• Syrien

Christlicher Bürgermeister gibt sein Dorf nicht auf

30. März 2017

Er bezeichnet seine Rückkehr als Gottes Plan. 2009 reiste Suleiman Khalil mit seiner Familie von den USA nach Syrien zurück. Kurz nach Ausbruch des Kriegs wird er Bürgermeister von Sadad. Obwohl sein Dorf zweimal von Islamisten angegriffen wurde, hält er an seiner Heimat fest.



Das syrische Dorf Sadad zählt rund 8000 Einwohner und liegt an der Hauptachse zwischen den Grossstädten Homs und Damaskus. Christen leben hier seit Beginn ihrer Zeitrechnung und machen heute noch rund 90 Prozent der Dorfbevölkerung aus. Auch die Vorfahren von Suleiman Khalil wohnen seit Generationen in diesem beschaulichen Dorf. Khalil selbst zieht es mit seiner Frau in die Vereinigten Staaten, nachdem er im Jahre 2000 sein Ingenieurstudium an der Universität von Homs abgeschlossen hat. Er gründet dort eine Familie und klettert erfolgreich die berufliche Karriereleiter empor.

Rückkehr und Verbleib trotz Gefahren

Doch nach neun Jahren spüren er und seine Frau eine innere Leere. Khalil entscheidet sich, mit seiner Familie zurück nach Syrien zu reisen. Rückblickend erklärt er gegenüber CSI-Projektleiter John Eibner «Ich spürte, dass Gott zu mir gesprochen hatte und mich zurück nach Syrien führen wollte. Wir folgten seinem Ruf», erklärt der syrische Christ, der sich selbst als nicht besonders religiös bezeichnet. Khalil zieht zunächst nach Homs, wo er eine Stelle als Umweltingenieur annimmt. Schnell integriert sich seine junge Familie in die syrische Gesellschaft und führt ein gutbürgerliches Leben.

Im Mai 2011, drei Monate nach dem Beginn des Aufstands, gerät Khalil in ein Dilemma. «Wir sahen, wie bewaffnete Islamisten nach Homs kamen und anfingen, die Bevölkerung gegen die nichtmuslimischen Minderheiten aufzuhetzen.» Bald darauf wurde er Zeuge, wie etwa 20 maskierte Männer eine Polizeiwache in Homs attackierten. «Der Anblick war beängstigend. Ich machte mir grosse Sorgen um die Zukunft meiner Familie und spielte mit dem Gedanken, erneut in die USA auszuwandern», gesteht Khalil. Trotzdem beschlossen seine Frau und er, in Syrien zu bleiben. Denn Khalil hielt daran fest, dass Gott einen Plan für ihn in Syrien hatte.

Sein Wahlsieg wurde anerkannt

Khalil ergreift die Flucht nach vorn. Als Mitglied der gewaltlosen, politischen Opposition zu Bashar al-Assads Baath-Partei kandidiert er für das Amt des Bürgermeisters in seiner alten Heimat Sadad. Und tatsächlich gewinnt er im Dezember 2011 die Wahlen. Den anerkannten Sieg seiner Oppositionspartei wertet Khalil auch als Hinweis, dass Assad trotz der Diktatur zumindest teilweise freie, lokale Wahlen zulasse.

Grosse Herausforderungen

Suleiman Khalil wird Bürgermeister eines christlichen Dorfes. In seinem Land herrscht ein religiös geprägter Krieg. Da versteht es sich fast von selbst, dass ihm schwierige Herausforderungen bevorstehen. Der Druck der sunnitischen Dschihadisten auf Sadad wird zunehmend grösser. Im Herbst 2013 überfallen islamistische Kämpfer der «Freien Syrischen Armee» und der ehemaligen «Al-Nusra-Front» (jetzt «Front für die Eroberung der Levante») das Dorf. Mehrere Christen werden umgebracht, Kirchen geschändet, Häuser und Geschäftsläden zerstört. Nach einer guten Woche können regime­treue Milizen, die Khalil in seiner Not um Hilfe gebeten hatte, die Dschihadisten wieder aus Sadat vertreiben.

Zwei Jahre später, am 15. Oktober 2015, wird Sadad erneut angegriffen, diesmal durch den Islamischen Staat (IS). Nun ergreift Khalil selbst das Kommando und setzt örtliche Milizen zur Verteidigung seines Dorfes ein. Der IS wird einen Kilometer vor dem Dorfeingang zurückgedrängt. Die Bewohner von Sadad können aufatmen. Ihren Kämpfern ist es gelungen, das Dorf ohne Unterstützung einer Luftwaffe erfolgreich zu verteidigen.

Auch in wirtschaftlicher Hinsicht gelingt es dem Bürgermeister, die Not in Sadad zu lindern. «Wir konnten dazu beitragen, die Rezession bei uns zu bremsen, obwohl die international auferlegten Wirtschaftssanktionen auch unser Dorf schwer getroffen haben.» Auch ist er dankbar, dass ein Teil der 2013 zerstörten Infrastruktur in Sadad wieder aufgebaut werden konnte, allen voran das Spital.

Kann er seine Mitbürger zum Bleiben ermutigen?

Suleiman Khalil ist es ein grosses Anliegen, das christliche Erbe in Sadad zu wahren. «Ich setze alles daran, unsere Mitbewohner zum Verbleib in Syrien zu ermutigen.» Gleichwohl ist er sich des grossen Drucks bewusst, der viele Syrer zum Auswandern bewegt. Dies gilt auch für seine Familie. Von Khalils 23 Cousinen und Cousins haben alle ausser einem das Land verlassen. Und ob seine Kinder einst eine Zukunft in Syrien haben werden, ist ungewiss.

Der umtriebige Bürgermeister ist dankbar für die Unterstützung von CSI und seinen Partnern und auch für die Begegnungen mit CSI-Projektleiter John Eibner, der Khalils Familie zuletzt Mitte Februar 2017 besuchte.

 

Reto Baliarda

 

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