CSI in der Schweiz am Sonntag: Banges Hoffen an Weihnachten in Syrien

21. Dezember 2015

In der Schweiz am Sonntag vom 20. Dezember 2015 erschien ein Gastkommentar von John Eibner (CSI). Er schreibt über seine Begegnung mit einer Witwe im syrischen Sadad und über Hoffnungszeichen für einen Frieden in Syrien.



Es ist vielleicht die letzte Weihnacht in Syrien für die kürzlich verwitwete Samia (Name geändert) und ihre beiden kleinen Kinder, eines drei Monate, das andere zwei Jahre alt. Samia lebt im antiken christlichen Dorf Sadad, wo seit mehr als tausend Jahren auch ihre Vorfahren lebten. Sie liebt ihr Dorf und möchte ihre Kinder hier grossziehen, aber der Druck ist gross geworden.

Sadad liegt in der Nähe der Hauptstrasse, die von Damaskus nach Homs führt. Einst ein blühendes Dorf mit 3000 Einwohnern, ist Sadad heute ganz heruntergekommen: Strom gibt es nur wenige Stunden pro Tag, heisses Wasser ist Luxus. Die Preise explodieren. Die Sanktionen, die die USA und ihre Verbündeten gegen Syrien verhängt haben, lasten schwer auf der Bevölkerung. Die Einwohnerzahl nimmt rasant ab.

Noch mehr als Armut und Entbehrung fürchtet Samia jedoch die Dschihadisten. Im letzten Monat startete der Islamische Staat (IS) eine Offensive gegen Sadad. Samias Mann wurde dabei von einer Mörserbombe in Stücke gerissen. Regimetreuen Milizen gelang es, die IS-Offensive zwei Kilometer vor Sadad zu stoppen. Natürlich ist Samia erleichtert. Gleichzeitig fürchtet sie sich: Was, wenn die Dschihadisten Sadad plötzlich doch einnehmen?

Es wäre nicht das erste Mal. Zwar waren es nicht die Dschihadisten des IS, aber es gibt viele weitere dschihadistische Milizen – mit einem Ziel: einen Scharia-Staat mit sunnitischer Vorherrschaft zu errichten. Alle diese Dschihadisten werden verdeckt oder sogar offen von den Amerikanern und ihren islamistischen Verbündeten – allen voran der Türkei, Saudi-Arabien und Katar – unterstützt.

Gemäss einem Bericht des US-Militärgeheimdiensts vom August 2012 wollte die Anti-Assad-Koalition den Einfluss des schiitischen Irans mit einem «de facto oder offiziell erklärten salafistischen Herrschaftsgebiet im Osten Syriens» eindämmen. Das Ziel wurde erreicht: Ein riesiges Gebiet vom Nordwesten Syriens bis vor die Tore Bagdads im Irak ist heute ein christenfreies Sunnistan. Papst Franziskus nennt es «eine Art Genozid» gegen Christen.

Die Dschihadisten, die vor etwa zwei Jahren Sadad einnahmen, gehörten zur Freien Syrischen Armee und der mit al-Kaida verbundenen Al-Nusra-Front. Samia und ihr nun verstorbener Mann waren während zehn schrecklichen Tagen in ihren eigenen vier Wänden gefangen. Die islamistischen Kämpfer töteten mehrere Christen, schändeten ihre Kirchen und zerstörten Häuser und Geschäfte, bevor sie schliesslich von regimetreuen Milizen aus Sadad vertrieben werden konnten. Solche Szenen sind in Syrien und im Irak Alltag geworden – und wenn sich die Prophezeiung von Leon Panetta erfüllt, werden sie noch lange Alltag sein. Panetta, früher Direktor des amerikanischen Geheimdiensts CIA und Verteidigungsminister, sprach von einem generationenlangen Krieg, vergleichbar mit dem 30-jährigen Krieg in Europa. Die Christen und anderen religiösen Minderheiten würden einen solchen Krieg nicht überleben.

Es gibt nun jedoch einen kleinen Hoffnungsschimmer am Horizont.
Fortsetzung auf der Website der Schweiz am Sonntag

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