• Südsudan

«Die Entführer vergewaltigten mich jeden Abend»

02. Juni 2016

Den weitaus grössten Teil ihres noch jungen Lebens hat Adoir Akot Deng als Sklavin im Sudan erlebt. Sie ist glücklich und dankbar, dass sie Anfang dieses Jahres fliehen konnte und nun im Südsudan leben kann.



«Als kleines Kind lebte ich mit meinen Eltern bescheiden, aber zufrieden in einem Dorf des heutigen Südsudans. Ich war gerade mal siebenjährig, als in der Nähe ein heftiger Kampf zwischen den Arabern aus dem Norden und der Südsudanesischen Befreiungsarmee (SPLA) ausbrach. Die arabischen Milizen kamen immer näher. Wir versuchten zu fliehen, doch es war schon zu spät. Die Kämpfer umzingelten unser Dorf und nahmen jeden mit, den sie fanden. Auch mich erwischten sie. Ich wurde von meinen Eltern heftig weggezerrt. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen.

Qualvolle Verschleppung während acht Tagen

Die arabischen Entführer zwangen mich, mit ihnen in Richtung Nordsudan zu gehen. Einige Kidnapper ritten auf einem Pferd oder einem Esel. Andere waren gingen zu Fuss und brachten unterwegs weitere Menschen in ihre Gewalt. Diejenigen, die sich gegen die Entführung wehrten, wurden einfach umgebracht. Es war ein grausamer Tag.

Die Entführung dauerte achte traumatische Tage. Zu Essen erhielten wir gekochtes Sorghum. Doch dafür blieb uns nur wenig Zeit. Die längste Zeit mussten wir marschieren. Dabei musste ich mitansehen, wie viele verschleppte Menschen, die nicht so schnell gehen konnten, von den brutalen Sklavenhändlern geschlagen wurden. Direkt vor meinen Augen wurden ausserdem fünf Menschen getötet, weil sie vor Schmerzen und Erschöpfung kaum mehr gehen konnten. Für mich persönlich waren die Nächte der grösste Albtraum. Denn jede Nacht rissen mich die Araber aus der Gruppe und vergewaltigten mich.

Erbarmungsloser Sklavenhalter

Als wir schliesslich im Norden ankamen, wurde ich an Mohammed verkauft. Er war mit Mira verheiratet und hatte fünf Kinder, zwei Buben und drei Mädchen. Die Familie lebt in einem grossen Bauernhof in einem Dorf namens Amatik. Beim Essen durfte ich nicht neben den Kindern sitzen. Jeden Tag musste ich die Kleider waschen und mich um die Ziegen kümmern. Vor allem beim Hüten der Ziegen fühlte ich mich häufig überfordert, weil es so viele waren. Da kam es manchmal vor, dass eine Ziege aus der Herde entwich. Doch jedes Mal, wenn dies vorkam, schlug mich Mohammed zusammen und beschimpfte mich aufs Übelste. Dabei nannte er mich zum Beispiel „Dreckige schwarze Sklavin“.

Flucht im richtigen Moment

Über 20 Jahre lang wurde ich als Sklavin schlecht und ohne jeglichen Respekt behandelt. Vor einigen Monaten vernahm ich, dass sich der Sklavenbefreier Adam Musa in unserer Gegend aufhielt. Am Abend des 26. Januar 2016 erfuhr ich, dass Adam im Nachbardorf war. In jener Nacht fasste ich mir ein Herz und floh, bis ich ihn fand. Adam, der ein guter Araber ist, nahm mich in sein Lager mit befreiten Sklaven auf und brachte uns sicher in den Südsudan. Ich bin ihm unendlich dankbar, dass ich nun in meiner Heimat als freier Mensch im Dörfchen Akuem ein neues Leben beginnen kann.»

Reto Baliarda

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