• Indien

Diskriminiert und schutzlos

23. März 2014

Bis heute sind in Indien Gesetze in Kraft, die religiöse Minderheiten benachteiligen. Hinduextremisten nutzen die menschenrechtsverletzenden Gesetze, um gegen sie vorzugehen.



Indien ist die grösste Demokratie und wird bald das bevölkerungsreichste Land der Welt sein. Zwar sind 80??% der Bevölkerung Hindus. In Indien lebt aber auch die drittgrösste Anzahl Muslime (nach Indonesien und Pakistan). Nur etwa 2% der Bevölkerung sind Christen – in absoluten Zahlen sind es dennoch 25 Millionen.

Massaker an Christen und Muslimen

Muslime und Christen haben gemeinsam, dass sie im letzten Jahrzehnt Opfer beispielloser Massaker wurden: Muslime 2002 im Bundesstaat Gujarat, Christen 2008 im Bundesstaat Odisha (früher Orissa). Hinduextremisten wüteten in ihren Siedlungsgebieten, brandschatzten, mordeten, vergewaltigten. Die Schuld wurde jeweils den Opfern zugeschoben. Die Regierung liess die Hindumobs tagelang, teils sogar wochenlang, ungehindert wüten. Beide Verfolgungswellen wurden bis heute nicht restlos aufgeklärt.

Gesetze schüren Klima des Hasses

Solche Massaker geschehen nicht einfach aus heiterem Himmel. Sie sind nur in einem Klima des Hasses möglich, das heute verbreiteter ist denn je und auch von ungerechten Gesetzen geschürt wird. Diese Gesetze tragen den irreführenden Titel «Religionsfreiheitsgesetze», sind aber treffender als «Antikonversionsgesetze» zu bezeichnen. In sechs Bundesstaaten – darunter auch in Gujarat und Odisha, den Schauplätzen der Massaker von 2002 und 2008 – sind Antikonversionsgesetze in Kraft. Anstatt die Religionsfreiheit zu schützen, schränken sie diese empfindlich ein, indem sie Hindus den Religionswechsel nur unter hohen Auflagen gestatten: Die Behörden müssen zum Beispiel über die Konversion informiert werden, was für den Konvertiten schwerwiegende Konsequenzen haben kann: Drohungen, Diskriminierung im Alltag, Überfälle, bis hin zum Mord. Im September 2013 wurde Laxmi Sovi, eine Witwe aus Chhattisgarh, die zum Christentum konvertiert war, in ihrem Haus brutal zusammengeschlagen, weil sie sich weigerte, zum Hinduismus zurückzukehren. Auch Pastoren werden Opfer von solchen Angriffen, da man ihnen vorwirft, mit unlauteren Mitteln zu missionieren. Vorgebliches Ziel der Gesetze ist es zu verhindern, dass sich Menschen unter Zwang bekehren. Zu Verurteilungen wegen Zwangsbekehrungen kommt es jedoch praktisch nie.
Die Gesetze dienen gewaltbereiten Hinduextremisten aber immer wieder als Vorwand, um Bekehrungen zu verhindern und Angehörige von Minderheitenreligionen anzugreifen. Der Vorwurf der Zwangskonversion hat beim Massaker von 2008 im Bundesstaat Odisha eine Rolle gespielt und wird bis heute bei vielen Angriffen als Rechtfertigung bemüht. Wenn es in einer Region zu mehreren Konversionen kommt und die Kirchen wachsen, wird schnell der Verdacht laut, dass Zwangskonversionen durchgeführt werden. Im Januar 2014 wurde Pastor Orucanti Sanjeevi in seinem Haus in Vikarabad, Bundesstaat Andhra Pradesh, derart brutal zusammengeschlagen, dass er wenige Tage später im Krankenhaus an seinen Verletzungen starb. Die Angreifer, Angehörige der hinduistischen Vahini-Gruppe, hatte verärgert, dass sich das Christentum in der Gegend ausbreitete. Solche Vorfälle sind in den Bundesstaaten mit Antikonversionsgesetzen besonders häufig.

Täter werden nicht bestraft

Der Staat trägt mit seinem zögerlichen Vorgehen gegen die Täter viel dazu bei, dass solche Attacken kein Ende nehmen. Nur ein Bruchteil der Angreifer, die 2008 in Odisha 50??000 Christen aus ihrem Zuhause vertrieben und 100 Menschen töteten, wurde wegen ihrer Taten verurteilt. Es kommt auch immer wieder vor, dass Hinduextremisten einen Pastor unter dem Vorwand der Zwangskonversion von Hindus übel zurichten und dann auf einen Polizeiposten schleppen. Anstatt die Schläger zur Rechenschaft zu ziehen, wird das Opfer bedrängt. Im Oktober 2013 zum Beispiel wurde der 23-jährige Bibelschüler Shyam Sunder in Milan Patra, Chhattisgarh, brutal zusammengeschlagen. Sein Pastor, Arun Toppo, wandte sich daraufhin an die Polizei, um Anzeige zu erstatten. Dort wurde ihm gedroht, er solle mit den Gottesdiensten aufhören, sonst werde man gegen ihn Anzeige erstatten. Die Polizei zwang den Pastor zu unterschreiben, dass er keine Anzeige gegen die Angreifer erstatten werde. Die Straflosigkeit der Täter ermutigt einerseits diese dazu, religiöse Minderheiten weiter zu attackieren. Andrerseits schüchtert sie die religiösen Minderheiten ein, weil diese sich den Hinduextremisten schutzlos ausgeliefert sehen. Die indische Regierung hat sich in ihrer Verfassung und völkerrechtlich dazu verpflichtet, Religionsfreiheit zu gewährleisten. Damit diese auch für religiöse Minderheiten gilt, müssen die Antikonversionsgesetze abgeschafft und gewalttätige Hinduextremisten bestraft werden.
Autoren: Adrian Hartmann | Luise Fast
Quelle: Morning Star News


CSI-Projekt in Indien

Die Opfer der gewalttätigen Übergriffe in Odisha von 2008 werden von den Behörden im Stich gelassen. In der hinduistischen Bevölkerung ist die Ansicht weit verbreitet, dass die Christen selbst am Massaker schuld sind. Im Oktober 2013 wurden sieben Christen in einem Skandalurteil zu lebenslänglicher Haft verurteilt.
Mehr zum ungerechten Urteil   Wer sich als Opfer der Übergriffe von 2008 zu erkennen gibt, findet keine Arbeit. Unsere Partner vor Ort bilden solche Flüchtlinge zu Näherinnen, Köchen oder Chauffeuren aus und helfen mit Startkapital, damit sie sich ihren Lebensunterhalt wieder selber verdienen können. Für Kinder, die einen Elternte oder sogar beide verloren haben, unterstützt CSI ein Waisenheim, wo sie in Geborgenheit aufwachsen und die Schu besuchen können. Sie werden in der Verarbeitung ihrer traumatischen Erfahrungen begleitet.
Unsere Projektpartnerin, die indische Rechtsanwältin Tehmina Arora, hat ein Netzwerk mit 1000 Anwälten aufgebaut. Sie verteidigt angeklagte Christen und setzt sich dafür ein, dass Extremisten, die Gewalttaten gegen religiöse Minderheiten verüben, vor Gericht gebracht werden. Auch geht sie mit ihrem Team gerichtlich gegen die Antikonversionsgesetze vor. Ein Teilerfolg war das Urteil des Obergerichts im Bundesstaat Himachal Pradesh, das im September 2012 Teile des dortigen Antikonversionsgesetzes für ungültig erklärt hat.

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