Bahai bis aufs Blut verfolgt

15. Mai 2013

Der Glaube der Bahai entstand im Iran, wo heute etwa 300 000 Bahai leben. Sie werden bis aufs Blut verfolgt. Jegliche Bürgerrechte werden ihnen vorenthalten. Auch in anderen Ländern werden die Bahai bedrängt.



«Die Bahai sind allen Formen staatlicher Feindseligkeiten ausgesetzt, die man sich nur vorstellen kann. Es ist eine dramatische Situation», sagte Heiner Bielefeldt, der Uno-Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit über die Bahai im Iran. «Sie gehören zu den am stärksten verfolgten Minderheiten», so Bielefeldt.

Der Glaube der Bahai

Ihre Wurzeln findet die Religion der Bahai im Iran des 19.   Jahrhunderts. Was zunächst als islamisch-schiitische Reformbewegung begann, entwickelte sich schnell zu einer eigenständigen Religion, die im Laufe des 20.  Jahrhunderts weltweit etwa 5 Millionen Anhänger fand. Die Bahai gehören zu den am breitesten verteilten Religionsgemeinschaften der Welt; es gibt sie heute praktisch in jedem Land. Im Ursprungsland selber, dem Iran, leben etwa 300 000 Bahai. Der Staat mit den meisten Bahai ist jedoch Indien – Heimat von über einer Million Bahai.

Wie die Schiiten glauben die Bahai streng an einen einzigen Gott. Anders als im schiitischen Islam jedoch, aus dem sich der Bahai-Glaube entwickelte, lehrte der Religionsstifter Baha’u’llah die Einheit der Weltreligionen. Nach Baha’u’llah offenbarte sich Gott gleichermassen in Abraham, Buddha, Jesus und Mohammed. Zu den heiligen Schriften gehören denn auch die Schriften des Islams, des Christentums, des Judentums und der Zoroastrier sowie die Offenbarungen des Baha’u’llah und des Bab, eines weiteren wichtigen Wegbereiters der Bahai. Während im Islam Mohammed als letzter Prophet gilt, glauben die Bahai somit an eine spätere Offenbarung Gottes. Deshalb sind sie in islamischen Ländern starker Verfolgung ausgesetzt.

Im Iran systematisch verfolgt

Am Drastischsten präsentiert sich die Situation der Bahai in ihrem Ursprungsland Iran. Dort gehören sie – zusammen mit den Christen – zu den grössten religiösen Minderheiten.

Bereits unter der Herrschaft der persischen Schahs im 19.   Jahrhundert bis hin zum letzten Schah, Mohammed Reza Pahlavi, wurden die Bahai drangsaliert. Doch die weitaus schlimmste Verfolgung begann nach dem Sturz Pahlavis und der Ausrufung der Islamischen Republik durch Ayatollah Khomeini im Jahre 1979. Seither wurden über 200 Bahai hingerichtet oder ermordet. Vor Gericht haben Bahai aufgrund ihres Glaubens kaum eine Chance, einen fairen Prozess zu bekommen. Es wird geschätzt, dass zur Zeit etwa 100 Bahai verurteilt wurden, dazu kommen rund 400, die noch auf ihren Prozess warten.

Die Verfolgung der Bahai ist systematisch und umfassend. 1991 erliess der „Oberste Rat der Iranischen Kulturrevolution“ ein Memorandum, das das Ausbluten der Gemeinschaft der Bahai zum Ziel erklärt. Sie sollen eingeschüchtert, ungebildet und arm gehalten werden, um ihr langfristiges Überleben unmöglich zu machen. Berufsverbote, Verweigerung von Geschäftslizenzen oder gar ihres Erbes gehören zu den Mitteln, die die Behörden gegen die Bahai anwenden.

Bahai-Ehen werden nicht anerkannt, Bahai bekommen keine Rente und dürfen nicht studieren. Sie dürfen sich nicht versammeln und keine organisatorischen Strukturen aufbauen. In den staatlichen Medien finden regelmässig Hetzkampagnen gegen sie statt. Weil sich das administrative und geistliche Weltzentrum der Bahai in Haifa befindet, wird ihnen oft auch eine politische Nähe zu Israel unterstellt.

Auch in der Gesellschaft sind die Bahai starken Benachteiligungen ausgesetzt: Sie bekommen schlechtere Jobs, werden in der Schule stark unter Druck gesetzt. Immer wieder werden ihre Häuser und Läden geplündert und angezündet, sie werden geschlagen und gefoltert, ihre Friedhöfe geschändet. Die Angreifer gehen straflos aus. Selbst Morde werden nicht geahndet.

Bahai in Ägypten

In Ägypten leben nur etwa 2000 Bahai. Weil sich ihr Glaube vom schiitischen Islam abgespaltet hat, gelten sie in muslimischen Ländern als Apostaten («Abtrünnige»). Sie werden deshalb häufig Opfer von religiöser Gewalt und werden von der Regierung schwer diskriminiert.

Im Pass muss zum Beispiel die Religionszugehörigkeit aufgeführt sein – es gibt aber nur drei Möglichkeiten: Muslim, Christ oder Jude. 2009 gelang es einigen Bahai gerichtlich durchzusetzen, dass das Feld mit der Angabe zur Religionszugehörigkeit bei ihnen freigelassen wird. Für Bahai ist es jedoch immer noch mit grossen Schwierigkeiten verbunden, überhaupt Geburtsurkunden oder Ausweispapiere ausgestellt zu bekommen; auch ihre Ehen werden nicht anerkannt. Seit dem Regimewechsel 2011 hat sich ihre Situation nicht verbessert. Bildungsminister Ibrahim Ahmed Ghoneim Deif erklärte im November 2012 gegenüber der ägyptischen Zeitung al-Sabah: «Unsere Staatsgesetze und die Regierungspraxis erkennen nur drei Religionen an und die Bahai sind nicht darunter. Deswegen haben ihre Kinder kein Recht auf Bildung an einer staatlichen Schule.»

Bahai in Vietnam

Auch in anderen Ländern mit autoritären Regimes leiden die Bahai unter der Einschränkung ihrer Religionsfreiheit. In Vietnam beispielsweise erkennt die kommunistische Regierung die Bahai erst seit 2008 als Glaubensgemeinschaft an – was Voraussetzung ist, um sich überhaupt versammeln und organisatorische Strukturen aufbauen zu dürfen.

Autorin: Luise Fast

Quellen: International Religious Freedom Report, Amnesty International, Bahá’í International Community, Internationale Gesellschaft für Menschenrechte

 


 

Christen und Bahai im Iran

Falls Sie sich vertieft mit der Verfolgung von Bahai und Christen im Iran beschäftigen möchten, empfehlen wir Ihnen das Buch des persisch-deutschen Iran-Experten Wahied Wahdat-Hagh: «Der islamistische Totalitarismus. Über Antisemitismus, Anti-Bahaismus, Christenverfolgung und geschlechtsspezifische Apartheid in der Islamischen Republik Iran.»

 


 

 

Bedrängte religiöse Minderheiten

Die meisten Opfer von religiöser Verfolgung sind Christen. Neben den Christen gibt es weitere religiöse Minderheiten, die bedrängt werden. In dieser Serie stellen wir verschiedene Gruppen vor und berichten, in welchen Ländern sie besonders unter religiöser Diskriminierung und Verfolgung leiden.

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