Befreiung nach schlimmen Demütigungen

30. Mai 2018

Bei jeder Befreiungsaktion von CSI werden jeweils rund 400 südsudanesische Sklaven befreit. Hinter jeder Zahl stecken schlimme Einzelschicksale, wie jene von Achok Deng Athian und Deng Deng Magoot.



 

An ihre Entführung kann sich Achok Deng Athian nicht mehr genau erinnern. Sie war noch ein Kleinkind, als sie durch arabische Dschandschawid-Milizen gefangen genommen und in den muslimischen Teil des Sudans verschleppt wurde. So wuchs sie als Fremde bei ihrem Sklavenhalter Ali auf, der mit seiner Frau und den fünf Kindern im Dorf Adiela wohnte. Kaum konnte Achok einen Besen halten, musste sie auch schon regelmässig Hausarbeit verrichten, das Haus reinigen und die Kleider waschen. Auch das Schleppen von vollen Wasserkanistern gehörte zu ihren Pflichten, obwohl sie als kleines Kind damit völlig überfordert war.

Vergewaltigt und misshandelt

Als sie etwas älter wurde, begann Ali, sie zu vergewaltigen. «Er tat dies immer und immer wieder», berichtet sie nüchtern dem CSI-Team nach ihrer Befreiung. Zudem wurde sie gezwungen, den Islam anzunehmen und die religiösen Regeln strikt zu befolgen. Beschimpfungen und Erniedrigungen waren an der Tagesordnung. Immer wieder musste sie hören, dass Leute aus dem Süden des Landes Tiere und keine Menschen seien. «Ich fühlte mich derart hilflos und gedemütigt, dass ich jeden Tag weinte. Ich hoffte inständig, dass ich einen Weg finden würde, um eines Tages zurück in meine Heimat zu gelangen», erklärt sie.

Die unerwartete Befreiung

Das Wunder geschah. Achok erinnert sich, wie sie an einem frühen Morgen von Alis Frau aus nichtigem Grund fürchterlich zusammengeschlagen wurde. Niedergeschlagen und verängstigt sass sie vor dem Haus und weinte bitterlich. Völlig unerwartet kam ein fremder Mann vorbei und fragte sie, warum sie weine. «Ich offenbarte ihm alles, was geschehen war, und wie ich als Sklavin litt.» Zu ihrer grossen Überraschung meinte er, dass er ihr helfen könne, wenn sie zurück in den Südsudan wolle. Achoks Augen blitzten auf. Nichts war ihr lieber.

Der Sklavenbefreier ging auf Ali zu, um mit ihm zu verhandeln. Achok konnte ihr Glück kaum fassen, als der Befreier zurückkam und sie aufforderte, mit ihm zum Lager zu kommen, wo sie andere befreite Sklaven aus dem Südsudan treffen würde. Von diesem Lager aus ging die Rückführung in den Südsudan, die mehrere Tage dauerte und auch nicht ganz ungefährlich war. Doch bei Achok überwog die Vorfreude. Zudem wurden sie und die anderen Dinkas (Achoks Stamm) vom Befreier respektvoll behandelt, was sie als Sklavin so nie erlebt hatte. Alle befreiten Sklaven erhielten ein neues Kleid und wohl zum ersten Mal seit Jahren genug zu essen. «Ich bin so dankbar, dass ich frei bin und in meiner Heimat leben kann», sagt Achok und teilt ihre Freude mit dem CSI-Team im Südsudan. Zugleich weist sie auf die vielen Dinka-Sklaven hin, die noch im Sudan gefangen sind.

«Leben als Sklave war die reinste Qual»

Auch der 35-jährige Deng Deng Magoot war Anfang der Neunziger Jahre von sudanesischen Milizen gefangen genommen und in den Norden entführt worden. Das Leben als Sklave war für ihn die reinste Qual. Er berichtet: «Ich musste mich von den wenigen Essensresten der grossen Familie ernähren. Mein Sklavenhalter Ibrahim Abdulay gab mir auch keine Kleider. Er und seine beiden Frauen meinten höhnisch, dass Dinkas keine Kleider tragen würden. So musste ich mit meinen zerlumpten Fetzen jeden Tag die Kühe hüten. Eines Tages, als ich mit der Herde in den Wald ging, wurde ich von fünf jungen Arabern überrascht. Sie wollten mich vergewaltigen. Ich rannte fort und hatte Glück, dass sie mich nicht einholten.

Als ich an einem anderen Tag von der Weide zurückkam, fehlten vier Kühe. Mein Meister wurde zornig. Er verprügelte mich mit einem dicken Holzknüppel, fesselte mich und sperrte mich für den Rest des Tages im Klohäuschen ein. Dabei drohte er mir, mich in die WC-Grube hinunterzuwerfen, sollte ich noch einmal eine Kuh verlieren. Ich stand Todesängste aus.

Gott öffnete mir eine neue Tür, als ein Sklavenbefreier mich beim Treiben der Kuhherde fand. Ich war total überrascht, als er mich fragte, ob ich mit ihm in den Südsudan gehen wolle. Natürlich sagte ich ‹Ja› und flehte ihn an, mir zu helfen. Daraufhin ging er auf Ibrahim zu, sprach mit ihm und brachte mich sogleich ins Lager, wo ich andere Dinka-Sklaven traf. Nach einem mehrtägigen Marsch erreichten wir meine Heimat, die ich 26 Jahre lang nicht mehr gesehen hatte. Danke, dass Sie mich befreit haben.»

Reto Baliarda

 

Ihr Kommentar zum Artikel

Kommentar erfolgreich abgesendet.

Der Kommentar wurde erfolgreich abgesendet, sobald er von einem Administrator verifiziert wurde, wird er hier angezeigt.

Projekt Südsudan