Ein Zeitzeuge aus Aleppo

23. Februar 2018

Ein wichtiger Unterstützer für CSI und die Arbeit von Schwester Marie-Rose in Syrien ist der armenische Syrer Iskandar Agobian aus Aleppo. Als Binnenflüchtling kam er 2012 nach Tartus und hilft seitdem tatkräftig, wo er kann.



Iskandar Agobian ist einer von zehntausenden armenischen Christen, die vor dem Krieg in der Zweimillionenstadt Aleppo lebten. Heute gehört der 68-Jährige zu den hunderttausend syrischen Binnenflüchtlingen, die in Tartus an der syrischen Mittelmeerküste Zuflucht gefunden haben. Es ist nicht die erste Flucht in seiner Familiengeschichte: Sein Grossvater musste vor dem Genozid im Osmanischen Reich von 1915 nach Syrien flüchten. Damals kamen weit über eine Million Christen ums Leben.

Vor dem Krieg arbeitete Agobian für ausländische Firmen und als Übersetzer von französischer und englischer Fachliteratur ins Arabische. Heute leitet er in Tartus ein Zentrum, in dem etwa 150 Kinder Schulunterricht bekommen und an Freizeitaktivitäten teilnehmen dürfen. Dabei steht er in engem Kontakt mit der CSI-Projektpartnerin Schwester Marie-Rose.

Proteste nach Freitagsgebet

Iskandar Agobian wohnte in der Altstadt von Aleppo mit ihren schönen alten Häusern, Kirchen und Restaurants. Seine Wohnung befand sich in einem Mehrfamilienhaus an der Al-Said-Ali-Strasse im vorwiegend armenisch-christlichen Viertel Al-Dschdeideh.

Nach ersten Demonstrationen gegen die syrische Regierung im März 2011 in Damaskus griffen die Proteste im Juni 2011 auch auf Aleppo über. «Jede Woche nach dem Freitagsgebet demonstrierten einige hundert Personen gegen die Regierung, dann war es wieder eine Woche still bis zum nächsten Freitag», erzählt Agobian.

Freundschaft zwischen den Fronten

«Anfänglich dachten wir noch, die Unruhen wären bald vorüber, und lebten weiter wie bisher», sagt Agobian. Die Proteste wurden jedoch bald gewalttätig und viele verliessen Aleppo in den folgenden Monaten.

«Anfang August 2012 sah ich von meinem Balkon aus einen Lastwagen voller Sandsäcke und etwa 12 junge Männer.» Sie waren nur etwa 20 Jahre alt und trugen Kalaschnikows mit dem Schriftzug «Freie Syrische Armee» (FSA). Mit den Sandsäcken errichteten sie Barrikaden, eine davon genau im Haupteingang von Agobians Haus. «Innert zwei Stunden flüchteten praktisch alle meine Nachbarn.» Nur 200 Meter entfernt errichtete die syrische Armee ihrerseits eine Barrikade.

Die ersten Nächte fand Agobian wegen der ständigen Schusswechsel keinen Schlaf. Tagsüber konnte er sich problemlos zwischen den Fronten bewegen. Die FSA-Kämpfer seien sehr respektvoll mit ihm umgegangen und hätten ihn sogar mit «Hadsch» angesprochen, eine höfliche Anrede für einen älteren Mann. Einmal habe er ihnen seinen Wohnungsschlüssel überlassen, damit sie duschen konnten. Auch mit den Regierungssoldaten pflegte er ein freundschaftliches Verhältnis: «Am Vormittag trank ich mit den jungen Männern der FSA Kaffee, am Abend mit jenen der Syrischen Armee. Beide wollten mich jeweils über die andere Seite aushorchen; beide akzeptierten jedoch auch, dass ich keine Auskunft geben wollte.»

Die «Freie Syrische Armee»

Beim Kaffee mit den FSA-Kämpfern fragte Agobian einmal, weshalb sie der Miliz beigetreten seien. «Wir sind jung und alle arbeitslos», erklärten sie. «Jemand bot uns ein hohes Salär und gutes Essen an. Wir mussten uns nur verpflichten, hierher zu kommen und täglich von den Barrikaden zu schiessen. Dieses Angebot konnten wir nicht zurückweisen.» «War das wirklich der einzige Grund?», wollte Agobian wissen. Alle nickten.

