Falscher Freund lockte kleines Mädchen in die Falle

25. Mai 2017

Weltweit gibt es 46 Millionen Opfer von Menschenhandel. Indien ist das am stärksten davon betroffene Land. Beispiele wie die Ausbeutung von Anupri offenbaren die Grausamkeit dieses Verbrechens. Seit Ende 2013 setzt sich CSI gemeinsam mit Partnern vor Ort gegen diesen Missbrauch ein.



Insbesondere in ländlichen abgelegenen Gebieten, fernab der Zivilisation, ist die Gefahr des Menschenhandels gross. Die Händler sind sehr gut vernetzt und wissen genau, die elende Situation der Leute für ihre Zwecke zu missbrauchen. Mit Lügen über verlockende Jobs oder Aussichten auf ein besseres Leben locken sie ihre Opfer in die Falle. Auf der letzten Reise im Februar begegneten die CSI-Vertreterinnen Inés Wertgen und Corinne Germann befreiten Opfern, so unter anderem auch Anupri*.

Trügerische Freundschaft

Die heute zehnjährige Anupri ist eines von vier Mädchen, welches die indischen CSI-Partner vor kurzem aus dem Menschenhandel befreien konnten. Zusammen mit der leitenden Kontaktperson vor Ort, Silvanti*, trifft man sich für ein Gespräch mit ihr. Anupri begrüsst die CSI-Vertreterinnen mit einem Lächeln. Es ist ein kurzes, schüchternes Lächeln und verschwindet so schnell, wie es gekommen ist. Ihre Körpersprache spricht Bände. Ihre grossen Augen schauen ins Leere.

Da Anupris Eltern häufig den ganzen Tag zwecks Arbeitssuche und Arbeit unterwegs sind, ist das Mädchen – wie viele andere in ihrer Wohngegend – tagsüber oft auf sich alleine gestellt. Vor zwei Jahren wurde Anupri auf dem Schulweg von einem Mann angesprochen. Er war immer freundlich und aufmerksam zu ihr und begleitete sie regelmässig bis kurz vors Dorf. Mit der Zeit verlor sie ihre anfängliche Scheu und die beiden wurden Freunde. Sie fühlte sich wohl mit ihm und bekam die Aufmerksamkeit, die sie zu Hause nur selten erhielt.

Eines Tages erzählte ihr neu gefundener Freund von einem farbenfrohen Markt in einer grösseren Stadt und lud sie ein, mit ihm diesen Markt zu besuchen. Natürlich wollte Anupri diesen gerne sehen und ging mit ihm mit. Doch statt auf den bunten Markt entführte der Mann sie in die Grossstadt Kalkutta und verkaufte sie an ein Bordell. Anupri war zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt.

Kein Vertrauen in Polizisten

Die Eltern vermissten ihre Tochter, doch sie hatten zu grosse Angst, zur Polizei zu gehen. In Indien kann man der Polizei leider nicht immer trauen. Erst recht nicht, wenn man einer niederen Kaste angehört, so wie die Familie von Anupri.

Als vor einigen Monaten die Projektpartner im Rahmen eines Präventionsvortrags in dieser Gegend waren, wandten sich die Eltern an sie. Unser Team konnte zusammen mit vertrauenswürdigen Polizisten das Mädchen in Kalkutta ausfindig machen und es retten. Zwei Jahre lang war Anupri in einem Bordell in Kalkutta gefangen gehalten worden und hat unbeschreibliches Leid erfahren.

Anupri wohnt nun wieder bei den Eltern und trifft regelmässig Silvanti sowie eine Therapeutin. Ihre Rehabilitation wird lange Zeit in Anspruch nehmen, nachdem sie in ihren jungen Jahren bereits so viel Schreckliches erleben musste.

