• Südsudan

Dank ihrem Sklavenbefreier hat sie ein neues Leben

12. September 2016

Als junge Frau wurde die zierliche Titleeng Deng Chan von Arabern entführt und versklavt. 16 Jahre lang musste sie täglich schuften. Nach einem missglückten Fluchtversuch konnte sie mit Hilfe von Sklavenbefreier Adam entkommen. Im Interview berichtet sie über ihre Versklavung.



Titleeng wuchs im Dorf Leuth Lual auf, wo sie eine glückliche Kindheit verbrachte. Natürlich musste sie häufig arbeiten, damit ihre Familie über die Runden kam. Als Jugendliche ging Titleeng oft Wasser holen. Dies tat sie auch an einem Tag zu Beginn des neuen Jahrtausends. Sie war damals 21- jährig und ihre Mutter schickte sie zum Teich.

Unterwegs sah sich die junge Frau plötzlich umringt von arabischen Milizen auf ihren Pferden. «Sie befahlen mir, anzuhalten. Ich getraute mich nicht wegzurennen. Einer stieg von seinem Pferd, packte mich am Arm und zwang mich, mit ihnen mitzugehen», erinnert sie sich an den furchterregenden Moment. Die Verschleppung führte Titleeng zunächst ins Nachbardorf, wo weitere Araber mit ihren entführten Dinkas dazustiessen. Die Gefangenen wurden streng bewacht. Keiner hätte es gewagt, zu fliehen.

Am Rande ihrer Kräfte

Während sechs Tagen mussten Titleeng und die anderen Dinkas in Einerkolonne marschieren. Es waren die schlimmsten Tage ihres Lebens: «Ich wurde während dieser Zeit von vier Arabern vergewaltigt. Auch musste ich mitansehen, wie Gefangene geschlagen wurden, wenn sie sich zu langsam vorwärts bewegten.» Mehrmals war die schutzlose Frau am Rande ihrer Kräfte. Die Angst, selbst verprügelt zu werden, hielt sie von der Erschöpfung ab. Ernähren musste sie sich von den Essensresten der Entführer.

Sklavenhalter beschimpfte sie ständig

Als die Entführten im Norden ankamen, wurde Titleeng an Mohammed verkauft. Zusammen mit seiner Frau Amiena hatte er sechs Kinder. Mohammed behandelte seine Sklavin wie Dreck. Praktisch jeden Tag wurde sie von ihm erniedrigt und gedemütigt. «Er nannte mich ‹Nigger› (Jiengi). Ständig verfluchte er meinen Vater, meinen christlichen Glauben und beleidigte meine Mutter auf primitivste Art. Mohammed zwang mich auch, zum Islam zu konvertieren», offenbart Titleeng im Gespräch.

Täglich musste sie für Mohammeds Familie schuften, Kleider waschen, das Haus putzen und Wasser schleppen. Seine Kinder durften nicht neben ihr sitzen, weder beim Essen noch sonst irgendwo.

Die Angst nach der missglückten Flucht

Irgendwann wurde es so schlimm, dass die verzweifelte Frau es nicht mehr aushielt. So beschloss sie eines Tages, einen Fluchtversuch zu wagen. Leider schlug dieser fehl. Mohammed erwischte sie und verprügelte sie erbarmungslos. Dann zwang er sie, mit ihm zurück in sein Haus zu gehen.

Immerhin hatte Titleeng als Sklavin die Möglichkeit, hie und da auf den Markt zu gehen, wo sie andere Dinkas antraf. Als sie wieder einmal den Markt besuchte, kam ein Mann namens Adam auf sie zu. Er sagte, dass er ein Sklavenbefreier sei und fragte Titleeng, ob sie auch dem Stamm der Dinkas angehöre und zurück in den Südsudan wollte.

Natürlich wollte sie das. Doch die verunsicherte Frau hatte schreckliche Angst, dass Mohammed sie erneut finden und dann noch heftiger zusammenschlagen würde. Schliesslich war er in jenem Moment nicht weit weg. Doch Adam versicherte Titleeng, dass ihr nichts zustossen würde. Und falls ihr Sklavenhalter hinter ihr her sein würde, würde er ihm etwas geben, damit er sie definitiv ziehen lasse.

Erleichterung und Freude

Zu ihrer Beruhigung ging Adam schliesslich direkt auf Mohammed zu. Was er ihm dabei gab, weiss sie nicht. «Doch das war mir in diesem Moment überhaupt nicht wichtig. Ich war total erleichtert und glücklich, dass ich mich nun ohne Angst auf die Rückkehr in meine Heimat vorbereiten konnte.»

Adam nahm Titleeng mit in sein Lager, wo andere Dinkas warteten. Zusammen stiegen alle auf die Ladefläche eines Lastwagens, mit dem sie Adam bis an die Grenze zum Südsudan fuhr. Danach ging es zu Fuss weiter, bis sie den Sammelplatz für befreite Sklaven erreichten. Adam gab allen Dinkas noch etwas zu essen und verabschiedete sich.

Nach 16 Jahren, die ihr gestohlen wurden, lebt Titleeng wieder in ihrer Heimat. «Ich habe zwar meine Familie noch nicht gefunden. Doch ich bin so glücklich, dass ich nun als freier Mensch im Südsudan sein kann.»

Reto Baliarda


Projektgebiet nicht vom Krieg betroffen

Seit Ende 2013 herrscht im Südsudan ein Bürgerkrieg. Hauptgrund dafür ist der politische Machtkampf zwischen Präsident Salva Kiir und dem ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar. Der Konflikt hat bereits mehrere zehntausend Tote gefordert.

Das CSI-Projektgebiet in den Bundesstaaten Nördlicher Bahr el-Ghazal und Warrap ist bisher von Kämpfen verschont geblieben. Auch deshalb haben viele Kriegsflüchtlinge in diesen Bundesstaaten Schutz gesucht.

Im Südsudan leben rund zwölf Millionen Einwohner. Die Fläche des jüngsten Staats ist mit 644 329 Quadratkilometern mehr als 15-mal so gross wie die Schweiz.

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