• Syrien

Ein Land geprägt von Krieg, Sanktionen und COVID-19

24. Oktober 2020

Pfarrer Haroutune Selimian aus Aleppo ist Präsident der Armenisch-Protestantischen Gemein­schaft in Syrien. Unermüdlich setzt er sich zusammen mit CSI dafür ein, den Christen in seiner Heimat zu helfen, um den Krieg, die Wirtschaftskrise und nun auch eine Pandemie zu überleben.



Diese Protestaktion wurde beendet. Den aktuellen Protest finden Sie hier.

CSI: Was hat Sie dazu bewogen, in den Dienst der Kirche einzutreten?

Haroutune Selimian: Als ich 19 Jahre alt war, nahm ich Jesus Christus als meinen persönlichen Erlöser an. Als ich danach sah, wie Ungerechtigkeiten mein Volk heimsuchten, erhielt ich den Eindruck, etwas dagegen unternehmen zu müssen. Ich realisierte, dass junge Menschen keine Chance hatten, eine solide Ausbildung zu absolvieren, und dass Armenier und andere Minderheiten unter sozialer Diskriminierung litten.

Ich glaube, Gott hat mich dazu berufen, Gerechtigkeit zu üben, den Menschen seine Liebe zu zeigen und ihm von ganzem Herzen zu dienen. Es war nie ein leichter Weg, aber ich bin mir meiner Berufung heute genauso sicher wie vor 30 Jahren.

Erzählen Sie uns mehr über Ihre Gemeinschaft, die Armenischen Protestanten in Syrien.

Unsere Kirche ist eine von drei armenischen Konfessionen, die beiden anderen sind die Armenische Apostolische Kirche und die Armenisch-Katholische Kirche. Der grösste Teil unserer Gemeinschaft stammt von Armeniern ab, die während des Völkermords ab 1915 aus Anatolien nach Syrien geflohen waren. Aleppo war die erste Station für diese Flüchtlinge. Die Stadt wurde zum Zentrum der Armenischen Protestantischen Gemeinschaft in Syrien.

Vom ersten Tag ihres Aufenthalts im Land an bauten armenische Flüchtlinge neue Kirchen und Schulen, noch bevor sie sich Häuser bauten. Dies ist sehr typisch für Armenier. Die Kirche steht im Zentrum unseres Gemeinschaftslebens. Wir finden unsere Identität in unserer kirchlichen Gemeinschaft und in den stets gültigen Verheissungen Gottes an sein Volk.

Wie war das Leben für Ihre Gemeinschaft in Aleppo in den bisher schlimmsten Kriegsjahren 2012 bis 2016, in der sich Rebellen und Regierungstruppen erbitterte Gefechte lieferten?

Sie können sich nicht vorstellen, wie schrecklich es war. Fast jede einzelne Familie hat einen schweren Verlust hinnehmen müssen – ihr Zuhause, ihre Arbeit oder ihre Angehörigen. Die Eltern mussten ihre Kinder auf der Strasse oder im Garten begraben, weil es nicht sicher war, auf den Friedhof zu gehen. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen als das, was ich gesehen habe.

Die Armenier blieben Syrien immer treu, aber da sie eine Minderheit sind, hatten sie besondere Schwierigkeiten. Viele von der Türkei unterstützte Rebellen kämpften in den Grenzregionen Syriens, in der Nähe von Aleppo. Sie wussten, welche Quartiere zu uns gehörten, und nahmen diese ins Visier. Zehntausende Armenier sind während des Kriegs aus Aleppo geflohen. Von den 80 000 Armeniern vor dem Krieg leben heute nur noch etwa 12 000 in Aleppo.

Wie haben Sie und Ihre Kirche auf dieses Leiden der Kriegsopfer reagiert?

Während des Krieges richtete meine Kirche eine Poliklinik zur Versorgung der Kranken und Verwundeten ein. Wir sind sehr stolz auf dieses Projekt. Unsere Kirche befindet sich in einem Teil der Stadt, in dem Muslime, Christen, Araber, Kurden und Armenier zusammenleben. Die medizinischen Fachleute in unserer Klinik helfen allen, unabhängig von ihrer Religion oder ethnischen Zugehörigkeit.

Wie sieht das Leben aus, seit die Regierung 2016 die Kontrolle über Aleppo zurückgewonnen hat?

Die Lage ist äusserst schwierig. Zwischen 2016 und 2019 griffen die Rebellen die Stadt immer wieder an, indem sie Tunnel unter den Stadtvierteln gruben und von dort aus immer wieder Sprengstoffanschläge verübten. Diese Angriffe zerstörten einen Grossteil der städtischen Wasserversorgung. Gegenwärtig leiden wir vor allem an der verheerenden wirtschaftlichen Situation. Die jungen Leute scheinen ausser der Wehrpflicht keine andere Perspektive zu haben. Viele verlassen deshalb die Stadt.

Wie wirkt sich die COVID-19-Pandemie in Aleppo aus?

In den letzten Wochen hatten wir eine sprunghafte Zunahme von Toten zu beklagen. Schätzungen zufolge sind gegenwärtig gut 350 000 Menschen in Aleppo mit dem Virus infiziert. Wegen des Krieges gibt es in dieser Stadt kaum noch Krankenhäuser. 75 syrische Ärzte sind im vergangenen Monat an dem Virus gestorben, darunter sechs aus Aleppo an nur einem Tag.

Die Spender von CSI haben in dieser Krise viel bewirkt. Dank Ihrer Hilfe konnten wir Menschen aufklären, Masken und Medikamente verteilen und uns um Familien kümmern, die zu Hause isoliert sind, während ihre Angehörigen im Krankenhaus liegen.

Welche Folgen haben die von den USA und Europa verhängten Wirtschaftssanktionen?

Die grosse Lüge ist, dass sich die Sanktionen gegen die Regierungsbehörde und nicht gegen das Volk richten würden. Die Sanktionen haben für die Behörden keine ernsthaften Folgen. Sie sind wohlhabend. Zudem haben viele von ihnen ihre eigenen Geschäftsnetzwerke. Sie verdienen eine Million, sie verlieren eine Million, es ist ihnen egal. Die wirklichen Opfer der Sanktionen sind das syrische Volk.

Wir können keine Vorräte an Baumaterial kaufen, um unsere Krankenhäuser und Häuser wieder aufzubauen. Wir sind nicht in der Lage, Masken zu importieren. Im Sommer 2013 erhielt man noch für 335 Lira einen Dollar. Heute muss man für einen Dollar 2200 Lira bezahlen. Die Sanktionen haben bewirkt, dass die Gehälter der Menschen wertlos geworden sind. Ehrlich gesagt ist die Lage schlimmer als während des Kriegs.

Vielen Dank, Pfarrer Selimian. Wir werden Sie mit unseren Gebeten und unserer Solidarität unterstützen.

Ich danke Ihnen. Gott segne Sie.

Joel Veldkamp

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Randy Pottinger

29.12.2020 22:45

A tragic and inexcusable situation.


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