Die religiöse Vielfalt ist in Gefahr

29. Januar 2017

Die religiöse Toleranz im mehrheitlich muslimischen Indonesien wird auf die Probe gestellt. Ein Gradmesser dürfte das Schicksal von Basuki Tjahaja Purnama, christlicher Gouverneur von Jakarta, sein. Noch vor den Wahlen am 15. Februar 2017 könnte er wegen Blasphemie verurteilt werden.



Diese Protestaktion wurde beendet. Den aktuellen Protest finden Sie hier.

Obwohl sunnitische Muslime mit einem Anteil von rund 90 Prozent die grosse Bevölkerungsmehrheit im Land der 17 500 Inseln stellen, sind sie laut Verfassung Christen, Buddhisten und Anhängern von anderen Religionen gleichgestellt. Die meisten Muslime im Land folgen einem moderaten Islam.

Beliebter Gouverneur

So war es möglich, dass 2014 der Christ Basuki Tjahaja Purnama, kurz «Ahok» genannt, zum Gouverneur von Indonesiens Hauptstadt Jakarta gewählt wurde. Und Ahok hat seine Wähler nicht enttäuscht. Er liess das Strassennetz in Jakarta verbessern und bekam das Überschwemmungsproblem der Hauptstadt in den Griff. Zudem gilt der engagierte Kämpfer gegen die Korruption als unbestechlich.

Ahoks Wiederwahl am 15. Februar 2017 schien daher so gut wie gesichert. Er wurde auch schon als Nachfolger von Indonesiens Präsident Joko Widodo gehandelt.

Natürlich hat Ahok auch viele Gegner, vor allem islamistische Gruppen wie die Front zur Verteidigung des Islams (FPI). Und weil Umfragen zu den bevorstehenden Wahlen Ahok vorne sehen, hat die FPI zur islamistischen Trickkiste gegriffen. Öffentlichkeitswirksam mahnte sie die Muslime, dass es eine Sünde sei, einen Nicht-Muslim zu wählen. Die extremistischen Kleriker berufen sich dabei auf Sure 5,51 im Koran: «Nehmt keine Juden oder Christen als Alliierte.» Doch damit nicht genug. Ein islamistischer Gelehrter warnte gar vor der Hölle: «Am Tag des Gerichts wird Gott euch fragen, warum ihr einen Ungläubigen als Führer gewählt habt.»

Blasphemievorwürfe wegen Kritik einer Koransure

Am 27. September 2016 bezog sich Ahok öffentlich auf die Anstachelungen der FPI und sagte, dass die Wähler getäuscht würden. Sie mögen bei der Wahl selbst entscheiden und sich nicht von der Angst vor der Hölle verführen lassen.

Nachdem Ahoks Rede am 5. Oktober auf Youtube verbreitet worden war, flammte der Zorn vieler Muslime auf. Den entfachten Flächenbrand konnte auch Ahoks Entschuldigung am 10. Oktober nicht löschen.

Am 4. November demonstrierten rund 100 000 Muslime in Jakarta gegen Ahok. Unter den Demonstranten befanden sich angeblich auch Syrien-Heimkehrer, die in der traditionell gemässigten südostasiatischen Nation ein Kalifat errichten wollen. Der Massenprotest blieb nicht ohne Folgen: Am 16. November nahm die Polizei Ermittlungen gegen Ahok wegen Verdacht auf Blasphemie auf.

Massenproteste – zwiespältige Rolle von Widodo

Über 200 000 konservative Muslime demonstrierten am 2. Dezember 2016. Sie forderten die Absetzung von Ahok und dass er wegen Blasphemie weggesperrt werde. Präsident Widodo spielte dabei eine zwiespältige Rolle. Noch vor der Demonstration hatte er mit Rizieq Shihab, dem Gründer der extremistischen FPI, gebetet. Nach dem Protestmarsch drückte er seine Wertschätzung für die friedliche Demo gegen Ahok aus.

Hat sich Präsident Widodo auf die Seite der Islamisten geschlagen? Die Indonesien-Kennerin Sidney Jones kritisiert die politische Elite Indonesiens. Diese habe es Extremisten erlaubt, religiösen Hass gegen den Gouverneur zu verbreiten.

