Betrogen und im Stich gelassen

23. April 2016

Vor allem in den ländlichen Gebieten Lettlands leben viele Menschen in heruntergekommenen und halb zerfallenen Häusern. Auch die 29-jährige Inita Petrovics leidet unter der dunklen Seite des EU-Staats. Umso dankbarer ist die willensstarke Frau für die Hilfe der CSI-Partner.



Lettland empfängt mich mit seiner schönsten Seite: Sonnenstrahlen, trotz kaltem Winter, und warmherzige Menschen. Man spürt sofort, dass die Mitarbeiter der CSI-Partnerorganisation «Mission Pakapieni» ein grosses Herz für ihre Mitmenschen haben. Vor allem für solche, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Erbärmliche Zustände

Durch die Gespräche mit Bill Schultz von «Mission Pakapieni» und die Besuche von Familien, die weit unter der Armutsgrenze in schäbigen Unterkünften leben, weiss ich um die dunklen Seiten dieses schönen Landes. Die Häuser und Wohnungen, in denen diese Familien wohnen, sind in einem derart erbärmlichen Zustand, wie es für uns hierzulande kaum vorstellbar ist. Teils heruntergerissene Tapeten hängen trostlos an schimmligen Wänden. Undichte oder kaputte Fenster lassen kaum Licht in die dunklen Räume. Alte, zertretene Teppiche an den Wänden und auf dem Boden sollen etwas vor Kälte schützen. Unter den Teppichen auf dem Boden kommt oft ein Stein- oder morscher Holzboden zum Vorschein.

Kommt dazu, dass sich viele Menschen in Lettland überhaupt nicht um ihren Nächsten kümmern. Familien sind zerrüttet. Nachbarschaftshilfe ist für viele Letten ein Fremdwort.

Ein Leben weit unter der Armutsgrenze

Inita Petrovics (29) steht schon vor ihrem kleinen Häuschen und empfängt uns lebhaft. Sie führt uns in ihre sehr kleine Küche. Es gibt einen Holzofen und sogar fliessendes Wasser (diesen Luxus haben noch lange nicht alle). Der Gang zur Toilette – in der Regel ein einfaches Plumpsklo – wird im Winter zur Qual. Um sich und ihre drei kleinen Kinder (3, 5 und 8-jährig) vor Kälte zu schützen, hat die zierliche Frau den Fussboden in Wohn- und Schlafzimmer selber betoniert (vorher war darunter nur ein schäbiger, morscher Holzboden). «Auch die Isolationsplatten habe ich selbst an die Wände und teilweise auch über den Fenstern befestigt sowie neue Elektrokabel gezogen. Ich setze alles daran, meine Situation zu verbessern», beschreibt sie ihre schwierige, aber nicht ganz hoffnungslose Lage.

Vom Ehemann im Stich gelassen

Beim Kaffee erzählt sie uns ihre traurige Geschichte. «Ich war glücklich verheiratet, mein Mann ein liebevoller Vater.» Doch vor zwei Jahren hat er sich plötzlich um 180 Grad geändert: Er fing an zu trinken, blieb manchmal drei Tage weg und verschwand eines Tages spurlos. Niemand wusste, wo er war, nicht einmal ihr Schwiegervater, der immerhin zu ihr hält und das Verhalten seines Sohnes tadelt.

Auf einer Social-Media-Internetseite sieht Inita dann ihren Mann zusammen mit einer anderen Frau. «Das war für mich ein Stich ins Herz.»

Als Alleinerziehende kaum Aussicht auf einen Job

Um sich und ihre Kinder durchzubringen, erhält sie etwas Geld vom Staat. Sie hat eine Ausbildung als Köchin und arbeitete früher in Coffee-Shops. Doch weit und breit gibt es keine entsprechende Arbeitsstelle. «Kürzlich hatte ich mich bei der Post beworben und hätte die Stelle auch beinahe erhalten», blickt sie wehmütig auf ihre verpasste Chance zurück. Der Grund, warum es nicht klappte, war ihre ehrliche Antwort auf die Frage, ob sie jemand hätte, der zu den Kindern schaut, wenn sie krank sein würde.

Kleiner Lichtblick

Sie ist völlig auf sich allein gestellt, hat weder Nachbarn, die ihr helfen, noch Kontakt mit ihren Geschwistern. Soziale Einrichtungen wie Kinderbetreuung, Mütterberatung, Anlaufstellen für Menschen in Not kennt man dort kaum. Inita ist von Herzen dankbar für die Unterstützung durch Bill und Dana. «Ihre Hilfe ist der einzige Halt, den ich habe», gibt sie unumwunden zu. Wir freuen uns über die leuchtenden Kinderaugen, als sie die Leckereien aus dem mitgebrachten Lebensmittelpaket auspacken. Dann heisst es Abschied nehmen und losfahren zur nächsten Familie.

Vielseitiges Hilfsangebot

Familien wie Petrovics, müssen mit durchschnittlich 200 bis 400 Euro pro Monat durchkommen. Wer Hilfe von CSI-Partner Mission Pakapieni möchte, muss sich mit einer persönlichen Anfrage darum bemühen. Danach wird sorgsam abgeklärt, welche Hilfe nötig ist. Dies kann eine Budgetberatung sein, Hilfe bei einer Jobbewerbung oder ganz einfach Ermutigung für die Alltagssituation. Wo nötig, erhalten Familien auch materielle Unterstützung wie Brennholz, Schulmaterial, Matratzen, Waschmaschinen, Lebensmittelpakete, etwas Geld für offene Stromrechnungen etc. n Yolanda Nhili

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