Das dschihadistische Gesicht der FSA

Am 17. Tag nach der Ankunft der FSA-Kämpfer vor seinem Haus sah Agobian dann das dschihadistische Gesicht der FSA. Von seinem Balkon aus beobachtete er zwei eigenartige Männer mit grossen Maschinenpistolen. «Einer war sehr dunkel und sprach kaum Arabisch, der andere trug einen langen Bart und sprach einen arabischen Dialekt der Golfstaaten.» Sie unterwiesen die FSA-Kämpfer im Dschihad gegen die Ungläubigen, forderten sie auf, mehrmals täglich «Allahu akbar» zu rufen und erklärten, dass gemäss Scharia alle Häuser ihnen gehörten. Sie könnten alle Türen aufbrechen und mitnehmen, was sie wollten. «Als die beiden Fremden sich erkundigten, ob noch Ungläubige in der Gegend seien, stockte mir einen Moment der Atem.» Die FSA-Kämpfer verrieten ihn jedoch nicht.

Warten auf die Rückkehr

Eines Abends – es war der 26. Tag nach der Ankunft der FSA-Kämpfer vor seinem Haus – wollte Agobian wie üblich von seiner Arbeit als Übersetzer und Dolmetscher nach Hause zurückkehren. Dieses Mal liessen die Regierungssoldaten ihn jedoch nicht mehr passieren. Erst einige Tage später erfuhr er, dass die Regierungstruppen damals eine Grossoffensive starteten, bei der drei «seiner» FSA-Kämpfer getötet wurden. «Ich war sehr traurig und weinte sogar um diese jungen Männer, die ihr Leben praktisch grundlos verloren.»

Da eine Besserung nicht in Sicht war, entschied sich auch Agobian, Aleppo zu verlassen. Aus der Ferne erfuhr er, dass die Frontlinie zwischen den Aufständischen und der Regierungsarmee während drei Jahren genau durch sein Wohnquartier ging. Noch im August 2016 habe man ihn nicht zu seinem Haus gelassen. Erst an Weihnachten 2016, als die islamistischen Kämpfer vollständig aus Aleppo vertrieben worden waren, konnte er zurückgehen. Die Mauern seines Hauses stehen noch. Das Haus ist allerdings komplett ausgebrannt und wurde geplündert. Trotzdem will Agobian in seine Heimatstadt Aleppo zurückkehren. Bis es so weit ist, setzt er sich weiterhin für seine Landsleute in Syrien ein, indem er die Verantwortung für das Zentrum in Tartus trägt.

CSI in Aleppo

In den letzten Jahren hat CSI an verschiedenen Orten in Syrien Binnenflüchtlinge unterstützt. Jetzt stehen zunehmend Wiederaufbauprojekte im Vordergrund. In Aleppo helfen wir mit, dass die Binnenflüchtlinge an ihre Wohnorte zurückkehren können, indem wir zum Beispiel die Renovation von zerstörten Wohnungen und die medizinische Behandlung von Krebskranken unterstützen.

Neues Buch: «Weil die Hoffnung niemals stirbt»

In diesen Tagen erscheint auf Deutsch ein Buch über Schwester Marie-Rose, das in Zusammenarbeit mit CSI entstanden ist. Iskandar Agobian hat die mutige Ordensschwester interviewt. Das Buch mit dem Titel «Weil die Hoffnung niemals stirbt – Überlebens­geschichten aus Syrien» gibt einen intimen Einblick in das Leben von Schwester Marie-Rose. Manche Geschichten sind erschütternd, andere enden hoffnungsvoll. Aus 28 Beiträgen ist ein spannendes Buch entstanden. Das Buch können Sie für CHF 16 hier bestellen.

Adrian Hartmann

 


 

 

Die Sicht vieler Syrer

Der Tages-Anzeiger berichtete kürzlich über die letzte Syrienreise von CSI-Projektleiter Dr. John Eibner. Dabei erklärte er unter anderem: «Viele Menschen in Syrien reden in einer codierten Sprache, wenn sie auf den Krieg angesprochen werden. Sie erzählen zwar, was passiert ist. Aber sie sagen nicht, wer was gemacht hat.». Aus vielen Gesprächen während mehrerer Syrienreisen hat John Eibner den Eindruck gewonnen, dass Diktator Bashar al-Assad einem grossen Teil der Bevölkerung als das kleinere Übel erscheint. Eine säkulare Diktatur werde einer islamistischen Diktatur vorgezogen.

Vor allem seien die Leute froh, dass eine gewisse Normalität und Stabilität in ihren Alltag zurückgekehrt sei. Laut Eibner gibt es in der Bevölkerung eine gewisse Dankbarkeit gegenüber den Russen, die vor zwei Jahren in den Syrienkrieg eintraten, um Assad zu helfen.

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