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Für die Opfer von Boko Haram da: Pater Michael

15. Februar 2015

Das Jahr ist noch jung und doch tötete die islamistische Terrorgruppe Boko Haram bereits Dutzende und schlug Tausende in die Flucht. Pater Michael, CSI-Projektpartner in Nigeria, gibt im Interview Einblick in seinen vom Boko-Haram-Terror geprägten Alltag.



Das Jahr ist noch jung und doch tötete die islamistische Terrorgruppe Boko Haram bereits Dutzende und schlug Tausende in die Flucht. Pater Michael, CSI-Projektpartner in Nigeria, gibt im Interview Einblick in seinen vom Boko-Haram-Terror geprägten Alltag.

 

CSI: Nach dem Anschlag der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram auf die Kirche in Madalla übertrug Ihnen Ihr Bischof noch am gleichen Tag die Aufgabe, sich um die Opfer zu kümmern. Was haben Sie angetroffen?

Viele waren rasend vor Wut und forderten Rache. Sie schimpften und verfluchten die Täter. Es gab kaum jemanden, der für die Täter betete, dass Gott deren Herzen berühren und verändern möge. Die Gefahr war gross, dass unschuldige muslimische Nachbarn angegriffen würden. Wir Priester versuchten, die Leute zu beruhigen.

 

Sicher klagten manche auch Gott an?

Natürlich. Es war nicht einfach und brauchte viel Zeit, um die Leute zu trösten und zu ermutigen und um zum Beispiel jemandem, der vier Kinder verloren hat, zu sagen: «Gott ist immer noch gütig.» Dazu gehörte immer wieder der Hinweis, dass Jesus selber gesagt hat, wir sollten uns vor jenen nicht fürchten, die nur den sterblichen Körper töten können. Unser Leben kann uns nicht genommen werden.

 

Sind viele nach dem Anschlag geflüchtet?

Die Kirche in Madalla (nahe der nigerianischen Hauptstadt Abuja) wurde vor allem von Zuwanderern besucht. Viele gingen in ihre Heimatorte zurück und warteten ab. Die Regierung erhielt ein Jahr lang eine nächtliche Ausgangssperre aufrecht. Als diese aufgehoben wurde, kehrten die Menschen langsam zurück. Doch die Angst ist geblieben. Überall sind die Menschen verängstigt. Niemand kann wissen, wo Boko Haram als nächstes zuschlägt.

 

Der Anschlag war an Weihnachten 2011 – weshalb brauchen die Opfer heute immer noch Hilfe?

Viele können nicht mehr arbeiten, weil sie verkrüppelt sind. In anderen Familien starb der Ernährer und die Familie blieb allein zurück. Einige sind auf Nachbehandlungen und Medikamente angewiesen. Wir organisieren auch weiterhin regelmässige Treffen mit den Bombenopfern, um sie psychologisch zu betreuen und mit ihnen zu beten.

 

Leistet die Regierung keine Hilfe?

Die Regierung übernahm die Kosten für einige Opfer, die gleich nach dem Anschlag im Spital waren. Seither kam keine Hilfe von den Behörden, obwohl wir mehrmals bei den Lokal-, Bundesstaats- und Bundesbehörden vorstellig wurden. Bei den Behörden braucht alles viel Zeit. Und wenn tatsächlich Hilfe zugesprochen würde, käme sie über verschiedene Zwischenstellen. Bevor das Geld bei den Betroffenen landet, ist schon nichts mehr davon übrig.

 

Deshalb kommen die Leute zur Kirche.

Genau. Sie wissen: Da ist jemand, der mir zuhört. Die Tage im Beratungszentrum sind immer sehr anstrengend. Die Leute haben viele Probleme und erwarten sofort eine Lösung; oft kann ich auch nicht helfen und nur zuhören. Es geht häufig um die Gesundheit, um die Miete oder um familiäre Probleme.

 

In Ihrer Region leben auch viele Muslime. Wie ist das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen?

