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Endlich: Alle sieben Christen nach über zehn Jahren Haft frei

09. Dezember 2019

Die Erleichterung muss für sie unendlich sein: Die verbliebenen fünf Christen, die fälschlicherweise wegen Mordes an einem hohen Hindu-Priester zu lebenslanger Haft verurteilt worden waren, sind seit dem 6. Dezember frei. Das Oberste Gericht Indiens hatte kurz zuvor deren Freilassung auf Kaution angeordnet.



«Das sind wunderbare Neuigkeiten. Wir sind sehr glücklich darüber», freut sich unsere indische Partnerin Parul Singh* über die Freilassung von fünf inhaftierten Christen. Buddhadev Nayak, Bhaskar Sunamajhi, Durjo Sunamajhi, Sanatan Badamajhi und Munda Badamajhi konnten auf Anordnung des Obersten Gerichts Indiens das Gefängnis nach elf Jahren unschuldig verbüsster Haft am 6. Dezember 2019 verlassen.

Zusammen mit Gornath Chalanseth und Bijaya Kumar Sanaseth, die im Mai und Juli dieses Jahres auf Kaution auf freien Fuss gesetzt wurden, waren die fünf Christen aus Kandhamal beschuldigt worden, den hohen Hindu-Priester Swami Laxmanananda Saraswati am 23. August 2008 getötet zu haben. Dies obschon sich Maoisten zur Tat bekannten. Der Mord an dem Swami zog ein verheerendes Massaker nach sich. Marodierende Hinduextremisten töteten über 100 Christen und liessen Unzählige verletzt zurück. Darüber hinaus wurden über 5500 Häuser und mehrere 100 Kirchen zerstört. Mehr als 55‘000 Christen mussten fliehen.

Mehrfache Vorwürfe des Obergerichts

Und als ob dieser fürchterliche Feldzug nicht schon genug Leiden verursacht hätte, wurden sieben zu Unrecht beschuldigten Christen im Dezember 2008 festgenommen und jahrelang in Untersuchungshaft gesteckt. Trotz fehlender Beweise verurteilt das Distriktsgericht in Phulbani, Kandhamal, die sieben Christen am 3. Oktober 2013 zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe wegen Mords und Verschwörung zum Mord. Die sieben Christen legen Berufung ein. Seither ist der Fall beim Obergericht in Cuttack, Bundesstaat Odisha, hängig.

Das Leid der Angehörigen

Es ist kaum nachvollziehbar, was die sieben Gefangenen und vor allem auch deren Familien während der über zehn Jahre andauernden Inhaftierung durchgemacht haben. Zwei Vertreter von CSI waren im November 2018 in Kandhamal sechs Frauen der sieben eingesperrten Christen begegnet. Die Ehegattinnen waren sehr bedrückt und erzählten, dass sie nach der Verhaftung ihrer Männer von der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen wurden, da sie als die Frauen der Mörder verschrien waren. Mit der Zeit nahm die Intensität der Ausgrenzung etwas ab.

Etliche Kinder der sieben betroffenen Familien mussten in einem Heim untergebracht werden, weil sich die alleingelassenen Mütter nicht um sie kümmern konnten. Einige konnten aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten. Die anderen schlugen sich als Tagelöhnerinnen durch. Zum Teil mussten sie sich extrem abmühen, um jeden Tag arbeiten zu gehen.

Intervention des Obersten Gerichts

Nun hat das Oberste Gericht eingegriffen und die Freilassung für alle sieben Christen auf Kaution angeordnet. Die verantwortlichen Richter, A.M. Khanwilkar und Dinesh Maheshwari, begründen ihren Beschluss damit, dass die Betroffenen, die allesamt Berufung gegen das Urteil eingelegt hatten, bereits zehn Jahre ihrer Haftstrafe abgesessen haben. «Und wenn wir die Gesamtschau in Betracht ziehen, sind wir der Ansicht, dass die Berufungskläger auf Kaution freigelassen werden sollten.» Zudem könne man den sieben Christen gute Führung während der Inhaftierung  attestieren, so Anupradha Singh, ein Anwalt der Christen.

