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Interview: «Die Kinder werden in Bordellen, Haushalten und Fabriken ausgenutzt»

23. Dezember 2019

Die Zahl der Opfer von Menschenhandel steigt. Parul Singh erklärt, warum das so ist und weshalb die Eltern nicht einfach zur Polizei gehen können. Singh leitet die von CSI unterstützten Projekte gegen Menschenhandel in Indien. Dazu gehört auch ein Schutzhaus, das 2019 eröffnet wurde.



CSI: Parul Singh*, wie viele Menschen sind in Indien Opfer des Menschenhandels?

Parul Singh: Es sind schätzungsweise 19 Millionen Menschen. Die Mehrheit der Opfer ist unter 18 Jahren. Die Kinder werden zum Beispiel in Bordellen, Haushalten und Fabriken ausgenutzt. Der Menschenhandel hat gegenüber den Vorjahren zugenommen. Denn die grössere Armut in Indien bringt wachsende Kriminalität – auch unter Frauen: Etwa 50 Prozent der Menschenhändler in Indien sind weiblich.

Bei den Opfern ist wohl mehr als die Hälfte weiblich.

Ja, allerdings nimmt die Nachfrage nach Knaben zu. Zum einen, weil sie als billige Arbeitskraft ausgenutzt werden. Zum anderen sind immer mehr Homosexuelle in den Menschenhandel involviert.

Wie erklären Sie sich, dass der Menschenhandel in Indien derart ausufert?

In Indien ist eine Kultur der Unterdrückung verbreitet. Menschen aus höheren Kasten behandeln Menschen aus der Unterschicht respektlos, auch staatliche Stellen. Und dies, obschon gemäss der indischen Verfassung alle Menschen gleichwertig sind. Dalits sind vom Menschenhandel am meisten betroffen, da sie mit Geld und betrügerischen Jobangeboten leicht geködert werden können. Ein Kind wird zu einem Preis von durchschnittlich 400 Franken verkauft. Das ist für mittellose Dalits viel Geld.

Zudem herrscht bei uns eine Kultur des Schweigens. Viele Inder sind der Ansicht, dass Menschen, denen Unrecht widerfährt, dieses verdient haben (Karma). Wer seine Stimme gegen Ungerechtigkeit erhebt, wird so schnell mundtot gemacht.

Ferner verlagert sich der Menschenhandel zusehends ins Internet, besonders auf soziale Medien wie Face­book und Youtube. Das erschwert unsere Arbeit zusätzlich. Das Internet verstärkt auch den grenzüberschreitenden Menschenhandel.

Wenn ein Kind entführt wird, können sich die Eltern doch an die Polizei wenden.

Leider bleibt diese häufig untätig. Sie ignoriert Hilferufe von Opfern, weil diese meist benachteiligten Bevölkerungsgruppen angehören. Die Opfer haben Angst, sich an die Polizei zu wenden. Wir führen deshalb in Dörfern Aufklärungsvorträge durch und verteilen eine Notfallnummer, unter der sie uns benachrichtigen können.

Man muss leider auch sagen, dass nach wie vor häufig Familienangehörige die Kinder verkaufen. Vielfach geschieht dies aus wirtschaftlicher Not. Ich erinnere mich an einen Fall vor einigen Monaten, als wir drei Mädchen aus dem Bundesstaat Jharkhand im Alter von 15 und 16 Jahren aus einem Bordell in Delhi retten konnten. Die Eltern wollten sie wieder verkaufen.

Zum Glück haben Sie das verhindert! Wie viele Opfer konnten Sie in der jüngsten Vergangenheit retten?

Wir haben in den letzten zwei Jahren über 500 Betroffene gerettet.

Spielt die Religionszugehörigkeit beim Menschenhandel in Indien eine Rolle?

Menschen aller Religionen fallen dem Menschenhandel zum Opfer. Doch die religiösen Minderheiten sind speziell gefährdet, da sie wegen ihres Glaubens weniger Schutz geniessen.

Seit 2019 ist das von CSI unterstützte Schutzhaus für befreite Opfer des Menschenhandels in Betrieb. Wie ist es angelaufen?

Gegenwärtig sind im Schutzhaus sechs Mädchen untergebracht. Sie werden liebevoll betreut, leben in einem geschützten Umfeld und erhalten Hilfe, um ihr Trauma zu überwinden. Zudem können sie die Schule besuchen und später auch eine Ausbildung machen. Sie werden für eine stabile und selbstständige Zukunft vorbereitet.

Reto Baliarda

* Name geändert

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