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Befreite Sklaven brauchen medizinische Hilfe

22. Februar 2020

SklavInnen im Sudan leiden nicht selten an chronischen Schmerzen, Verletzungen und unbehandelten Krankheiten. CSI betreut sie medizinisch unmittelbar nach ihrer Befreiung.



Die oft jahrzehntelange Versklavung im Sudan setzt den Betroffenen gesundheitlich zu. Häufig sind die Leiden und Verletzungen auf den ersten Blick nicht sichtbar. Doch manchmal hinterlassen Misshandlung und Vernachlässigung deutliche Spuren. Was CSI-Stiftungsrat Markus Weber auf seiner letzten Südsudan-Reise mitansehen musste, erschütterte ihn zutiefst. «Unter den vielen befreiten Sklaven fiel mir Nyibol Dut Kuan auf. Ihr ganzer Hals war extrem angeschwollen. Es ist für mich kaum vorstellbar, wie sehr sie unter der mehrere Zentimeter dicken Geschwulst leiden muss.»

Lebensgefährlich gewürgt

Die heute 45-Jährige war 1998 von arabischen Milizen vom Süden in den Norden des Sudans entführt und an Osman K. versklavt worden. Während über 20 Jahren musste sie für ihren Gebieter schuften. Doch anstatt etwas Anerkennung zu bekommen, wurde sie ständig rassistisch beschimpft, mehrfach vergewaltigt und vor allem aufs Schwerste misshandelt. Eines Tages packte Osman sie wegen einer Lappalie und würgte sie derart brutal, dass sich am Hals eine riesige Geschwulst entwickelte.

Zu Beginn der Schwellung war Nyibol nicht in der Lage gewesen, zu sprechen. Trotz der fürchterlichen dicken Geschwulst hatte ihr Sklavenhalter nichts unternommen, um ihr schier unerträgliches Leiden zu lindern. Der Pflegefachmann Daniel Deng, ist erschüttert: «Das hätte ganz schlimm enden können.» Deng leitet seit 2017 die CSI-Buschklinik im Südsudan. Der 41-jährige Pflegefachmann und Apotheker ist jedes Mal dabei, wenn die Sklaven in die Freiheit entlassen werden, um sie zu untersuchen und medizinisch zu versorgen. Schwerwiegende medizinische Fälle wie Nyibol kann Deng in ein Spital in Kenias Hauptstadt Nairobi überweisen, wo sie auf Kosten von CSI behandelt werden.

Zuweilen die Hälfte der Rückkehrer betroffen

Die Verletzung von Nyibol gehört zu den wenigen Extremfällen, die Daniel Deng bei den befreiten Sklaven antrifft. Doch viele sind körperlich angeschlagen. Laut Deng leiden die Betroffenen vorwiegend an Malaria, Lungenentzündung, Durchfall, Erkältungen oder eben Geschwüren, die zu einer lebensbedrohlichen Gefahr werden können. «Manchmal kommt es vor, dass die Hälfte der jeweils rund 200 befreiten Sklaven gesundheitliche Probleme hat», erklärt CSI-Projektmanager Franco Majok. Er koordiniert das Sklavenbefreiungsprojekt und reist mindestens viermal pro Jahr in den Südsudan. Auf jeder Reise gibt es zwei Empfangsfeste; an jedem werden 150 bis 200 befreite Sklaven für ihr neues Leben in Freiheit ausgerüstet.

Die vielen Erkrankungen sind zum einen auf die schrecklichen Bedingungen während der Sklaverei zurückzuführen wie auch auf den Umstand, dass die Gebieter ihre kranken Sklaven grösstenteils ihrem Schicksal überlassen: «Ausser vielleicht einer Kräuterbehandlung werden kranke Sklaven im Sudan völlig vernachlässigt», bemerkt Daniel Deng. Hinzu kommt, dass etliche befreite Sklaven so geschwächt sind, dass sie bei der geheimen Rückführung in den Südsudan zu Fuss an ihre physischen Grenzen gelangen.

Medizinische Betreuung seit 2001

CSI hat früh erkannt, dass zahlreiche befreite Sklaven nach ihrer Ankunft im Südsudan unverzüglich medizinische Hilfe benötigen. Deshalb war bereits ab dem Jahr 2001 bei jedem Empfangsfest für die befreiten Sklaven eine medizinische Fachperson mit der nötigen Ausrüstung anwesend und ermöglichte so erkrankten und verwundeten Rückkehrern die medizinische Erstversorgung. Bis 2016 war dies Dr. Luka Deng, der auch die CSI-Buschklinik aufbaute. Nach Dr. Lukas Pensionierung hat Daniel Deng diese grosse Aufgabe übernommen. «Beim Gesundheitscheck bei den befreiten Sklaven muss ich besonders genau hinschauen. Dies, weil viele von ihnen wie Nyibol stark misshandelt oder vielleicht sogar lebensgefährlich verletzt wurden.»

Einigen kann Deng sofort helfen, andere behandelt er später in der CSI-Buschklinik in Wanyjok (Bundesstaat Ost-Aweil) weiter. Diese Versorgungsstation mit sechs Zimmern wurde 2012 gebaut und ist auch zugänglich für die Allgemeinbevölkerung. «Täglich suchen rund 100 Menschen die CSI-Buschklinik auf», unterstreicht Franco Majok.

Reto Baliarda

Hier können Sie für erkrankte Ex-Sklaven im Südsudan spenden. Herzlichen Dank.

 


Unglaublich: «Noch immer kommen SKlaven zurück»

CSI-Stiftungsrat Markus Weber bereiste den Sudan 1998 zum ersten Mal mit CSI. Seither war er auf über 20 Reisen dabei und hat die Sklavenbefreiungen miterlebt.

CSI: Markus Weber, Du hast mehr als 20 Mal die Rückkehr von befreiten Sklaven in den Südsudan miterlebt. Was motiviert Dich, dieses Projekt immer wieder von neuem zu besuchen?

Markus Weber: Als Stiftungsratsmitglied finde ich es wichtig, auch vor Ort einen Einblick in die Situation zu erhalten. Das «Pünktchen auf dem i» ist für mich, miterleben zu dürfen, wie Frauen und Männer das erste Mal in ihrem Leben eine Ziege ihr Eigen nennen dürfen. Diese Erlebnisse treiben mir jeweils Tränen in die Augen.

Welchen Eindruck hast Du von Daniel Dengs Buschklinik für erkrankte und verwundete Ex-SklavInnen?

 Es ist eine Soforthilfe, welche diesen Rückkehrern angeboten wird. Das Ziel ist es, schlimme Verletzungen oder Erkrankungen zu erkennen und den Bedarf an medizinischer Versorgung abzuklären. Es kann so weit gehen, dass CSI die Kosten für eine Behandlung in Nairobi übernimmt.

Was beschäftigt Dich am meisten im Hinblick auf die Sklavenbefreiung?

Wir schreiben jetzt das Jahr 2020 und immer noch kommen Sklaven in die Heimat zurück, obwohl es seit dem Jahr 2005 in der Region keine Versklavungen mehr gibt! Wie viele Jahre wird es noch gehen, bis alle Sklaven zurück in ihrer Heimat sind?

 

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