Den Tod vor Augen

25. Oktober 2018

Aluel Ngong Atak wurde in die Sklaverei hineingeboren. Von ihren sudanesischen Sklavenhaltern wurde sie misshandelt und sexuell ausgebeutet. Sie schreckten auch nicht davor zurück, sie zu einer lebensgefährlichen Arbeit zu zwingen. Nach 20 qualvollen Jahren lernt Aluel dank CSI die Freiheit kennen.



An ihre Eltern kann sich Aluel kaum erinnern. Sklavenhalter Mohamed trennte das kleine Mädchen früh von seiner Mutter, die aus dem Südsudan entführt und versklavt worden war. Er nahm sie zu sich in sein Dorf Thien, wo er mit seiner Frau und den vier Kindern lebte. Mohameds Frau zwang Aluel, täglich mit einer schweren Mühle Sorghum zu Mehl zu mahlen: «Diese Arbeit war derart anstrengend, dass ich am Abend vor Schmerzen meine Hände kaum mehr bewegen konnte», erinnert sie sich. Kam dazu, dass sie häufig vor Hunger kaum schlafen konnte, weil sie ausser den Resten nichts zu essen erhielt.

Jedes Mal den Tod vor Augen

Aluel musste auch regelmässig mit dem Esel Wasser holen. Diese Arbeit war lebensgefährlich, musste sie doch mit einem Kessel an einem langen Seil das Wasser aus dem tiefen Brunnen ziehen. Für das kleine Mädchen war dies jeweils der reinste Terror. «Viele Sklaven waren bei dieser Arbeit in den Brunnen gefallen und qualvoll gestorben», erzählt sie. Dabei waren diese Sklaven schwerer und kräftiger als sie. «Jedes Mal, wenn mich Mohameds Frau zum Brunnen schickte, war ich beinahe starr vor Schreck. Ich hatte den Tod vor Augen.»

Sklavenhalter Mohamed war sich durchaus bewusst, wie gefährlich es war, das Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen. Deshalb durften seine Kinder dies nicht tun. Doch bei einer Sklavin wie Aluel hatte er überhaupt keine Skrupel. «Weigerte ich mich, zum Brunnen zu gehen, wurde ich mit einem Holzknüppel geschlagen.» 
Aluels Lage war aussichtslos.

Lebensbedrohliche Attacke

Doch die Angst beherrschte Aluels Alltag ohnehin. Immer wieder schrie die Familie sie an und beschimpfte sie als Jienge (Neger). «Ich fürchtete mich ständig davor, dass sie mich umbringen würden», blickt sie mit Schrecken zurück. Einmal ist es um ein Haar soweit gekommen. Die Südsudanesin erinnert sich: «Eines Morgens erwachte ich später als gewohnt, weil ich so müde von der Feldarbeit vom Vortag war. Da wurde Mohameds ältester Sohn so zornig, dass er mich töten wollte und mich mit dem Messer in den Nacken stach.» Sie überlebte die Messerattacke knapp.

Auch Mohamed selbst misshandelte Aluel. Er liess ihre Genitalien verstümmeln, damit sie eine gute Muslima sein würde. Zudem fiel er häufig nachts über sie her und vergewaltigte sie, was nebst der psychischen Tortur auch höllische Schmerzen verursachte.

Angst vor den arabischen Befreiern

Aluel war bereits eine junge Mutter, als sie eines Tages auf dem Markt einem Sklavenbefreier von CSI begegnete, der sie nach der Herkunft fragte. Er bot ihr an, sie in ihre Heimat zu bringen, und nahm sie mit in ein Lager mit anderen Dinka-Sklaven.

Für die Rückführung in den Südsudan vertraute der Befreier die Sklaven seinen Männern an. Aluel war es dabei sehr mulmig zumute: «Ich hatte Angst, mit diesen arabischen Männern mitzugehen. Ich dachte, dass sie mich unterwegs umbringen würden und bat Gott inständig um seinen Schutz.» Aluel hatte auch Angst um ihre kleine Tochter, die während ihrer Versklavung zur Welt gekommen war.

Doch glücklicherweise war ihre Furcht unbegründet. Im Gegenteil: «Die arabischen Begleiter behandelten uns sehr rücksichtsvoll und gaben uns auf der ganzen Reise in den Süden genug zu essen», bestätigt Aluel glücklich. Die heute 20-Jährige muss sich noch an ihre Heimat gewöhnen und ist von Herzen dankbar, dass sie von CSI zu essen, einen Startsack und vor allem eine Milchziege erhalten hat.

Reto Baliarda

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