Brief aus Aleppo | Die wahre «Friedensquelle» von CSI-Partner Nabil Antaki

02. Dezember 2019

CSI-Partner Dr. Nabil Antaki hat vor kurzem einen Brief über die aktuelle Situation in Aleppo verfasst. Derzeit ist die Lage dort weitgehend friedlich. Doch viele Menschen sind bitterarm. Der Brief setzt die Briefreihe fort, die in seinem französischen Buch «Les Lettres d’Alep» 2018 veröffentlicht wurde. Co-Autor ist Bruder Georges Sabé.



Die ungekürzte Fassung finden Sie am Schluss des Textes.

Aleppo, 17. November 2019

Seit der türkischen Offensive [«Friedensquelle» (!!)] gegen Syrien vor knapp einem Monat erhalten wir täglich Nachrichten von unseren Freunden, die sich nach unserem Wohlbefinden erkundigen und Informationen über die aktuelle Lage wünschen. Also werde ich versuchen, Euch eine sehr komplexe Situation kurz zusammenzufassen. 

Am 9. Oktober, nachdem Präsident Trump den Rückzug der amerikanischen Truppen aus Syrien angekündigt hatte – eigentlich taten sie nichts anderes, als sich in den Süden Syriens zurückzuziehen –, startete die Türkei ihre Operation «Friedensquelle» und fiel illegal in Syrien ein. Der Offensive gingen Luftangriffe auf die wichtigsten Städte in der Region voraus (Qamishli, Derbasiye, Ras Al Ayn, Ain Arab), die bei ihren Bewohnern – syrische Kurden, Christen und Muslime – einen massiven Exodus in andere Städte der Region auslösten. Die kurdischen Kämpfer der YPG, die von den Amerikanern im Stich gelassen waren, flehten die syrische Armee an, ihnen zu Hilfe zu kommen, und bekräftigten erneut ihre syrische Bürgerschaft und ihr Festhalten am syrischen Staat. Sie flüchteten in Richtung Süden und liessen den Türken freie Bahn. Nach einem fünftägigen Kampf wurde von der Türkei und Russland ein Waffenstillstand ausgehandelt, der festlegte, dass sich alle kurdischen Kämpfer 35 km von den Grenzen entfernen sollten, dass die syrische Armee zurückkehren und die Autorität des Staates wiederherstellen könne und dass russisch-türkische Patrouillen die Grenze kontrollieren würden.

Gewinner und Verlierer

Seither ist die Situation erneut «eingefroren». Alles lief so ab, als ob das Szenario im Voraus geschrieben worden wäre. Die Türken bekamen das, was sie wollten: eine Sicherheitszone auf syrischem Boden von 35 km Tiefe, in der die kurdische Militärpräsenz verboten ist. Der syrische Staat ist dabei der grosse Gewinner, der – ohne Kampf – einen grossen Teil der Territorien wiedererlangt hat, die seit Beginn der syrischen Krise nicht mehr unter seiner Kontrolle waren. Gleichzeitig hat er der Türkei gezeigt, dass es in ihrem Interesse ist, die Unterstützung der islamistischen Terroristen einzustellen und normale Beziehungen mit Syrien wiederherzustellen. Die Russen haben ihren Einfluss demonstriert, der beachtlich geworden ist. Die Amerikaner behalten die Kontrolle der syrischen Ölquellen und versöhnen sich mit der Türkei, da die amerikanische Unterstützung der Kurden der hauptsächliche Zankapfel zwischen den beiden Ländern war.

Und die Kurden – wie so oft schon in der Vergangenheit – sind am Ende die Dummen: Während drei Jahren wurden sie von den Amerikanern benutzt, um den syrischen Staat zu schwächen und den Islamischen Staat (IS) zu bekämpfen… und wurden im Stich gelassen, als ihre Schirmherrn es so entschieden. Zahlreiche politische Akteure hatten jedoch die Kurden vor einem solchen möglichen Ausgang gewarnt und ihnen gesagt, dass es in ihrem Interesse sei, im Schoss des syrischen Staates zu bleiben.

Fast gleichzeitig, am 30. Oktober 2019, hielt das am 23. September gegründete syrische Verfassungskomitee nach unzähligen Verhandlungen sein erstes Treffen in Genf ab. Niemand erwartet ein schnelles Resultat, solange die Bedingungen für die Verabschiedung der verschiedenen Artikel der neuen Verfassung schwierig sind und quasi die Einstimmigkeit der 150 Mitglieder des Komitees erfordern.

Westen gegen Befreiung von Idlib

Was die Region von Idlib betrifft, so hatte die syrische Armee mehrere Offensiven gestartet, um sie von den islamistischen Terroristen zu befreien; doch nach jedem neuen Versuch musste sie diese wegen dem Druck der westlichen Mächte wieder abbrechen, die – um einen Sieg des syrischen Staates zu verhindern – Befürchtungen wegen einer eventuellen humanitären Krise vorschoben. Vor drei Jahren hatten sie genau dasselbe bei der Befreiung Aleppos getan; während der letzten Offensive jedoch mussten sich die bewaffneten Rebellen 10 km weiter in den Norden zurückziehen; dadurch waren die christlichen Städte in der Region Hama (Mhardé und Squelbiyé) ausserhalb der Reichweite ihrer Kanonen. Diese beiden Städte wurden während zwei Jahren durch die Terroristen von Idlib bombardiert und mehrmals belagert. Man kann sich vorstellen, wie die Bewohner dieser Städte laut auf den Strassen jubelten, um ihrer Erleichterung und Freude Ausdruck zu geben!

