nach Maarat Saidnaya, ein christliches Dorf in der Nähe von Damaskus, wo ein Jugendlager der syrisch-orthodoxen Kirche stattfand. Seit 2017 unterstützt CSI dieses Lager.

Christen zwischen den Fronten

Die Landschaft ist atemberaubend: ein Tal in der Halbwüste, von Sonnenstrahlen in goldenes Licht gehüllt. In der Ferne auf einem Hügel kann der aufmerksame Beobachter eine Marien-Statue ausmachen und ein grosses Kloster. Etwas näher glänzt eine Kuppel: eine Gedenkstätte, die zum hundertsten Gedenktag des Genozids an den Christen im Osmanischen Reich errichtet wurde. Ein Psalmvers schmückt das Monument: «Um deinetwillen werden wir täglich getötet und sind geachtet wie Schlachtschafe» (Psalm 44,23). Worte, die seit den Angriffen dschihadistischer Milizen wie dem Islamischen Staat eine besondere Bedeutung bekamen. Zusammen mit dem nahegelegenen Gefängnis, das traurige Berühmtheit erlangte, widerspiegelt die Gedenkstätte gut die Situation der Christen zwischen Skylla und Charybdis, in der sie sich seit Kriegsbeginn befinden.

Wähle weise!

Ein Stimmengewirr reisst mich aus meinen Gedanken: Die anderen Teilnehmenden – fast 300 Jugendliche aus ganz Syrien – sind angekommen. In der Abenddämmerung wird das Ferienlager mit einem Feuer feierlich eröffnet.

Das Lager steht unter dem Motto «Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten» (1. Korinther 6,12). Dieser elementare Vers aus der christlichen Ethik ist zusammengefasst im englischen Schriftzug «Choose wisely!» (Wähle weise!), der auf dem T-Shirt aller Teilnehmenden aufgedruckt ist. Im Laufe der folgenden Tage werden dieser Vers und verschiedene damit verbundene Themen vertieft, im Plenum, im Gebet, in Workshops, Gesprächsgruppen und – für ein Sommerlager natürlich ein Muss – in Spielen.

Der Patriarch ist trotz einiger gesundheitlicher Probleme häufig anwesend und posiert bereitwillig für die zahlreichen Selfies. Denn das ist das Ferienlager auch: Eine Gelegenheit für die syrisch-orthodoxen Jugendlichen, ihr Kirchen­oberhaupt kennenzulernen. Es gibt sogar einen Frage-Antwort-Abend mit dem Patriarchen. Die meisten Fragen kommen von Jugendlichen aus dem Nordosten Syriens. Damals hatten die kurdischen Behörden gerade die Schliessung von verschiedenen christlichen Schulen erzwungen, die sich nicht nach dem kurdischen Lehrplan richten wollten, und die Spannungen zwischen den Gemeinschaften waren greifbar. Es hatte sogar Verletzte gegeben.

Unvergessliche Begegnungen

Die meisten Syrer haben selten die Gelegenheit, Jugendliche aus dem ganzen Land zu treffen. Der Krieg hat die Distanzen noch vergrössert. «Es ist das erste Mal, dass ich über die Gegend von Jazira hinauskomme», erzählt mir eine junge Frau aus Hassaka. «Ich bin so glücklich, hier zu sein! Das gibt mir wieder Kraft.» Sie war wohl kaum 10-jährig, als der Krieg ausbrach.

Die Freude ist allgegenwärtig – und ansteckend. Jeder ruhige Moment ist eine Gelegenheit für ein Lied, einen Tanz. «Wenn du wüsstest, wie es mein Herz berührt, sie so glücklich, so frei zu sehen!», sagt mir ein Referent aus dem Libanon. «Auch wenn die Atempause nur wenige Tage dauert, sie werden sie immer im Herzen bewahren.» Er hat den Bürgerkrieg in seiner Heimat erlebt und kennt die Wichtigkeit solcher Treffen für die Wiederherstellung der Menschen.

