Befreit nach drei Jahren Gefangenschaft

31. März 2018

Mit geschätzten 18 Millionen Opfern verzeichnet Indien weltweit die höchste Rate im Menschenhandel. Hinter jeder Ziffer steht ein Mensch, der durch dieses grausame Geschäft zum Teil für immer zerbrochen wird oder gar für immer verschwindet.



Das Kastensystem und die extreme Armut prägen den Alltag der indischen Gesellschaft. Angehörige der untersten Kasten werden oft gar schlechter behandelt als Tiere. Ihre schwache soziale Position, ihre Schutz- und Perspektivlosigkeit oder auch der Analphabetismus bieten einen fruchtbaren Boden für den lukrativen Handel mit Menschen.

Entführt und verkauft

Kalika* war siebenjährig, als sie auf ihrem Heimweg von der Schule von einer Bekannten entführt und an einen Menschenhändler verkauft wurde, der sie aus dem Dorf entführte und schliesslich an ein Bordell in Delhi weiterverkaufte. In Indien sind traurigerweise viele Menschenhändler Bekannte oder sogar Verwandte der Opfer. Während drei Jahren musste das junge Mädchen viele Männer täglich bedienen. Nebst der brutalen sexuellen Ausbeutung wurde Kalika miserabel behandelt und von niemandem geschützt.

Völlige Verzweiflung

Als Kalika am späten Nachmittag nicht zu Hause auftauchte, machte sich die Mutter grosse Sorgen. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich am Abend an die Polizei, als ihre Tochter immer noch nicht zu Hause erschienen war. Doch dort schickte man sie einfach weg. In vielen Teilen Indiens kümmern sich die Polizisten nicht um die Anliegen der unteren Kasten. Drei Jahre lang bat sie immer wieder völlig verzweifelt um Hilfe, aber niemand half ihr, obwohl mittlerweile sogar der Entführer bekannt war.

Unerwartete Hilfe

Seit drei Jahren hält CSI zusammen mit den indischen Partnern in abgelegenen Gebieten Vorträge. Schüler, Eltern und Lehrer werden dabei umfassend über die Gefahren des Menschenhandels informiert. Betroffene Eltern erhalten konkrete Hilfe.

An einem dieser Vorträge nahm die Mutter von Kalika teil. Voller Verzweiflung, zugleich aber auch mit etwas Hoffnung, wandte sie sich an die CSI-Partner. Auch eine örtliche Selbsthilfegruppe gegen den Menschenhandel (SHG) wurde über die Entführung informiert. Zusammen mit dem gut organisierten Netzwerk der Partner und der SHG sowie hilfsbereiten Polizisten konnte Kalika befreit werden. Die Frau, die Kalika an den Menschenhändler verkauft hatte, wurde verhaftet.

Für Kalika kommt die Befreiung einem Wunder gleich: «Nie im Leben habe ich noch daran geglaubt, dass ich eines Tages befreit würde». Kalika, die mittlerweile zum christlichen Glauben gefunden hat, hat von ihrer Gefangenschaft tiefe Wunden erlitten. Kaum jemand kann wohl nachempfinden, was in diesem Mädchen alles zerbrochen ist.

An einem sicheren Ort

Wenn Opfer befreit werden, prüfen CSI-Partner in erster Linie, ob das Kind wieder in die Familie zurückgebracht werden kann. Besteht dort jedoch die Gefahr von Verwahrlosung oder Wiederverkauf, suchen unsere Partner ein geeignetes Heim.

Im Fall von Kalika war die Mutter überglücklich, nach dreijähriger aussichtsloser Suche und unendlichem Leid ihre Tochter wieder in die Arme schlies­sen zu können. Doch die Mutter selber war sehr besorgt, dass ihre Tochter erneut entführt werden könnte. Deshalb bat sie die CSI-Partner um Hilfe. So wurde Kalika an einen sicheren Ort gebracht. Dort wird sie – zusammen mit acht weiteren aus dem Menschenhandel befreiten Mädchen – mit viel Einfühlungsvermögen psychologisch betreut. Sie erhält gesunde Mahlzeiten, kann die Schule besuchen und wird auf ihr zukünftiges Leben vorbereitet.

Kalika hat sich noch nicht vollständig erholt. Gesundheitlich leidet sie immer noch an den Folgen ihrer Gefangenschaft. «Wir werden Kalika auf jeden Fall noch so lange begleiten, bis es ihr wirklich besser geht. Aber in diesem ganzen Prozess macht es uns grosse Freude zu sehen, wie das anfangs so abgemagerte, verängstigte Mädchen sich langsam entwickelt und neue Kraft und Lebensfreude erhält», so Aashima, CSI-Partnerin vor Ort.

Langfristige Hilfe

Für die befreiten Opfer ist der Weg oft sehr lang, bis ihre tiefen Verletzungen einigermassen überwunden sind und sie zu einem mehrheitlich normalen Leben zurückfinden. Um diesen wichtigen Prozess zusätzlich zu unterstützen, baut CSI im indischen Staat Jharkhand ein eigenes Rehabilitations-Zentrum für die Betreuung von 35 Kindern. Voraussichtliche Eröffnung ist im August 2018.

CSI wird so lange wie möglich das Projekt gegen den Menschenhandel unterstützen, damit die Opferzahlen verringert und noch viele Entführungsopfer gerettet werden können.

Inés Wertgen, Projektleiterin Indien

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