Die USA und Russland sollen zusammenarbeiten, um den Pluralismus im Nahen Osten zu schützen

03. Oktober 2018

«Es ist ein Wunder, dass es heute überhaupt noch Pluralismus gibt im Nahen Osten», sagte der libanesische Professor Habib Malik gestern in Zürich. Er sprach auf Einladung von Christian Solidarity International über die Gross- und Regionalmächte im Nahen Osten und ihren Einfluss auf den sozioreligiösen Pluralismus.



Professor Habib Malik von der Lebanese American University ging detailliert auf die Interventionen ausländischer Mächte in den letzten Jahrhunderten im Nahen Osten ein. Er wies die Auffassung als tendenziöse Propaganda zurück, wonach westliche Mächte und andere imperialistische Akteure die Hauptverantwortung für die andauernde Krise im Nahen Osten und das Leiden der nichtmuslimischen Minderheiten tragen würden – eine Auffassung, die unter Politikern im Nahen Osten und in akademischen Kreisen im Westen weitverbreitet sei.

Minderheiten-Status als Zweitklassbürger ist Rezept zur Auslöschung

Die Einschränkung der persönlichen und kollektiven Freiheit im Nahen Osten gehe hauptsächlich auf tiefverwurzelte Einstellungen in den islamischen Gesellschaften zurück, «die das Andere in ihrer Mitte gewöhnlich nicht akzeptieren». Habib Malik erwähnte das System der «Dhimmis», in dem nichtmuslimische Minderheiten als Bürger zweiter Klasse behandelt werden. «Dhimmitum ist keine Formel für Toleranz, die am Ende zu Akzeptanz führt, sondern ein Rezept für die vorsätzliche und unerbittliche Auslöschung.» Dieses System habe zu einer «Entmenschlichung» von Nichtmuslimen geführt.

Grossbritannien und Frankreich berücksichtigten Vielfalt nicht

Wenn imperialistische Interventionen im Nahen Osten den Nichtmuslimen geschadet haben, sei der Grund dafür gewesen, dass die ausländischen Mächte die Verletzlichkeit der Minderheiten, die seit Jahrhunderten um ihr Überleben kämpfen, nicht erkannt hätten.

Ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert seien Grossbritannien, Frankreich und Russland die primären imperialistischen Akteure gewesen, die im Nahen Osten – damals unter der Herrschaft des Osmanischen Reichs – intervenierten. Russland trat anfänglich als Beschützer der orthodoxen Christen auf, legte diese Rolle unter der kommunistischen Regierung aber wieder ab. Grossbritannien und Frankreich besetzten nach 1918 weite Teile des Nahen Ostens, drängten der Region willkürliche Grenzen auf, ohne die Verbreitung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu berücksichtigen, und importierten ihr eigenes politisches System des Einheitsstaats. Dieses System war angesichts der religiösen Vielfalt ungeeignet und öffnete einer Reihe von rücksichtslosen Militärdiktatoren die Tür.

US-Aussenpolitik: «herzlose Einstellung» gegenüber Minderheiten

Der Aufstieg der USA zur Supermacht im 20. Jahrhundert verbesserte die Situation nicht. Malik sprach von einer «herzlosen Einstellung» gegenüber Minderheiten in Nahost in der Aussenpolitik der USA. Er erwähnte die amerikanische Unterstützung autoritärer und radikaler Diktaturen in der Region, die Preisgabe der libanesischen Christen an die syrische Herrschaft in den 1980er Jahren und die Zerstörung der christlichen Gemeinschaften im Irak im Chaos, das auf die US-Invasion des Iraks von 2003 folgte. Letztere habe den Aufstieg des Islamischen Staats begünstigt, «die tödlichste Entwicklung» für den religiösen Pluralismus im Nahen Osten.

Förderung von Pluralismus ist wirkungsvolle Strategie gegen Radikalisierung

Nichtsdestotrotz zeigte sich Malik hoffnungsvoll bezüglich einer amerikanisch-russischen Kooperation zum Schutz von religiösen Minderheiten. Beide Länder seien stark vom internationalen Terrorismus aus dem Nahen Osten betroffen. «Die Förderung von Pluralismus im Nahen Osten wäre eine wirkungsvolle Strategie gegen Radikalisierung.» In beiden Staaten hätten hohe Politiker ihre Sorge über die Situation der Minderheiten in der Region geäussert. Das sei ein gemeinsamer Nenner in einer Beziehung, die wegen den Konflikten in Syrien und der Ukraine sowie den Cyberattacken während der US-Präsidentschaftswahlen arg strapaziert sei.

Föderaler Staat für Pluralismus förderlich

Dabei müsse berücksichtigt werden, dass die grosse Mehrheit der nichtmuslimischen einheimischen Bevölkerung im Nahen Osten unter politischem und sozialem Zwang lebe. Ein föderales Staatssystem wäre zwar kein Allheilmittel, aber besser geeignet, die religiöse Vielfalt der Region zu erhalten und die Freiheiten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu gewährleisten. «Freiheit ist der zentrale Bestandteil eines starken Pluralismus.»

Über Habib Malik

Habib Malik ist ausserordentlicher Professor für Geschichte und Kulturwissenschaften an der Lebanese American University. Sein Referat vom 2. Oktober 2018 in Zürich trug den Titel «Contemporary Imperial Actors and their Impact on Socio-Religious Pluralism in the Middle East». Malik ist Autor des Buchs «Islamism and the Future of the Christians of the Middle East». Er hielt bereits 2012 ein Referat in Zürich im Rahmen der CSI-Vortragsreihe zur Zukunft der religiösen Minderheiten im Nahen Osten. Die Referate der Vortragsreihe sind dieses Jahr in einem Sammelband erschienen: «The Future of Religious Minorities in the Middle East», Rowman and Littlefield. www.middle-east-minorities.com

 

 

Christian Solidarity International (CSI) ist eine christliche Menschenrechtsorganisation für Religionsfreiheit und Menschenwürde. www.csi-schweiz.ch

Kontakt

Adrian Hartmann

adrian.hartmann@csi-schweiz.ch

044 982 33 40 | 078 836 07 47

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