• Südsudan

Auf dem Esel in die Freiheit

03. Oktober 2017

Diing Lual Kiir kam im Sudan als Sohn einer Sklavin zur Welt. Mit 12 Jahren zertrümmert eine Gewehrkugel sein linkes Knie. Seitdem kann er sich nur beschwerlich mit einem Stock bewegen.



Bei einem Besuch im Südsudan im Juni 2017 trifft das Schweizer CSI-Team auch auf Diing Lual Kiir. Beim Anblick des Zwölfjährigen bricht es einem fast das Herz. Diing kann sein linkes Knie überhaupt nicht bewegen. Ohnehin fällt es ihm schwer, sein linkes Bein überhaupt abzustellen. Doch der aufgeschlossene Knabe stellt sich gerne für ein Interview zur Verfügung. Mit einem grossen Stecken, den er als Krücke verwendet, kommt Diing humpelnd auf mich zu und wartet neugierig auf die Fragen. Trotz seiner schlimmen Gehbehinderung, mit der er sich möglicherweise ein Leben lang abfinden muss, wirkt er aufgeweckt und erzählt mir bereitwillig über die schwere Zeit, die hinter ihm liegt.

Diing kam im Sudan als Sohn einer südsudanesischen Sklavin zur Welt. Nach wenigen Jahren wurde dem kleinen Bub die Mutter einfach weggenommen. «Ein anderer Sklavenhalter nahm sie zu sich. Ich musste bleiben. Dabei liebte ich meine Mamma sehr und vermisse sie heute noch», beschreibt Diing seinen Trennungsschmerz.

Schwere Körperstrafe bei Verlust einer Ziege

Doch viel Zeit zu trauern blieb dem kleinen Jungen nicht. Täglich musste er die Ziegen seines Sklavenhalters Muhamed Abdallah hüten und vor allem darauf bedacht sein, dass keine verloren ging. Trotz aller Mühe kam es manchmal vor, dass eine Ziege plötzlich verschwunden war. Gnadenlose Prügel waren jeweils die Strafe. Auch sonst wurde der Waisenknabe von der Familie schlecht behandelt. Immer wieder musste er sich anhören, wie sie ihn mit dem verächtlichen Schimpfwort «Jengai» (Abfall essender Neger) beleidigten. Zu essen bekam er die Resten vom Tisch der Familie. «Blieben keine Resten übrig, gab es für mich einfach nichts zu essen», bemerkt er dazu schulterzuckend.

Verhängnisvolle Schüsse

Eines Tages, als Diing wieder einmal die Ziegen hütete, machte ein anderer, erschöpfter Sklave neben ihm eine kurze Pause. Er hatte anstrengende Feldarbeit auszuführen und an diesem Tag war es ausserordentlich heiss. Doch das gefiel Sklavenhalter Muhamed, der das Ganze aus der Nähe beobachtete, gar nicht. Er schritt schnurstracks auf den Sklaven zu und erschoss ihn ohne Vorwarnung. Eine der abgefeuerten Kugeln durchdrang seinen Körper und traf Diings linkes Knie. Die schwere Verletzung führte dazu, dass Diing sich heute nur noch mit dem Stock fortbewegen und das linke Bein kaum absetzen kann.

Muhamed kümmerten die Verletzung und Beeinträchtigungen von Diing nicht. Er erwartete , dass Diing weiterhin arbeiten würde, als sei nichts geschehen. So musste er einmal eine lange Furche graben, um ein Gehege für die Kühe zu errichten und andere körperliche Arbeiten ausführen, die den schwerverletzten Knaben völlig überforderten. In der Folgezeit liess Muhamed Diing täglich spüren, dass er in ihm nur noch einen nutzlosen Krüppel sah.

Deshalb zögerte der Sklavenhalter sechs Monate nach der Schreckenstat auch nicht, den Jungen einem Sklavenbefreier zu übergeben, als dieser vorbeikam und ihn darum bat. Zusammen mit anderen befreiten Sklaven wurde Diing so in den Südsudan, der Heimat seiner verschwundenen Mutter, zurückgeführt. Da er jedoch nicht gehen konnte, kaufte der Sklavenbefreier kurzerhand einen Esel. «Ich war so froh und dankbar, dass mein Befreier diesen Esel besorgte, auf dem ich reiten konnte», berichtet Diing strahlend. Umso grösser war seine Überraschung und Freude, als er erfuhr, dass er den Esel als Geschenk behalten darf.

Mit der Beeinträchtigung leben

Der unglaublich tapfere Junge ist auch dankbar, in seiner Heimat zu leben, die er vorher nie gesehen hatte. Frei von Gewalt und Unterdrückung wird er wohl in einem der umliegenden Dörfer Unterschlupf finden. «Ich hoffe, dass mir geholfen werden kann. Am liebsten würde ich wieder laufen können, aber ich bin schon froh, den Esel zu haben», sagt Diing. Franco Majok bleibt realistisch: «Bei einem zertrümmerten Knie können wir wohl nicht allzu viel ausrichten. Aber wir werden alles daran setzen, ihm in der CSI-Buschklinik die bestmögliche medizinische Betreuung zu ermöglichen.» Ob für Diing eine Spezialbehandlung in Nairobi in Frage kommt, ist noch offen.

 

Reto Baliarda

 

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