• Südsudan

Fast die Hälfte eines Menschenlebens als Sklave ertragen

30. März 2021

Der Südsudanese Diing Agany Mawien kannte 34 Jahre lang nichts anderes, als seinem Sklavenhalter bedingungslos zu gehorchen und bei jedem Missgeschick bestraft zu werden. Doch nichts konnte Diing davon abhalten, an seine Freiheit zu glauben.



Es geschah an einem frühen Morgen im Jahr 1986: Der damals sechsjährige Diing hörte Gewehrschüsse. Voller Angst wollte er sich im Wald verstecken. Doch islamistische Milizen aus dem Sudan, die die Gewehrschüsse abgefeuert hatten, entdeckten ihn. «Die Araber fingen mich ein.»

Tags darauf setzten ihn die islamistischen Angreifer auf ein Pferd und entführten ihn mit anderen Gefangenen in den nördlichen Teil des Sudans.

Dort angekommen wurde Diing dem Einheimischen Hamed übergeben. «Ich erhielt viel zu wenig zu essen und durfte nicht wie die anderen im Haus schlafen», erzählt Diing. Vielmehr wurde er von Anfang an gezwungen, beim Rindvieh zu übernachten, sei dies im Stall oder draussen auf der Weide. Der überforderte Knabe war allein für die Kühe verantwortlich. Kein Wunder, dass hie und da eine Kuh davonlief, ohne dass es Diing bemerkte. Doch bei jedem dieser Vorfälle schlug ihn Hamed gnadenlos mit einem Holzknüppel.

Missglückter Fluchtversuch

Die häufigen Misshandlungen und ständige Verachtung setzten Diing mit zunehmendem Alter zu. Schliesslich unternahm er eines Tages einen Fluchtversuch. Doch Hamed bemerkte dies sogleich und rannte ihm hinterher. «Er schoss mir ins Bein. Ich blutete und ächzte vor Schmerzen», berichtet Diing und zeigt dem südsudanesischen CSI-Mitarbeiter die kompliziert vernarbte Wunde an seinem Bein.

Nach dem missglückten Fluchtversuch wuchs seine Verzweiflung. «Ich weinte jede Nacht und betete von Herzen, dass Gott mich aus der Sklaverei befreien möge.»

Und tatsächlich bahnte sich nach 34 Jahren eine Wende in Diings Leben an. Er erfuhr von anderen Sklaven aus seinem Stamm der Dinka, dass sich ein arabischer Befreier in seiner Gegend aufhielt. Die Nachricht schenkte ihm neuen Mut: Am 20. November 2020 fasste er sich ein Herz und flüchtete erneut in der Nacht von Hameds Hof. Glücklicherweise fand Diing den Befreier nach kurzer Zeit. Dieser nahm ihn mit in sein Lager, wo Diing auf andere befreite Sklaven aus dem Südsudan traf.

Diing konnte mit dem Befreier und den anderen rund 150 ehemaligen Sklaven den langen Heimweg in Richtung Südsudan unter die Füsse nehmen.

Zurück in seiner Heimat zeigt er sich überglücklich: «Ich danke Gott und den lieben Spendern von CSI. Sie haben mir geholfen, mich aus der Sklaverei zu befreien.» Gleichwohl seufzt er: «Es gibt im Sudan noch viele Dinka-Sklaven, die auf ihre Befreiung hoffen.» 

Reto Baliarda

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