Freudentränen: 85-jährige Christin ist wieder zu Hause

24. Dezember 2018

Vor zwei Jahren traf CSI sie in einem Flüchtlingslager im irakischen Kurdistan: Ghazala, eine von zehntausenden Irakern, die vor dem Islamischen Staat flüchten mussten. Was sie kaum zu hoffen wagte, ist heute Realität: Sie konnte in ihr Haus zurückkehren.



«Mumkin ashuf?» (Darf ich schauen?) Ich zeige Ghazala einige Porträtfotos, die ich soeben von ihr gemacht habe. «Ajuza!» (Wie alt ich bin!), ruft die 85-jährige Ghazala lachend.

Ghazala lässt ihren Blick durchs Zimmer schweifen und auf einer Kommode ruhen, auf der ein Fernseher steht, umgeben von alten Fotos: Feste, Familie, Freunde. Es sind kostbare Erinnerungsstücke, die wie Ghazala den Islamischen Staat (IS) überlebt haben. Sie scheinen zu einem früheren Leben zu gehören. Zu einem Leben vor der Zerstörung ihres Heimatdorfs, vor ihrer Flucht, vor dem IS und der Allgegenwart verschiedener Milizen. Sie stammen aus einer goldenen Zeit, die in nostalgischer Erinnerung noch rosiger erscheint, aus einer Zeit, in der das Leben einfach war, glücklich.

Sehnsucht nach der Heimat

«Ajuza!» Brüsk setzt Ghazala ihren Erinnerungen ein Ende. Ihre Stimme zittert leicht vor Ergriffenheit. «Ajuza!» Sie beginnt, ein Gedicht in Suret, dem im Irak verbreiteten aramäischen Dialekt, zu rezitieren und verfällt bald in Gesang. Es ist ein Gesang, der in die Herzen dringt und alle Zuhörenden berührt. Die Stimme von Ghazala erfüllt das Wohnzimmer des Hauses, von dem sie gedacht hatte, dass sie es wohl nie wiedersehen würde.

Ghazalas unvergessliche Stimme erinnert mich an einen kalten Dezembertag 2016 auf meiner ersten Irakreise. Ich lernte Ghazala als Flüchtling im irakischen Kurdistan kennen, in einem kleinen Zimmer, ausgestattet nur mit Matratzen. Damals hatte sie das gleiche Lied gesungen – mit der bangen Frage in den Augen: «Werde ich jemals nach Hause zurückkehren können?»

Böses Erwachen

Ghazala hatte mit ihrer Schwägerin Victoria in Karamlesch gelebt, einem friedlichen kleinen Dorf in der Ninive-Ebene, nicht weit von Karakosch entfernt.

An einem Morgen im August 2014 standen die beiden alten Frauen wie üblich früh auf, um in der Kirche zu beten. Als sie diese geschlossen vorfanden, klopften sie an die Tür des Pfarrers. Keine Antwort. Das Dorf schien ausgestorben. In diesem Moment sahen sie in der Ferne auf dem Kloster der Heiligen Barbara, der Schutzheiligen des Dorfes, die schwarze Flagge des IS wehen.

Von Angst ergriffen schlossen sich Victoria und Ghazala in ihrer Wohnung ein. «Während vier Tagen verharrten wir so, ohne die Haustür zu öffnen», erinnert sich Ghazala. Doch bald neigten sich ihre Wasser- und Lebensmittelvorräte dem Ende zu. Als sie die Tür öffnete, marschierten sofort drei schwerbewaffnete bärtige Männer auf sie zu: «Was macht Ihr noch hier?», herrschten sie Ghazala an.

Fast zwei Wochen lebten Ghazala und Victoria unter dem IS. Schliesslich wurden sie vor die Wahl gestellt, zu konvertieren oder das Dorf unverzüglich zu verlassen, ohne etwas mitzunehmen. «Ich bin seit mehr als 80 Jahren Christin und Sie wollen, dass ich jetzt meine Religion wechsle?», sagte Ghazala und wählte die Flucht.

Endlich wieder zu Hause!

Die ausgestandenen Ängste unter dem IS, die gefährliche Flucht ins irakische Kurdistan, die Entbehrungen als Flüchtling – es ist Vergangenheit. «Ich hätte nie gedacht, dass ich mein Dorf jemals wiedersehen würde», sagt Ghazala dankbar. «Im Flüchtlingslager war mein Gebet, dass ich wenigstens in meinem Dorf sterben kann, selbst wenn alles zerstört ist.»

Ghazala ist eine der ersten, als sie im September 2017 ins zerstörte Karamlesch zurückkehrt. Ihr Haus stand noch, die Zerstörung war glücklicherweise gering. Inzwischen sind etwa tausend Einwohner in ihr Heimatdorf zurückgekehrt, ein Viertel der Bevölkerung vor dem Einmarsch des IS. Ghazalas Schwägerin Victoria ist nach Jordanien ausgewandert.

Hélène Rey

 

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