Freilassung – aber noch kein Freispruch

Der Entscheid des Obersten Gerichts ist eine grosse Erleichterung für die Angehörigen und all jene, die sich seit Jahren für die Freilassung der sieben verurteilten Christen eingesetzt haben. «Gegenwärtig hat die Gerechtigkeit gesiegt», so Parul Singh.

Allerdings bemerkt sie, dass der juristische Kampf noch nicht zu Ende geführt sei. Die Verfahren gegen die sieben Christen sind immer noch beim Obergericht in Cuttack (Odisha) hängig. Theoretisch könnte das Obergericht die erneute Festnahme der nun auf Kaution freigelassenen Männer anordnen. «Da schwingt ein bisschen die Angst mit. Doch wir sind zuversichtlich, dass eine erneute Festnahme auch dank der profilierten Anwälte der Freigelassenen kein Thema sein wird.» Ob es schlussendlich zu sieben Freisprüchen auf der ganzen Linie kommen wird, ist noch offen. Die CSI-Partnerin glaubt, dass die Chancen dafür gut stehen.

Freigelassene Christen brauchen Schutz

Gegenwärtig überwiegt die Freude, dass die sieben Christen frei sind und die bevorstehenden Weihnachtstage im Kreis ihrer Familie feiern können. «Sie sind einfach nur glücklich und dankbar, dass sie auf Kaution freigelassen wurden», bestätigt Singh. Zugleich ist sie etwas besorgt, dass die sieben Männer gerade jetzt um die Weihnachtszeit Anfeindungen ausgesetzt sein könnten. «Zahlreiche Hindu-Aktivisten haben bereits ihren Unmut über die Freilassung signalisiert», weiss sie. Zudem sei die Lage in Kandhamal, der Heimat der sieben Christen, gegenwärtig wieder angespannt. «Christen werden dort zwar nicht angegriffen, aber diskriminiert.»  Auch deshalb bittet unsere Partnerin um Gebete.

Reto Baliarda

* Name aus Sicherheitsgründen geändert


 

CSI setzte sich jahrelang für die Freilassung ein

Christian Solidarity International hat sich jahrelang für die bedingungslose Freilassung der sieben Christen eingesetzt und dazu diverse Kampagnen durchgeführt, die von vielen Spendern und Unterstützern treu mitgetragen wurden. Im Dezember 2013 forderte CSI in einem Protestartikel mit vielen Zuschriften den Gouverneur von Odisha dazu auf, für ein faires Verfahren zu sorgen. Am CSI-Tag 2017 in Zürich wurde eine Ermutigungs-Kartenaktion durchgeführt, bei der die Besucher die Karten  auf der Rückseite gestalten und unterschreiben konnten.

An Weihnachten 2018 lancierte CSI eine weitere Kartenaktion für die sieben Gefangenen. Spender sandten insgesamt mehrere hundert handgeschriebene Ermutigungskarten an Gornath Chalanseths Sohn Nithaniyal, der sie an die Gefangenen weiterleitete. Diese Kampagne machte den damals noch eingesperrten Männern viel Mut. Und noch im aktuellen Magazin vom Dezember 2019 wurden die CSI-Leser dazu aufgerufen, den fünf noch inhaftierten Christen zur Ermutigung eine Weihnachtskarte zu schreiben.

 

Ihr Kommentar zum Artikel

Martin Siegwart

09.12.2019 17:34

Gerade heute vor etwa zwei Stunden habe ich die Briefe mit den Ansichtskarten für die 5 Christen zur Post gebracht. Da diese aber erst zu Nithaniyal Chalanseth, dem Sohn von Garanath Chalanseth gehen, werden sie die betreffenden Männer und ihre Familien dennoch erreichen. Ich freue mich, dass die sieben Ehemänner- und Familienväter nun wieder bei ihren Lieben sein dürfen. Ebenso freut es mich natürlich, dass die vielen Gebete erhört worden sind


René Bachmann

13.12.2019 21:24

Lieber Gott ich danke dir für dein Eingreifen. Deine Gnade.


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