Älteste christliche Gemein­schaft der Welt bedroht

02. September 2017

Der libanesische Nahost-Experte Franck Salameh sprach in Zürich über die Geschichte und die gegenwärtige Situation der Christen im Heiligen Land.



In seinem Referat machte Franck Salameh auf die Tendenz in Medien und Wissenschaft aufmerksam, den Bewohnern des Heiligen Landes neue Identitäten aufzuzwingen: Die Christen würden noch immer mit den überholten Begriffen des arabischen Nationalismus – «Araber» oder «Palästinenser» – bezeichnet, obwohl sie sich selbst historisch über ihre religiöse Gemeinschaft identifizierten.

Zahl der Christen zusehends rückläufig

Salameh zeichnete die Geschichte der Christen des Heiligen Landes von ihren Ursprüngen nach. «Unter muslimischer Herrschaft wurden sie zunehmend zu einer Minderheit in ihrer angestammten Heimat. Sie wurden dem Dhimmi-Status unterworfen, einem islamisch-rechtlichen Prinzip, das Nichtmuslime zu Schutzbefohlenen mit eingeschränkten Rechten macht.»

Die Zahl der Christen sei dadurch über die letzten vierzehn Jahrhunderte stark rückläufig geworden. «Heute sind die Christen des Heiligen Landes nur noch ein Schatten ihrer Existenz vor der muslimischen Eroberung. Sie machen nur noch knapp zwei Prozent der Gesamtbevölkerung aus – das sind etwa 160 000 in Israel selbst und 40 000 im Westjordanland und in Gaza.»

Innerhalb der Grenzen Israels hätten die Christen einen schwierigen Status, da ihre Beziehungen mit der jüdischen Mehrheit von « Ressentiments wegen des arabisch-israelischen Konflikts geschwächt» würden. Dennoch sei Israel ein «sicherer Hafen» für Christen in einer gefährlichen Region. «Seit seiner Gründung verzeichnet Israel eine Zunahme an Christen, während die Zahl der Christen andernorts im Nahen Osten weiterhin zurückgeht».

Täglich Anfeindungen ausgesetzt

Demgegenüber unterlägen die Christen in dem von der Palästinensischen Autonomiebehörde und Hamas kontrollierten Gebiet nach wie vor dem Dhimmi-Status. «Die Christen dürften dort kurz vor ihrem Untergang stehen». Täglich seien sie Anfeindungen ausgesetzt. Dazu gehörten die mutwillige Beschädigung ihrer Gebäude, öffentlich zur Schau gestellte Verachtung, Einschüchterung, Erpressung wie auch der Zwang, sich an islamisches Recht zu halten. Tausende Christen hätten sich dazu entschlossen, das Gebiet zu verlassen. Die Stadt Bethlehem sei bis in die 1960er Jahre zu 90 Prozent christlich gewesen. Heute, unter der Herrschaft der Palästinensischen Autonomiebehörde, liege der christliche Anteil bei weniger als 30 Prozent.

«Die Christen des Heiligen Landes brauchen mehr als oberflächliche Bekundungen von Sorge und Anteilnahme», schloss Salameh. «Sie brauchen eine Antwort auf die Frage, ob es ihre Kulturen, Zivilisationen, Geschichten und Sprachen wert sind, gerettet zu werden oder nicht.»

 

Joel Veldkamp

 


 

Der Referent

Franck Salameh ist Professor für Nahost-Studien und Vorsitzender des Departements für slawische und östliche Sprachen und Literaturen am Boston College, USA. Sein neustes Buch trägt den Titel Charles Corm: An Intellectual Biography of a Twentieth-Century Lebanese «Young Phoenician” (Lanham: Lextington Books, 2015).

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Projekt Naher und Mittlerer Osten