Damit sie erst gar nicht verschwinden

Menschenhandel ist die Bezeichnung für Ausbeutung von Menschen unter Zwang. Die Opfer werden dabei auf eine oder mehrere Arten ausgebeutet:

  • Sexuelle Ausbeutung
  • Ausbeutung der Arbeitskraft
  • Entnahme von Organen
  • Missbrauch als Kindersoldat

Damit die jungen Leute schon gar nicht erst in diese furchtbare Lage geraten, setzt CSI einen der Schwerpunkte auf die Prävention. Dabei ist die Präventionskampagne von grosser Wichtigkeit. Die Partner vor Ort halten in den gefährdeten Gebieten regelmässig Vorträge, um Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen auf die Gefahren aufmerksam zu machen und zu warnen. Bei diesen Veranstaltungen erleben die Mitarbeiter häufig, dass verzweifelte Eltern auf sie zukommen und ihnen über ihre verschwundenen Kinder berichten. Wie bei Anupri übernimmt das Team den Fall zusammen mit der Polizei, aktiviert ihr Netzwerk und versucht ihr Bestes, um das Kind zu befreien.

Bei der Präventionsarbeit sind auch die regelmässigen Schulungen mit Behörden, Sozialarbeitern, vertrauenswürdigen Polizisten und Freiwilligen von wichtiger Bedeutung. Dabei wird nicht nur Grundwissen über den Menschenhandel weitervermittelt, sondern auch gleichzeitig ein Netzwerk aufgebaut, welches für den Kampf gegen den gut organisierten Menschenhandel unabdinglich ist.

Ein weiteres wichtiges Mittel bei der Präventionsarbeit sind die Selbsthilfegruppen. Sie sind eine wertvolle Plattform für die Sensibilisierungsarbeit und den Informationsaustausch. Zudem wird den Gruppen Geld für ein Kleingewerbe ausgeliehen. Dadurch können sie ein Einkommen erzielen und somit die Armutsspirale durchbrechen.

Seit gut einem Jahr besteht eine Notfallnummer, die überall, wo die Projektpartner tätig sind, verteilt wird. Die Notfallnummer wird rund um die Uhr bedient und wurde bereits rege benutzt. Mittlerweile konnten die Partner von CSI 300 Opfer befreien und unzählige durch Informationsanlässe vor einer Entführung bewahren.

Bestmögliche Hilfe für Opfer

Wenn immer möglich, gehen die Opfer zurück zur Familie. Dies ist jedoch nicht immer realisierbar. In einigen Fällen ist die Familie selber in den Menschenhandel verstrickt. Da besteht die akute Gefahr, dass ein Kind wieder verkauft wird. Zusätzlich geschieht es häufig, dass die eigenen Angehörigen das Kind nicht mehr annehmen, da auch in der hinduistischen Kultur ein vergewaltigtes Mädchen als unrein gilt und somit eine Schande für die Familie darstellt. Es kommt auch immer wieder vor, dass verantwortungslose Eltern ihre Kinder verstossen, weil sie finanziell nicht mehr für sie aufkommen wollen oder können.

Gute Heime für die befreiten Kinder zu finden, ist nicht einfach. Es gibt viele Heime, die Mädchen mit einer schlimmen Vergangenheit nicht aufnehmen wollen. Daher sind wir sehr dankbar, dass wir mittlerweile ein paar wenige Heime gefunden haben, welche die Opfer aufnehmen und ihnen eine bestmögliche Betreuung bieten. Bei unseren persönlichen Besuchen der Opfer freuen wir uns immer wieder, wenn wir sehen, was für Fortschritte diese Mädchen machen.

Besonders freudig sehen wir dem eigenen Heim entgegen, welches nach zähen Verhandlungen endlich gebaut werden kann. Im Sommer 2018 soll es eröffnet werden. Das Heim wird Platz für zirka 30 Mädchen zur Verfügung stellen. Ziel ist es, den Opfern einen bestmöglichen Platz anzubieten, wo sie viel Liebe, Schutz, wertvolle Rehabilitation und gute Vorbereitung zur Integration erfahren. Dies gibt uns Hoffnung, dass viele Anupris wieder zurück ins Leben finden werden, gesund und voller Lebensfreude.

 

Corinne Germann

 

* Name geändert

 

Weiterer Bericht:

122 Prozent mehr Opfer von Menschenhandel

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Projekt Indien