«Befreiungen können lebensgefährlich sein»

22. Oktober 2018

540 Kindersklaven wurden dank CSI befreit. Bei einigen Befreiungsaktionen war Anwältin Aashima selber dabei. Die CSI-Partnerin sieht verschiedene Gründe, weshalb jährlich rund 60‘000 Kinder Menschenhändlern zum Opfer fallen. Das professionelle CSI-Schutzhaus ist dringend nötig, damit gerettete Kinder sicher aufwachsen und ihr Trauma verarbeiten können.



CSI: Der Kinderhandel ist in Indien leider weit verbreitet. Wie viele Kinder fallen jährlich diesem brutalen Geschäft zum Opfer?

Anwältin Aashima: Jedes Jahr werden bei uns etwa 60‘000 Kinder an Menschenhändler verkauft. Man rechnet, dass rund 18,5 Millionen Menschen in Indien versklavt sind, sei dies durch Zwangsarbeit, sexuellen Missbrauch, Zwangsheirat oder Zwangsrekrutierung durch Rebellen. 50 Prozent sind minderjährig.

Werden mehr Mädchen oder Knaben Opfer?

Eindeutig mehr Mädchen. Schätzungen zufolge sind etwa 80 Prozent aller betroffenen Kinder Mädchen.

Millionen Menschen Opfer von Menschenhandel. Woran liegt das?

Es gibt Gesetze und Richtlinien. Das Hauptproblem ist aber deren Umsetzung. Ein Grossteil der indischen Bevölkerung ist mit diesen Gesetzen nicht vertraut. Zudem sind selbst manche Polizisten und Politiker Teil dieses ausbeuterischen Netzwerks.

Welches sind typische Risikogruppen?

Kinder aus Familien in Notlagen sind besonders gefährdet. Extreme Armut, viele Kinder, Arbeitslosigkeit, Analphabetismus oder fehlende Gesprächskultur begünstigen den Menschenhandel. Schädliche kulturelle Praktiken wie die Kinderheirat können ebenso problematisch sein. Vielen ist zudem nicht bewusst, wie leicht man Opfer von Menschenhändlern werden kann. Hier ist Aufklärung, wie wir sie leisten, dringend nötig.

Wie sieht diese Aufklärung aus?

Wirksame Prävention beginnt in den Dörfern. Wir konnten in den letzten Jahren Dutzende von Selbsthilfegruppen gegen den Menschenhandel aufbauen, zu unserer Freude auch einige Männergruppen. Diese Gruppen konnten schon viele Entführungen verhindern und aufdecken.

Wichtig ist auch die Aufklärung potenzieller Opfer. Hier spielt die Arbeit der Kirche eine grosse Rolle, gerade im Bereich der Seelsorge. Die Kirche kann die Gefahren des Menschenhandels in das Bewusstsein der jungen Menschen bringen und über Hilfsangebote informieren.

Mit der finanziellen Unterstützung von CSI wurden bisher 540 Kindersklaven befreit. Sie sind immer wieder selbst bei Befreiungsaktionen dabei. Wie ist Ihnen da zumute?

Die Befreiung von entführten Kindern ist für uns lebensgefährlich. Doch wir müssen selbst bei der Präventionsarbeit auf der Hut sein.

Bei der Befreiung von Kindersklaven werden Sie von vertrauenswürdigen Polizisten begleitet.

Ja, wir sind mit der Polizei gut vernetzt und dankbar für ihre wichtige Unterstützung. In einige Gebiete, die von Rebellen beherrscht werden, getrauen sich Polizisten aber manchmal nicht hin. Dann müssen wir die Rettungsaktion alleine durchführen.

Die geretteten Kinder leiden an schweren traumatischen Erlebnissen. Wie lange dauert die Rehabilitation?

Die Rehabilitationsphase dauert drei bis acht Jahre und hängt natürlich von der Resilienz des einzelnen Kindes ab.

Anfang 2019 eröffnen Sie ein Schutzhaus für 36 gerettete Kinder, das CSI finanziert. Warum ist dieses Schutzhaus so wichtig?

Bei vielen geretteten Kindern ist die Gefahr gross, dass sie erneut im Menschenhandel landen, wenn sie in ihr früheres Umfeld zurückgehen. Wir hören oft von Fällen, dass Eltern ihre Kinder ein zweites mal an Menschenhändler verkaufen. In staatlichen Schutzhäusern ist zudem häufig die Sicherheit nicht gewährleistet. Gerettete Kinder werden dort oftmals erneut sexuell ausgebeutet. Gerade im August 2018 flog ein weiterer schlimmer Fall im Gliedstaat Bihar auf.

Der Gliedstaat, in dem das Schutzhaus eröffnet wird, ist besonders stark von Menschenhandel betroffen. Deshalb ist dort unser Schutzhaus dringend nötig. Es bietet geretteten Kindern Menschenwürde und ein geschütztes Umfeld. Wir legen Wert auf gut ausgebildetes Personal, so dass die Kinder von ihren traumatischen Erlebnissen geheilt werden können. Mit der gebotenen Fürsorge und Liebe schenken wir diesen Kindern eine neue Zukunft. 

Reto Baliarda

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