• Sri Lanka

Einfluss extremistischer Buddhisten nimmt zu

29. Oktober 2017

Kaum jemand nimmt im Westen wahr, dass extremistische Buddhisten in Sri Lanka seit längerem religiöse Minderheiten angreifen. Auf der Reise Ende September haben Projektleiterin Inés Wertgen und Corinne Germann einige Betroffene besucht.



Sri Lanka ist bekannt für schöne Ferienorte am Strand, die reiche Vegetation und den weltberühmten Tee aus dem Hochland. Bekannt ist aber auch das düstere Kapitel des Bürgerkriegs von 1983 bis 2009 zwischen den Tamilen und den Singhalesen. Das Volk leidet bis heute unter den Folgen dieses Krieges. Die Regierung unternimmt wenig für den Frieden zwischen den beiden Völkern, und noch heute werden widersprüchliche Versionen des Krieges in der Schule gelehrt.

Extremismus nimmt zu

Hinzu kommt eine verstärkte Ausbreitung des nationalistischen Gedankenguts. Im Westen gilt der Buddhismus als sehr friedlich. Dass es extremistische Buddhisten und Mönche gibt, die durchaus mit Gewalt ihre nationalistische Haltung verteidigen, ist uns weit weniger bekannt. Umso betroffener waren wir, als wir mit verschiedenen Pastoren sprachen, die schwierige und lebensbedrohliche Zeiten durchleben.

Todesdrohungen ver­hindern Zugang zum Dorf

Einer davon war Pastor Dimuthu*. Wir trafen ihn über 100 Kilometer von seinem Dorf entfernt, da wir alle aus Sicherheitsgründen nicht dorthin reisen konnten. Er arbeitet seit über 20 Jahren in seinem Dorf als Pastor. Das Leben zwischen den verschiedenen Religionsangehörigen verlief lange friedlich. Die Kirchenmitglieder engagierten sich gerne für die Dorfgemeinschaft, zum Beispiel mit Essensverteilungen und diversen Kinderaktivitäten.

Doch dann kam Anfang 2017 ein neuer, buddhistischer Mönch ins Dorf. Der junge und vom nationalistischen Gedankengut geprägte Mönch hetzte in kurzer Zeit die Dorfbewohner gegen alle Nichtbuddhisten auf. Es folgten verbale Angriffe, sogar Morddrohungen. Ein fehlgeschlagener Molotowcocktail-Anschlag auf den Pastor versetzte den Kirchenmitgliedern einen Schock. Kurz darauf zerstörte ein vom Mönch angeführter Mob von rund 200 Dorfbewohnern die Kirche komplett. Der Pastor und seine Familie mussten sofort fliehen. Hinzu kam, dass Lebensmittel an Christen nicht mehr verkauft werden durften und die öffentlichen Transportmittel nur noch Buddhisten vorbehalten waren. Die Blockade dauerte einen ganzen Monat. Unsere Projektpartner versorgten die Gemeinde mit Lebensmitteln und halfen ihnen beim Aufbau der neuen bescheidenen Kirche. Der Pastor kann bis heute nicht in sein Dorf zurück, da er sich dort grosser Gefahr aussetzen würde.

Politisch stark unterwandert

Alle interviewten Pastoren erzählten, wie sie, ihre Familien und die vielen Kirchenmitglieder unter der Verfolgung leiden: «Wir leben in ständiger Angst, auch unsere Frauen und Kinder», so Pastor Dimuthu. Erschreckend ist auch, wie sehr die Beamten, Polizisten und Politiker von den extremistischen Buddhisten beeinflusst und eingeschüchtert werden. Videoaufnahmen zeigen, wie Beamte von Mönchen herumkommandiert und zu fragwürdigen Taten gezwungen werden.

Auch in den obersten Rängen der Politik und in den diversen Ministerien sitzen immer mehr einflussreiche Buddhisten, die ihre Macht in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft missbrauchen. So dürfen zum Beispiel christliche, muslimische und hinduistische Kinder an gewissen Orten die öffentliche Schule nicht mehr besuchen. Polizisten tendieren dazu, nur noch Buddhisten zu beschützen und sich für sie einzusetzen. So werden zum Beispiel Anzeigen von Nichtbuddhisten, die angegriffen wurden, von der Polizei oft gar nicht registriert, sei es aus Angst vor den buddhistischen Extremisten oder aus persönlichen, religiösen Gründen.

Grösstmögliche Hilfe

Unser Partner vor Ort, die Evangelische Allianz von Sri Lanka (NCEASL), ist in ständigem Kontakt mit den Pastoren und Opfern von Angriffen. Ein weiterer Pastor erzählt: «Dass wir jederzeit mit Anwältin Esther* und ihren Mitarbeitern Kontakt aufnehmen können, ermutigt uns sehr. Sie haben uns schon unzählige Male geholfen, sei es mit juristischen Beratungen oder mit Unterstützung bei Behörden, der Polizei und vor Gericht. In Notfällen werden wir mit Lebensmitteln, Kleidern und Medikamenten versorgt. Bei akuter Gefahr stellen sie uns sofort einen geschützten Ort zur Verfügung, wo wir für eine Zeit lang leben können.»

Wichtiger Dialog

Für die NCEASL ist es überaus wichtig, den Dialog mit den Buddhisten, Politikern und Ministern zu fördern. «Wir müssen unbedingt regelmässigen Kontakt zu Verantwortungsträgern unterhalten. Das na­tionalistische Gedankengut darf nicht weiter überhandnehmen. Wenn wir es in geraumer Zeit nicht schaffen, weiterhin über friedliches Zusammenleben und Menschenrechte zu sprechen, dann wird die Religionsfreiheit in Sri Lanka bald stark gefährdet sein. Doch es braucht enorm viel Durchhaltewillen und Ausdauer», so unsere Partnerin Esther.

CSI wird sich in den kommenden Jahren weiterhin für die Religionsfreiheit in Sri Lanka engagieren und über den weiteren Verlauf informieren.

Inés Wertgen, Projektleiterin Sri Lanka

 

* Name aus Sicherheitsgründen geändert

 

Weiterer Bericht:

Angriff auf die Kirche hat die Gemeinde bis heute erschüttert

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