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Als versklavtes Kind gedemütigt und sexuell missbraucht

02. März 2016

Die heute 31-jährige Awein Kuol Lual war noch ein Kleinkind, als sie von arabischen Milizen ver­schleppt und verkauft wurde. Nach jahrzehntelanger brutaler Versklavung gelang ihr am 27. September 2015 die Flucht. Noch heute leidet sie an den Qualen, die ihr der Sklavenhalter zufügte.



«Meine Entführung ist schon so lange her. Ich war noch ein kleines Kind, als es passierte. Doch die grausamen Ereignisse sind mir unauslöschlich in Erinnerung geblieben: Es war frühmorgens. Ich spielte mit anderen Kindern. Da tauchten plötzlich Araber auf Pferden und Eseln auf und griffen unser Dorf an. Sie nahmen mich und die anderen Kinder gefangen. Dabei gingen sie äusserst grob vor, fesselten unsere Hände und schubsten uns, mit ihnen mitzukommen. Ich sah, dass sehr viele Kinder mit mir verschleppt wurden. Es waren auch einige Erwachsene dabei.

Als wir den ersten Wald erreicht hatten, lösten die Entführer die Handfesseln. Einer der Araber setzte mich zu sich auf sein Pferd.

Unvorstellbare Angst

Die Verschleppung in den Nordsudan dauerte eine ganze Woche. Zu essen erhielten wir nur die Essensresten der Milizen. Besonders schlimm war für uns, mitanschauen zu müssen, wie zwei Verschleppte aus unserem Dorf (Dinkas) ohne ersichtlichen Grund erschossen wurden. Ich wusste wirklich nicht, was sie getan hatten. Eine schreckliche Angst überfiel mich, dass es mich irgendwann auch treffen könnte. Deshalb wagte ich es nach diesem fürchterlichen Vorfall nicht mehr, aufzuschauen. Man sah mich nur noch mit gesenktem Kopf.

Als Kind für die Kühe verantwortlich

Als wir endlich im Norden ankamen, wurde ich an den Sklavenhalter Abdullah Abakar verkauft. Er nahm mich mit zu seiner Farm im Dorf Abu­jabara. Abdullah hatte drei Frauen: Khaltouma, die Älteste, Zara und Fatima. Von diesen Frauen hatte er elf Kinder.

Kaum war ich bei der Farm angekommen, musste ich mich um die Kühe kümmern. Ich tat dies zusammen mit einer Tochter von Abdullah. Mit ihr verstand ich mich sehr gut. Sie war nett zu mir. Jeden Tag führten wir die Kühe zusammen in den Wald. Doch sobald wir am Nachmittag zu Hause ankamen, wurden wir voneinander getrennt, was mir immer sehr schwer fiel. Zu essen erhielt ich nichts anderes als die Resten, die die Familie stehengelassen hatte. Schlafen musste ich alleine in einem kleinen Verschlag.

Nach der Vergewaltigung traumatisiert

Als ich eines Tages mit den Kühen zum Wald ging, merkte ich, wie mich mein Sklavenhalter verfolgte. Plötzlich packte er mich von hinten und vergewaltigte mich brutal. Ich musste etwa elf Jahre alt gewesen sein. Dieser schreckliche Tag hat mein Leben verändert. Ich erinnere mich noch, wie ich mich mit fürchterlichen Schmerzen nach Hause schleppte. Ich weinte die ganze Nacht.

Eine weitere Folge dieser abscheulichen Vergewaltigung war, dass ich keine normale Menstruation hatte. Zudem litt ich dann jeweils an heftigen Rückenschmerzen. Als junge Erwachsene wurde ich von meinem verhassten Sklavenhalter mit einem Dinka verheiratet, der ebenfalls als Sklave in seinem Haus lebte. Doch ich konnte keine Kinder haben. Die Vergewaltigung hatte mein Leben zerstört.

Wenn ich die Kleider der Kinder nicht so wusch, wie es sich Abdullahs Frauen vorgestellt hatten, schlugen sie mich. Doch ich wurde nicht nur körperlich gequält und gedemütigt. Abdullahs Familie beschimpfte und beleidigte mich andauernd. Man nannte mich «Jengai», «Sklavin», ja sogar «Affe»!

Im richtigen Moment geflohen

Abujabara war ein schrecklicher Ort für mich. Ein Funke Hoffnung keimte in mir auf, als ich vernahm, dass ein Sklavenbefreier namens Oman in unserer Gegend war. Als ich wieder einmal im Wald die Kühe hütete, spürte ich, dass der Zeitpunkt günstig war. Ich zögerte nicht lange und ergriff die Flucht. Zum Glück wusste ich, wo sich Oman aufhielt, und fand ihn kurz darauf. Er nahm mich mit in sein Flüchtlingslager. Dort stiegen wir auf einen Lastwagen, mit dem wir bis zur südsudanesischen Grenze fuhren.

Es gibt noch viele Dinkas aus meiner Heimat, die als Sklaven in Abujabara festgehalten werden. Ich bin froh, dass ich wieder im Südsudan bin. Ich habe zwar immer noch Schmerzen. Auch bin ich nach wie vor auf der Suche nach meiner Familie. Doch ich bin von Herzen dankbar, dass ich wieder zu Hause sein kann.»

Reto Baliarda

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