Der verfassungsrechtlichen Religionsfreiheit zum Durchbruch verhelfen

01. Dezember 2017

Trotz Religionsfreiheit werden Christen in Indien zusehends bedroht und attackiert. Die indische Anwältin Arora setzt sich juristisch für christliche Opfer von religiösen Übergriffen ein. Sie befürchtet, dass sich die bedrohliche Lage in naher Zukunft noch zuspitzen wird.



Frau Arora, wie zeigt es sich, dass die Religionsfreiheit in Indien unter Druck ist?

Die gewaltsamen Übergriffe gegen religiöse Minderheiten haben deutlich zugenommen. Laut einem Bericht des Innenministeriums gab es in den letzten drei Jahren über 2000 Angriffe auf religiöse Minderheiten, bei denen physische Gewalt angewendet wurde. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein, denn viele Opfer wagen es nicht, die Polizei zu verständigen.

Warum denn nicht?

Nur allzu oft ist die Polizei befangen und schützt die Täter. Die Opfer werden im Stich gelassen. Von den 200 Übergriffen auf Christen, die wir alleine dieses Jahr registriert haben, nahm die Polizei nur in 25 Fällen Ermittlungen auf. Das ist schockierend.

In welchen Teilen Indiens werden die Christen besonders unterdrückt?

Prekär ist die Lage vor allem in Madhya Pradesh, Chhattisgarh, Jharkhand sowie Tamil Nadu im Süden und Uttar Pradesh, dem bevölkerungsreichsten Staat in Indien. Im Staat Odisha, wo vor über neun Jahren im Distrikt Kandhamal ein Massaker gegen Christen mit über 100 Todesopfern und mehr als 50 000 Vertriebenen verübt wurde, hat sich die Situation deutlich gebessert.

Ein solch verheerender Übergriff wie damals in Kandhamal ist seitdem in Indien nicht mehr vorgekommen. Da könnte man doch einwenden, dass die Lage für die Christen heute nicht mehr so dramatisch ist.

Kandhamal ist bis heute zum Glück ein schlimmer Einzelfall geblieben. Was hingegen zugenommen hat, sind die Übergriffe in weiten Landesteilen von Indien. Auch wenn diese in den seltensten Fällen tödlich enden, sind sie für die Christen dramatisch, Sie werden bedroht, zusammengeschlagen und vertrieben. Viele sind total verängstigt. Zudem kann es jederzeit zu einem Gewaltausbruch wie in Kandhamal kommen.

Diese gewaltsamen Übergriffe passen gar nicht in das Bild, das viele Westeuropäer vom Hinduismus haben.

Viele Schweizer und andere Europäer erachten den Hinduismus als eine friedliche, spirituelle Religion. Ihnen dürfte weniger bekannt sein, dass es einen politischen und nationalistischen Hinduismus gibt, der grosse Gefahren birgt.

In diesem Zusammenhang ist oft von Hindutva die Rede, was ist damit gemeint?

Der Begriff Hindutva wurde von der einflussreichen Hinduextremisten-Organisation RSS geprägt. Hindutva ist eine politische Philosophie, die definiert, wer Hindu und Inder ist. Demnach gehören jene Menschen zu den wahren Indern, die Indien als ihr heiliges Land und Vaterland haben. Das sind Menschen, die einer der in Indien entstandenen Religion angehören, also dem Hinduismus, Buddhis­mus oder Sikhismus. Als Christ und somit Angehörige einer ausländischen Religion kann ich gemäss der Hindutva keine richtige Inderin sein.

Bekannt ist auch die Forderung, dass Indien bis 2021 rein hinduistisch sein soll.

Diese Forderung muss ernst genommen werden, weil sie von vielen einflussreichen Politikern kommt. Die religiösen Minderheiten, allen voran Christen und Muslime, sollen unter Druck gesetzt werden, indem ihnen alle Rechte genommen werden. Gerade die neue Regierung von Uttar Pradesh arbeitet stark auf dieses Ziel hin. Wir hoffen deshalb, dass die Wahlen von 2019 zu einer Entspannung führen werden.

Zugleich möchte ich festhalten, dass die meisten Hindus nach meinen Erfahrungen gegenüber Andersgläubigen tolerant sind. Es ist nur eine kleine, aber einflussreiche Minderheit, welche die Hindutva propagiert.

Sie leiten ein Team von Juristen, das sich auch vor Gericht landesweit für benachteiligte und bedrohte Christen einsetzt. Wie erfolgreich ist Ihre Arbeit?

Wir sind vor Gericht ziemlich erfolgreich. Wichtig ist, dass wir nie aufgeben und immer unser Bestes geben, selbst wenn wir einige Verfahren verlieren. Bei vielen Fällen, die wir vertreten, können wir die verfassungsrechtlich geschützte Religionsfreiheit als Argument ins Feld führen. Darauf müssen die Richter eingehen.

Wie unabhängig sind denn die Gerichte?

Sie sind im Wesentlichen unabhängig, wenn es um den Schutz der religiösen Minderheiten geht. Ein Problem ist, dass viele Verfahren oft nur schleppend verlaufen. Zudem können uns diese leider sehr teuer zu stehen kommen.

Haben Sie manchmal auch selbst Angst?

Natürlich müssen wir unsere Arbeit mit der nötigen Vorsicht angehen. Doch wir müssen auch für unseren Glauben einstehen. Bisher wurde ich nur einmal bedroht, kurio­serweise aber nicht in Indien, sondern in der Schweiz, als ich in Genf an einem Anlass über religiöse Minderheiten in Asien sprach. Nach meinem Auftritt kam ein in der Schweiz lebender Inder auf mich zu und meinte, dass es für mich schwierig werde, nach Indien zurückzukehren.

Meine Mitarbeiter vor Ort, die direkten Kontakt mit den bedrängten Christen haben, sind besonders vorsichtig. Nachts sind sie nie unterwegs. Zudem müssen sie gute Kontakte zu anderen Anwälten pflegen, vor allem zu Hindus.

Was ist Ihre grösste Sorge, wenn Sie an die Lage der religiösen Minderheiten in Indien denken?

Ich befürchte, dass sich die Lage für die Minderheiten noch wesentlich verschlechtern wird, bevor eine Wende zum Besseren eintritt. Natürlich hoffe ich, dass ich falsch liege.

In der Vergangenheit hatte ich Indien als ein Land erlebt, in welchem ein Nebeneinander verschiedener Kulturen möglich ist. Noch immer kommt es zum Beispiel vor, dass Hindus in einer Kirche beten und nachher einen Tempel besuchen. Doch leider werden wir Christen zunehmend auf eine Identität reduziert, jene unseres Glaubens. Dass wir als Christen auch andere Identitäten wie beispielsweise Mutter oder Anwältin haben, tritt immer mehr in den Hintergrund.

Was motiviert Sie persönlich in Ihrer anspruchsvollen Arbeit?

Ich halte mich an Gottes Vorsehung fest, dass er für uns sorgt und uns schützt, damit wir unseren Glauben leben und uns auch für die leidenden Christen in Indien einsetzen können.

Reto Baliarda

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