Erlebnisse von Schwester Marie-Rose

25. Mai 2018

CSI-Projektpartnerin Schwester Marie-Rose flüchtete wegen des Kriegs aus Homs nach Tartus. Dort kümmert sie sich um Landsleute, die wie sie ihr Zuhause verlassen mussten. Anfang Jahr sind ihre Erlebnisse und Begegnungen in Buchform erschienen.



Schwester Marie-Rose (früher aus Sicherheitsgründen Schwester Sara genannt) leitet die «Kongre­­ga­tion der heiligen Herzen von Jesus und Maria» in Syrien. Sie lebte in Homs, bis sie den dortigen Konvent wegen des Kriegs verlassen musste. Wie Hunderttausende ihrer Landsleute flüchtete sie an die syrische Mittelmeerküste, die von Kampfhandlungen verschont blieb. Viele Flüchtlinge verarmten. Flüchtlingskinder begannen, auf der Strasse zu betteln. Für sie hat Schwester Marie-Rose mit CSI-Unterstützung eine Zufluchtsstätte gegründet. Es folgt ein Auszug aus dem neuen Buch von Schwester Marie-Rose (siehe Kasten) über eines dieser Kinder: Fatima.

Schwester Marie-Rose begegnet Fatima

Als ich das Zentrum für die geflüchteten, bettelnden Kinder einrichtete, machte ich mich als Erstes mit dem Lehrerteam daran, jedes Kind nach seiner Herkunft und seiner Geschichte zu fragen, durch die es in seine gegenwärtige Lage geraten war. Eine dieser Geschichten hat mich besonders berührt.

Fatima ist inzwischen zwölf Jahre alt. Früher lebte sie mit ihrer grossen Familie, bestehend aus ihren Eltern, ihren Geschwistern, ihren Grosseltern, Onkeln und Tanten, Cousinen und Cousins, in Aleppo. Sie hatte es gut zu Hause und in der Schule, doch am meisten hing sie an ihrer fast 80-jährigen Grossmutter Khadija. Fast den ganzen Tag war sie bei ihr, unterhielt sich mit ihr, kümmerte sich um sie, sang ihr vor und brachte ihr das Essen.

Als 2011 der Krieg in Syrien ausbrach, war die Familie zunächst unsicher, was zu tun sei. Wie die meisten Leute in Aleppo dachten sie, es würde nicht lange dauern. Doch als die Situation sich von 2012 an immer mehr verschlimmerte und Bomben, Raketen, Granaten und andere Geschosse in der unmittelbaren Nachbarschaft einzuschlagen begannen, die schwere Schäden an den Häusern verursachten, fassten sie den Entschluss, fortzugehen.

Zuerst brachen die Onkel und Tanten mit ihren Familien in die Türkei auf, von wo aus sie binnen eines Jahres bis nach Schweden gelangten. Dann schlugen sich die Grosseltern mit einem ihrer Söhne und dessen Familie in den Libanon durch. Fatima und ihre Familie indessen konnten nur nach Tartus an der syrischen Küste gehen, wo sie vorher noch nie gewesen waren. In Tartus mieteten sie ein Haus, in dem sie acht Monate lang wohnten, bis der Vater die Miete nicht mehr aufbringen konnte. So zogen sie in ein staatliches Zentrum für Geflüchtete. Fatima konnte nicht mehr zur Schule gehen, bis ich im Zuge meiner Erfassung der geflüchteten Kinder ihre Familie kennenlernte.

Weshalb Fatima traurig war

Als sie in unser Zentrum kommen durfte, war sie überglücklich. Doch in ihren Augen und ihrem Verhalten blieb eine gewisse Traurigkeit haften. Also nahm ich sie eines Tages zur Seite und redete mit ihr. Ich befragte sie eindringlich, bis sie in Tränen ausbrach und mir erzählte, ihr einziger Wunsch sei es, ihre Grossmutter wiedersehen zu dürfen. Sie wusste, dass ihre Oma sehr krank war und möglicherweise bald sterben würde.

Zu dieser Zeit war es für Syrer fast unmöglich, in den Libanon zu reisen, wenn nicht ganz besondere Umstände vorlagen. Doch mir ging das Mädchen nicht aus dem Kopf, und ich entschloss mich zu dem Versuch, etwas für sie zu tun.

Herzliches Wiedersehen

Normalerweise reise ich einmal im Monat zu regelmässigen Treffen mit unserer Mutter Oberin nach Beirut. Im letzten Januar musste ich, als ich dort war, an Fatima denken. Ich erzählte der Mutter Oberin von ihr, und sie handelte sofort. Sie stellte für Fatima eine offizielle Einladung in unseren Konvent in Beirut aus, setzte ihren Stempel darauf und gab sie mir mit.

Ein paar Tage später war ich wieder in Tartus und suchte sofort Fatimas Familie auf, um ihre Erlaubnis einzuholen, die Kleine mitnehmen zu dürfen. Fatima war so aufgeregt, dass sie über eine Viertelstunde lang herumhüpfte wie ein Gummiball.

An einem frühen Montagmorgen fuhr ich mit ihr nach Tripoli, wo die Grosseltern sich aufhielten. Ich habe keine Worte, um das Zusammentreffen zwischen Fatima und ihrer Grossmutter zu beschreiben. Ich sah nur, wie sie ihre Oma unentwegt küsste und sie miteinander weinten, worüber natürlich auch ich weinen musste.

Ich liess Fatima etwa eine Woche lang bei ihrer Grossmutter. Dann kam ich wieder und brachte sie zurück nach Tartus. Im Kinderzentrum erzählten mir von nun an alle davon, wie enorm Fatima sich verändert habe und wie schnell sie jetzt im Lernen geworden sei.

Auf der Rückfahrt nach Tartus sagte mir Fatima: «Ich werde nie vergessen, was Sie für mich getan haben.» Ich konnte ihr nicht begreiflich machen, dass ich nicht auf eine Gegenleistung aus war. Die Freude in ihren Augen war meine schönste Entschädigung.

Schwester Marie-Rose (Buchauszug S. 75–77)

 


 

Blick in den Alltag von Schwester Marie-Rose

Es sind Geschichten wie jene von Fatima (siehe Haupttext), die den Reiz des kürzlich erschienenen Buchs ausmachen. Inmitten des Kriegs mit Millionen von Flüchtlingen gibt Schwester Marie-Rose Einzelnen ein Gesicht. Mit Liebe und Hingabe versteht sie es, ihren Mitmenschen Wertschätzung entgegenzubringen und trotz des nicht enden wollenden Kriegs Hoffnung zu verbreiten.

Vormerken: Schwester Marie-Rose ist als Rednerin für den CSI-Tag vom 22. September 2018 in Zürich eingeladen.

 

«Weil die Hoffnung niemals stirbt»

Überlebens­geschichten aus Syrien

154 Seiten | 2018

Spende CHF 16.–

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Projekt Syrien