«Der letzte Nagel im Sarg»

25. November 2019

Im Oktober 2019 begann die türkische Armee ihre Offensive im syrischen Nordosten, um im Grenzgebiet auf syrischem Boden einen 30 Kilometer breiten Sicherheitskorridor zu schaffen. John Eibner nahm gegenüber dem Kirchenboten Stellung.



Kirchenbote: John Eibner, wie sehr gefährdet der Einmarsch der Türkei die Minderheit der Christen in Rojava und den kurdischen Gebieten?

John Eibner: Die christliche Minderheit im Nordosten Syriens, insbesondere in der Provinz al-Hasaka, ist durch die türkische Invasion existentiell bedroht. Dies könnte sich als der «letzte Nagel im Sarg» der historischen christlichen Kirchen erweisen.

Sie sprechen vom «letzten Nagel». Besteht die Bedrohung in dieser Region schon seit längerem?

Ja, die Existenz christlicher Gemeinschaften in Syrien ist generell gefährdet, seit die USA und ihre Partner in Europa und der arabischen Welt zum Zeitpunkt des Aufstands im Jahr 2011 ein Programm zum Regimewechsel gestartet haben. (…)*

(…)

Was erwartet CSI von der Schweiz und der Politik im Westen?

(…) Der Kern des Problems ist die Destabilisierung des syrischen Staates. (…) Einer der wichtigsten Schritte, die die Schweiz und ihre westlichen Partner unternehmen müssen, ist die Aussetzung der verhängten Sanktionen für den breiten Wirtschaftssektor. Bundesrat Schneider-Ammann räumte vor seinem Rücktritt ein, dass die Sanktionen «negative Folgen» für die syrische Zivilbevölkerung haben. Die Genfer Konventionen verbieten jedoch die kollektive Bestrafung von Zivilisten für die Missetaten ihrer Herrscher. (…) Die Schweiz als neutrales Land sollte auch ihre Botschaft in Damaskus wieder öffnen.

Die Wiederherstellung der Herrschaft von Diktator Baschar al-Assad und seinem berüchtigten Geheimdienst kann aber doch nicht die Lösung sein?

Es ist zu hoffen, dass die derzeitigen Fortschritte bei den von den Vereinten Nationen geförderten Verfassungsgesprächen letztendlich zu einer starken, integrativen Regierungsgewalt führen. (…)

Sollte man von Europa und der Schweiz aus nicht besser die Zivilgesellschaft stärken statt auf diktatorische Machthaber zu setzen?

In der Tat sollten die Schweiz, Europa und die USA versuchen, mit aller Kraft die Zivilgesellschaft zu stärken. Es ist ein bedauerliches Zeichen der Zeit, dass wir davon in der Praxis nicht mehr viel sehen. Allzu oft verbünden sich westliche Staaten mit brutalen Diktaturen wie Saudi-Arabien. Ein Land, das nicht nur alle politischen Oppositionen zerschlägt, sondern auch den sozial-religiösen Pluralismus leugnet. (…)

Tilmann Zuber (Kirchenbote-Chefredaktor)

 

CSI ist in Kontakt  mit Partnern in der Region und leistet  den Vertriebenen  humanitäre Hilfe.

 

*Dieses Interview ist stark gekürzt. Original vom 17. Oktober 2019 finden Sie hier.

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Projekt Syrien