Flüchtling gibt heute weiter, was er empfangen hatte

26. August 2019

Wegen der Bedrohung durch Islamisten flüchtete Youhanna von Nordostsyrien ins irakische Kur­­den­gebiet. Hier begegnet er eines Tages dem heutigen CSI-Geschäftsführer John Eibner – der Beginn einer langen Zusammenarbeit. Heute spendet Youhanna selber für Bedürftige im Nahen Osten.



Die Familiengeschichte von Youhanna* ist eine Geschichte der Verfolgung, wie es bei syrischen Christen häufig der Fall ist: Seine Vorfahren überlebten den Genozid an den Christen im Osmanischen Reich 1915. Sie fanden Zuflucht in Semele, im heutigen Nordirak, damals unter dem Völkerbundsmandat der Briten. Als die Briten 1933 abzogen, kam es zu Pogromen gegen Christen mit mehreren tausend Toten. Erneut mussten Youhannas Vorfahren flüchten. Sie liessen sich am Fluss Chabur im heutigen Syrien nieder, wo in der Folge rund 30 christliche Dörfer entstanden. Einige der Dörfer wurden im Februar 2015 vom Islamischen Staat angegriffen. Drei Christen wurden getötet, über 200 entführt. Ihre Freilassung lies­sen sich die Dschihadisten teuer bezahlen.

Youhanna befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits in einem christlichen Bergdorf im irakischen Kurdistan. Er hatte den Einmarsch von Islamisten (Freie Syrische Armee, später al-Nusra) in Rakka erlebt. Einige Christen wurden getötet und man sagte ihnen, alle Christen müssten weg. Im irakischen Bergdorf waren Youhanna und seine Familie ganz von der Hilfe der ortsansässigen Christen abhängig, die ihnen Obdach und Nahrung gewährten. In dieser hilflosen Situation erhielt der damals 19-jährige Youhanna einen Anruf von einem gewissen Louis. Youhanna erzählt:

«Eine Arbeit mit Suchtpotenzial»

«Louis war mir völlig unbekannt. Er sagte, er hole mich ab, John Eibner wolle mich sehen. Auch ihn kannte ich nicht. Aber Louis sprach immerhin Aramäisch und so vertraute ich ihm, ebenso meine Eltern. Louis berichtete über die irakische Menschenrechtsorganisation Hammurabi, für die er arbeite und dass CSI die Arbeit unterstütze, dessen Vertreter John Eibner sei.

Als ich John traf, war ich sehr erstaunt, dass sich der fremde Mann für mich interessierte und Anteil an meinem Ergehen nahm. Beim Abschied gab John mir hundert Dollar. Ich zögerte, sie anzunehmen, obwohl ich das Geld dringend benötigte. Warum wollte dieser Fremde mir Geld geben? Würde ich es später bereuen, wenn ich es annehme? – Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einfach so Geld annahm. Ich wollte es später zurückzahlen – doch womit?

Auf dem Heimweg sagte ich Louis, dass ich sehr gerne mitarbeiten würde – als Freiwilliger. Nach einiger Zeit rief mich Louis tatsächlich an: Sie bräuchten einen Übersetzer. Ich freute mich: Das war meine Chance, etwas zurückzugeben!

Wieder traf ich auf John Eibner. Ich nahm zum ersten Mal an einer Hilfsaktion teil. Es war eindrücklich, den bedürftigen Flüchtlingen bitter benötigte Hilfe zu verteilen. Das hat Suchtpotenzial! Ich übersetzte für CSI, was die Leute erlebt hatten – schreckliche Dinge. Mehrere Tage war ich Teil des Helfer-Teams. Bei der Verabschiedung wollte John mir für die geleistete Hilfe erneut 100 Dollar übergeben. Wie stolz war ich, als ich sagen konnte: Danke, ich bin bereits bezahlt worden!»

Fähiger Mitarbeiter vor Ort

In den folgenden Monaten und Jahren arbeitete Youhanna gegen ein kleines Entgelt regelmässig für CSI. Seine Aramäisch- und Arabischkenntnisse in Kombination mit seiner freundlichen, dienstbereiten und unerschrockenen Art waren für das CSI-Team eine überaus wertvolle Hilfe. Wenn kein CSI-Team vor Ort war, dokumentierte Youhanna die Hilfsaktionen für CSI in Text und Bild.

Nach vier Jahren als Flüchtlinge im Irak erhielten Youhanna und seine Familie die Erlaubnis, sich in Australien niederzulassen. Hier setzt Youhanna sein Studium fort, das er in Rakka über Nacht hatte abbrechen müssen. Von Australien aus finanziert er jetzt die Hilfe von CSI im Nahen Osten mit.

«Dafür lohnt es sich, früh aufzustehen»

«Ich führe heute in Australien ein privilegiertes Leben. Strom, Wasser und Internet sind selbstverständlich, ich habe alle Freiheiten und es ist eine sehr tolerante Gesellschaft. Aber ich werde nie vergessen, wo meine Wurzeln sind, welches Leid ich durchgemacht habe und was fremde Menschen mir ermöglicht haben.

Mit CSI zu arbeiten hat meine Lebensbedingungen im Irak stark verbessert. Ich hatte ein regel­mässiges Einkommen, eine Arbeit, die ich liebte, und Arbeitskollegen, die ich sehr bewunderte. Dieser Arbeit ist es zu verdanken, dass die vier Jahre, die ich im Irak als Flüchtling verbringen musste, nicht die schlimmste Zeit meines Lebens wurden.

CSI und Hammurabi gaben mir nicht nur eine Stelle, sie führten mich vielmehr in eine ganz neue Lebensweise ein: unermüdlich arbeiten, um das Leben von Menschen zu erleichtern, die dringend eine helfende Hand benötigen. In Australien bin ich in Gefahr, diese Lebensweise zu vergessen. Das will ich verhindern. Gibt es einen besseren Weg, als von hier die Leute zu unterstützen, die mein Leben verändert haben? Ich will meine Verantwortung gegenüber den Menschen im Nahen Osten wahrnehmen. Das gibt dem Leben einen Sinn, macht es lohnenswert, früh aufzustehen und hart zu arbeiten.» 

* Name geändert

 

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