Andreas Harsono von «Human Rights Watch» befürchtet, dass Ahok noch vor den Wahlen von Mitte Februar 2017 verhaftet werde. Harsono hat 200 Blasphemiefälle seit 1965 studiert. Nur in einem einzigen Fall gab es einen Freispruch.

Hoffnungsschimmer

Zuversichtlich stimmt, dass nicht alle Indonesier die Protestmärsche vom 4. November und 2. Dezember gutheissen. Zehntausende hatten dagegen protestiert. Am 30. November 2016 traten gar Millionen von Indonesiern im ganzen Land bei friedlichen Kundgebungen unter dem Motto «Gebet für Einheit» für Toleranz ein. Zudem hatten die grössten muslimischen Organisationen in Indonesien – Nahdlatul Ulama (NU) und Muhammadiyah – ihre Mitglieder dazu aufgerufen, sich von der Kundgebung vom 4. November fernzuhalten.

Und dennoch ist Präsident Joko Widodo gefordert, den religiösen Frieden und die Einheit seines Landes zu wahren. Denn die Gefahr des islamistischen Extremismus greift in weiten Teilen Indonesiens um sich.

Der Gerichtsprozess gegen Ahok hat am 13. Dezember 2016 begonnen. Bei einer Verurteilung wegen Blasphemie drohen ihm fünf Jahre Haft.

 

Reto Baliarda

 


 

Christenfeindliche Übergriffe

Im Oktober 2015 wurden in der indonesischen Scharia-Provinz Aceh (Insel Sumatra) elf Kirchen zerstört, teils durch Extremisten, teils durch die Polizei aufgrund von Reklamationen, dass unlizenzierte Kirchen niedergerissen werden müssten. Bis jetzt wurden die Kirchen nicht wieder aufgebaut. Sechs der elf betroffenen Kirchgemeinden führen ihre Gottesdienste in Zelten weiter, die anderen fünf in anderen Kirchen. Aber viele leben in Angst. «Die Täter leben in der Nachbarschaft und beobachten unsere Mitglieder sehr genau», so ein lokaler Pastor.

Der Prozess, eine unlizenzierte Kirche zu registrieren, verläuft sehr langsam. Die zuständigen Behörden haben Angst, durch mehr Bewilligungen den Unmut der muslimischen Wähler zu schüren. Dennoch schliessen sich immer mehr Menschen in Aceh einer Kirche an.

Am 13. November 2016 warf ein Islamist eine selbstgebaute Bombe auf einen Kirchenkomplex in Samarinda auf der Insel Borneo. Ein zweijähriges Mädchen starb. Drei weitere Kinder wurden schwer verletzt. Die Muslime von «Nahdlatul Ulama» verurteilten die Tat als einen Akt der Blasphemie. Zudem waren zahlreiche Demonstranten in den darauffolgenden Tagen in Jakarta und Semarang zusammengekommen und forderten «Einheit trotz Unterschiedlichkeit».

Appelltext

Your Excellency

I am deeply concerned about the developments your country takes in regard to religious liberty issues. The world has long viewed Indonesia as an example of religious peace and tolerance among different religious groups for many decades. These commendable social achievements are now endangered. A sad example of this threat ist the fact that Basuki Tjahaja Purnama (“Ahok”), the governor of Jakarta, is under prosecution for being accused of blasphemy on very questionable grounds.

I urgently ask you to protect Indonesia’s tradition of religious tolerance and pluralism so that the religious minorities in your country can continue living in peace and safety. I particularly implore you to take all measures possible so that Basuki Tjahaja Purnama will be acquitted from the allegation of blasphemy.

Yours sincerely

Ich mache mir grosse Sorgen um die Religionsfreiheit in Ihrem grossartigen Land. Während vieler Jahrzehnte galt Indonesien als Vorbild für religiösen Frieden und Toleranz. Dass nun der christliche Gouverneur von Jakarta, Basuki Tjahaja Purnama («Ahok»), wegen angeblicher Blasphemie angeklagt wurde, zeigt, dass die freiheitlichen Werte und demokratischen Errungenschaften in Indonesien bedroht sind.

Ich bitte Sie daher dringend, die indonesische Tradition von religiöser Toleranz und Pluralismus zu schützen, damit die religiösen Minderheiten weiterhin in Frieden und Sicherheit leben können. Ganz besonders bitte ich Sie, alles zu unternehmen, damit Basuki Tjahaja Purnama vom Vorwurf der Blasphemie freigesprochen wird.

 

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