Verarmte Menschen in Aleppo

In Aleppo ist die Situation stabil. Die wichtigsten Dienstleistungen sind gesichert; Wasser gibt es an fünf Tagen pro Woche und Elektrizität 18 Stunden pro Tag. Die Universität und die Schulen funktionieren normal. Die bewaffneten Rebellengruppen haben sich im westlichen Vorortsgebiet niedergelassen und feuern weiterhin gelegentlich Granaten auf Aleppo ab. Vor kurzem ist eine Granate 200 Meter vom Spital St. Louis und meiner Praxis entfernt eingeschlagen und hat eine Person getötet und mehrere verletzt.

Die wirtschaftliche Krise ist sehr gross mit einer beträchtlichen Arbeitslosenquote, einer schwindelerregenden Teuerung der Lebenshaltungskosten, einer galoppierenden Inflation und einer akuten Armut.

Wir setzen unsere Hilfe fort

Wir, die Blauen Maristen, fahren mit all unseren Projekten fort, um schutzbedürftigen und/oder vertriebenen Familien zu helfen… mit zunehmenden Schwierigkeiten, diese Hilfe zu finanzieren.

Trotz der Gefahr betreuen wir weiterhin das Lager «Shahba» für intern Vertriebene aus Afrin. Das Lager befindet sich 55 km von Aleppo und nur 3 km von den türkischen Linien entfernt. Sehr oft schlagen Granaten in der Nähe des Lagers ein. Dies hindert uns nicht daran, zwei Mal pro Woche dorthin zu gehen, um Lebensmittel und Hygieneprodukte zu verteilen, die Kranken zu pflegen, die Kinder und die Jugendlichen zu unterrichten und die Erwachsenen auszubilden. Für uns ist es eine grosse Genugtuung, die Freude in den Augen der Kinder zu sehen und etwas Hoffnung in die Herzen der Menschen zu säen.

Der Schulbeginn der Kinder in unseren zwei Bildungsprojekten («Lernen zu wachsen» mit 65 Kindern und «Ich will lernen» mit 110 Kindern von 3 bis 6 Jahren) war im Oktober. Die Nachfrage der Eltern, ihre Kinder bei uns einzuschreiben, ist sehr gross, weil die Vorschulen in Syrien privat und kostenpflichtig sind im Gegensatz zu den Schulen; die Eltern unserer Familien haben schlicht und einfach nicht die Mittel, sie zu bezahlen. Wir sind momentan am Limit unserer Aufnahmekapazität, weil unsere Räume klein sind. Die vor Glück strahlenden Kinder werden von 24 Leiterinnen betreut.

Wir führen unser Mikroprojekt-Programm weiter, um den Erwachsenen eine Arbeit zu geben und ihnen zu helfen, würdig von der Frucht ihrer Arbeit zu leben und um die Auswanderung zu bekämpfen. 2019 haben wir vier Bildungsblöcke à 48 Stunden durchgeführt, an denen 75 Teilnehmer unterwiesen wurden, wie man ein neues Projekt startet und verwaltet; wir haben 45 Projekte finanziert, die es 80 Familien ermöglichen werden, aus der Armut herauszufinden und unabhängig von der Hilfe der NGOs zu leben. Wir betrachten es in den gegenwärtigen Umständen als prioritär, den Menschen zu helfen, einer Arbeit nachzugehen.

Unser Projekt «Heartmade» zur Anfertigung von Damenkleidern, die aus Stoffresten hergestellt werden, hat sich etabliert und ist dabei, sich zu entwickeln. Es ermöglicht den Frauen, zu arbeiten, ihre Fähigkeiten, ihren Sinn für Kreativität und Schönheit zu entfalten und die Umwelt zu berücksichtigen, indem sie die Verschwendung von Stoff- und Kleiderresten bekämpfen und handgefertigte Einzelstücke herstellen. In unserem Atelier haben wir Solarzellen installiert, um für die Nähmaschinen Strom zu produzieren. Wir haben eine Boutique gemietet, um unsere Waren zu verkaufen. Elf Frauen arbeiten in diesem Projekt und verdienen damit den Lebensunterhalt für elf Familien. Wir beabsichtigen, dieses Projekt auszubauen und neue Mitarbeiter einzustellen.

All unsere anderen Projekte haben als Ziel, Familien zu helfen, damit sie leben und sich entwickeln können. 

Mit unseren 85 Freiwilligen und Mitarbeitern sind wir im Dienst der notleidenden und/oder vertriebenen Familien von Aleppo, die uns als die wahre «Friedensquelle» betrachten. 

Denn auch wenn der Krieg langsam zu Ende geht, ist der Friede noch nicht da. Nach achteinhalb Jahren eines Krieges, der absurd und schrecklich war, ist es an der Zeit, dass die Syrer normal leben können wie jeder andere Bürger dieser Welt.

Mit dieser Hoffnung im Herzen danke ich Euch, liebe Freunde, für Eure Freundschaft, für Eure Solidarität und Eure Unterstützung! Viele Grüsse auch von unserem ganzen Team.

Ein letztes Wort: Wenn Ihr für Weihnachten oder Neujahr noch ein Geschenk für jemanden sucht, denkt daran, dieser Person unser Buch «Les Lettres d’Alep» zu schenken, das im Verlag L’Harmattan erschienen ist und das Ihr beim Buchhändler, über Internet oder CSI bestellen könnt.

Nabil Antaki

P.S. Die Gewalt hält an. Die Christen in Syrien sind in Trauer. Am Montag, den 11. November, wurden ein katholischer Priester aus Qamishli und sein Vater ermordet, als sie auf dem Weg nach Deir Al-Zor waren, um die dortigen Christen zu unterstützen. Am gleichen Tag explodierten zwei Autobomben in der Nähe der chaldäischen Kirche in Qamishli.

Die ungekürzte Fassung des Briefs finden Sie hier.

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Projekt Syrien