Eine Zukunft in Syrien

«Schau!» Ein Jugendlicher aus Homs reicht mir sein Handy. «Das ist die Hauptstrasse meiner Stadt. Sie war so schön!» Er ist an dieser Strasse aufgewachsen; an jedem Gebäude haften Kindheitserinnerungen. Nur Ruinen sind übrig geblieben. Im Gegensatz zu vielen seiner Freunde hatte er sich entschieden, sein Studium in Homs zu beenden – eine nicht ungefährliche Entscheidung, zumal es in einigen Quartieren noch zu heftigen Gefechten kam. Er will sich eine Zukunft in seiner Heimat aufbauen. Aber wie viele andere würde auch er einen Wegzug in Betracht ziehen, falls er nach dem Studium keine Arbeit findet, um seine Familie zu versorgen. Einer desillusionierten Generation eine Zukunfts­perspektive zu geben, ist ein wichtiger Teil des Wiederaufbaus von Syrien. 

Die Schönheit ist stärker als das Leid

Die meisten Menschen, denen ich in diesen paar Tagen in Syrien begegnet bin, lassen sich nicht unterkriegen. Wie der Jugendliche aus Homs setzen sie alle Hebel in Gang, um sich eine Zukunft in ihrem Land zu sichern. Viele setzen sich auch sozial ein, wie jenes junge Paar aus Damaskus, das sich für geistig beeinträchtigte Menschen engagiert.

«Wie findest Du Syrien?», fragen sie mich in einem fröhlichen, lockeren Ton, aber ihr Blick verrät Skepsis. Gelingt es der Ausländerin wohl, die Schönheit des Landes zu sehen, auf die sie trotz all des erlittenen Leides so stolz sind? Kann Syrien noch als schön gesehen werden? Ich versichere es ihnen, so gut ich kann. Die Liebe zu Syrien, der Glaube an eine Zukunft in der Heimat, auch als Christen – sie wurden im Jugendlager gestärkt. Ich bin sehr dankbar, dass wir mithelfen dürfen, diesen Geist der Hoffnung zu verbreiten und den Jugendlichen beim Aufbau ihrer Zukunft zu helfen. 

 

 


 

Die Jugendtreffen der syrisch-orthodoxen Kirche

Seit 2015 organisiert die syrisch-orthodoxe Kirche jeden Sommer ein internationales Jugendlager (Suryoyo Youth Global Gathering, SYGG). Es findet jedes Jahr in einem anderen Land statt, im Libanon, in Holland, Schweden oder in den USA. Für die jungen syrisch-orthodoxen Christen im Ausland ist es eine einmalige Gelegenheit, mit ihren Wurzeln verbunden zu bleiben.

Für die syrisch-orthodoxen Jugendlichen, die in Syrien geblieben sind, ist die Teilnahme an einer Jugendfreizeit im Ausland nicht möglich, obwohl sie das historische Herz dieser Kirche darstellen. So entstand 2016 die Idee, in Syrien selber ebenfalls ein Jugendlager zu organisieren und zwar in Maarat Saidnaya bei Damaskus, wo der syrisch-orthodoxe Patriarch seine Sommerresidenz hat. Das syrische Jugendlager soll eine Atempause inmitten eines oft beschwerlichen Alltags sein, eine Gelegenheit, Freundschaften mit anderen Jugendlichen aus dem ganzen Land zu knüpfen, Erfahrungen auszutauschen und mutig auf eine bessere Zukunft zu hoffen. CSI unterstützt die Jugendfreizeit dieses Jahr zum dritten Mal.

Ihr Kommentar zum Artikel

Kommentar erfolgreich abgesendet.

Der Kommentar wurde erfolgreich abgesendet, sobald er von einem Administrator verifiziert wurde, wird er hier angezeigt.

Projekt Syrien