Ein Zuhause für Kindersklaven und Straßenkinder

18. Dezember 2013

Garang John Aguot Tong wuchs in der Sklaverei auf. Von seinem Sklavenhalter wurde er schwer misshandelt und für das Leben gezeichnet. Heute kann er in Sicherheit die Schule besuchen und mit seinen Freunden Fußball spielen.



«Meine Mutter heisst Kuanyiny Bok», erzählt Garang John Aguot Tong. Mehr weiss er nicht über sie – nicht, aus welchem Dorf sie kam, nicht ihren Nachnamen, und auch nicht, ob sie

überhaupt noch am Leben ist. Garang ist etwa 15 Jahre alt – genau weiss das keiner – und wurde im Nordsudan geboren, in der Sklaverei.

Als Sklave im Norden

Wie seine Mutter dorthin gekommen ist, weiss Garang auch nicht, aber man kann es sich denken: Hunderttausende Dinka wurden während des jahrzehntelangen Bürgerkriegs von arabischen Milizen gefangen genommen. Die Männer wurden auf diesen Raubzügen oft grausam getötet, die Dörfer zerstört und Frauen und Kinder entführt und in den Norden gebracht. Viele starben schon auf dem Treck dorthin. Wer überlebte, musste unter den härtesten Umständen für den «Besitzer» Sklavenarbeit erledigen – Haushaltsarbeiten wie Wasser holen, kochen, sauber machen, aber auch auf dem Feld arbeiten und vor allem grosse Viehbestände hüten. Keiner weiss, wie viele Tausende sich noch in der Sklaverei befinden.

Die meisten Frauen werden vielfach vergewaltigt, misshandelt, beschnitten und geschlagen. Die Kinder müssen trotz ihres jungen Alters mit anpacken und bekommen keine Schulbildung. Viele der christlichen oder animistischen Dinka werden gezwungen, zum Islam zu konvertieren. Wer nicht gehorcht oder den Versuch unternimmt, zu fliehen, riskiert, getötet zu werden.

«Ich musste ihn Vater nennen»

Unter diesen Umständen wuchs auch Garang auf. Heute lebt er mit vier anderen Kindern mit ähnlichem Schicksal in Wanyjok bei Gabriel Akuei, einem CSI-Mitarbeiter. Wenn Garang mit seinen Freunden über den Hof läuft und Fussball spielt, hinkt er stark – sein Bein ist schlimm verkrüppelt. Es ist eine Verletzung, die ihn immer an die Sklaverei erinnern wird. Als er etwa drei Jahre alt war, sass er eines Tages am Rande des Feldes, auf dem seine Eltern für ihren Besitzer arbeiten mussten. Er bekam Hunger und begann zu schreien. Seine Mutter unterbrach ihre Arbeit und setzte sich hin, um ihren kleinen Jungen zu stillen. «Da kam der Sklavenhalter zu uns mit einer Pistole in der Hand. Sein Name ist Mohammad Abdullah», erzählt Garang. «Er fragte meine Mutter, warum sie sich hingesetzt habe.» Er begann zu schiessen – doch statt der stillenden Mutter traf er das hungrige Kind am Bein. Aus Angst und Verzweiflung rannte die Frau davon. Garangs Vater hatte die Schüsse gehört und dachte, sie wäre tot. Da ergriff auch er die Flucht. «Ich habe sie nie wieder gesehen», sagt Garang. «Niemand hat mir je erzählt, was mit ihnen geschah.»

Nach diesem Ereignis kümmerte sich Mohammad Abdullah um den Jungen. «Er war ein schlechter Mann», erinnert sich Garang. «Ich musste ihn Vater nennen.» Garang bekam einen arabischen Namen, Abdullah, und musste die Ziegen seines Sklavenhalters hüten. Oft blieb er hungrig und bekam kein Essen. «Wenn ich sagte, dass ich hungrig sei, schlug er mich.»

Berufswunsch: Gouverneur

Im Herbst 2012 wurde er befreit und von den Sklavenrückführern in den Süden gebracht. Da er niemanden auf der Welt mehr hatte, nahm sich Akuei seiner an. Heute geht Garang in die erste Klasse der Kamboni-Schule und lernt Englisch, Naturwissenschaften und Mathematik. Auch die Dinka-Sprache steht auf dem Stundenplan. Akueis Schützlinge helfen sich gegenseitig beim Lernen. Garang ist motiviert: «Eines Tages möchte ich Gouverneur werden.» An der Kamboni-Schule erhielt er auch einen christlichen Namen: «Ich werde hier John genannt. Ich mag den Namen, und ich mag die Schule», erzählt er. Sein Lieblingsfach ist Religion: «Ich mag es, Gottes Wort zu lernen. Ich gehe auch gerne in die Kirche. Nichts kann einem helfen, wenn man nicht in die Kirche geht, denn dort lernt man das Wort Gottes.»

Seinem Bein geht es viel besser. Es ist zwar immer noch stark verdreht, doch er läuft gerne herum und spürt nur noch manchmal Schmerzen. Akuei beobachtet seinen Schützling beim Fussballspielen: «Wahrscheinlich ist das nicht allzu gut für sein Bein. Aber ich kann ihn einfach nicht aufhalten.»

Autoren: Joel Veldkamp | Luise Fast

 


 

Kinderprojekt im Südsudan

Immer wieder kommt es vor, dass unter den befreiten Sklaven Kinder sind, die keine Eltern haben und keine Verwandte im Süden kennen, die sich um sie kümmern könnten. Auch gibt e im Südsudan viele Strassenkinder und Kriegswaisen, die selbst während der Kämpfe oder von Minen schwer verwundet wurden. Für neun solcher Kinder hat CSI einen Platz gefunden wo sie in einer sicheren Umgebung leben und die Schule besuchen können. Fünf Kinder, darunter Garang, sind bei unserem Mitarbeiter Gabriel Akuei untergekommen. Vier weitere leben in Tukuls, den traditionellen Lehmhütten der Dinka, auf einem Gelände einer Kirche unter der Fürsorge von Pastor Tito.

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Projekt Südsudan