Über Jahrzehnte hinweg waren die Beziehungen gut, wir hatten keine Probleme. Es gibt gemischte Familien mit Christen, Muslimen und Animisten. Ich stamme selber aus einer solchen Familie. Die aktuellen Ereignisse haben jedoch das gegenseitige Vertrauen erschüttert. Man ist misstrauisch geworden und sieht im Gegenüber einen potenziellen Feind.

 

Ist dieses Misstrauen berechtigt?

Natürlich bekennt sich niemand öffentlich zu bösen Absichten. Wenn über Boko Haram diskutiert wird, verurteilt jeder, was sie machen. Eines aber ist sicher: Boko Haram hat ihre Anhänger überall. Auch in der Regierung oder in der Armee. Ihr Einfluss reicht sogar bis in die Kirchen hinein.

 

Was tut die Regierung?

Die Aufgabe der Regierung ist es, uns zu beschützen. Sie sagt, sie bemühe sich, das zu tun. Es ist schwierig zu sagen, ob sie sich wirklich bemüht. Fakt ist: Die Anschläge von Boko Haram hören nicht auf.

 

Wäre die Regierung denn in der Lage, Boko Haram zu stoppen?

Ich bin sicher, dass sie dazu in der Lage wäre. Es ist das eine, die Fähigkeit zu haben, das andere ist es, diese Fähigkeit auch zu nutzen. Wir haben die Polizei, die Armee, den Geheimdienst – alles Institutionen, die den Frieden aufrechterhalten sollten. Aber unsere Grenzen sind durchlässig – wie sonst sollte Boko Haram zu den schweren Waffen kommen? Und wie konnte es dem Attentäter in Madalla gelingen, mit seiner Bombe all die Checkpoints zu passieren? Eines ist klar: Jemand macht seine Arbeit nicht gut und wenn nicht jeder seine Arbeit gut macht, wird es weiterhin solche Lecks geben.

 

Können Sie auch in Nigeria so offen sprechen?

Ich tue es, auch gegenüber der Presse oder der Regierung. Wir dürfen uns nicht von Angst lähmen lassen. Ich spreche für mein Volk. Ich sage, was ich weiss, und wenn jemand damit nicht glücklich ist – da kann ich nichts machen. Wir hoffen und beten, dass die Dinge sich verändern und die Leute wieder in Frieden leben können.

 

Was soll die Regierung tun?

Das Wichtigste sind verstärkte Anstrengungen, um einen Frieden zu erreichen, damit ein friedliches Zusammenleben wieder möglich ist. Wer Opfer von Boko Haram geworden ist, soll Arbeit, Gesundheitsversorgung und Sozialhilfe erhalten.

 

Was soll die internationale Gemeinschaft tun?

Ich wünsche mir vor allem Aufmerksamkeit. Die internationale Gemeinschaft soll kritisch hinschauen. Wenn das geschieht, könnte eine bessere Gesellschaft entstehen. Wenn die internationale Gemeinschaft über die Hintermänner von Boko Haram spricht – man verdächtigt zum Beispiel Saudi-Arabien – und sie öffentlich anprangert, würden sie vielleicht ihre Unterstützung stoppen. Das ist meine Hoffnung und mein Gebet. 

Adrian Hartmann


Pater Michael

Ahmadu Michael Gadache, Jahrgang 1975, wurde 2005 zum Priester geweiht. Unmittelbar nach dem Bombenanschlag auf die Kirche in Madalla beauftragte der Bischof der Diözese Minna ihn mit der Fürsorge für die Opfer. Pater Michael baute dafür ein Beratungszentrum auf. Er ist in der Diözese Minna gleichzeitig der Leiter der Justice, Development and Peace Commission, die sich für Frieden und Menschenrechte einsetzt.


CSI-Projekt in Nigeria

CSI ist seit Mai 2013 in Nigeria aktiv. Schwerpunkte sind das südliche Enugu, wo viele Flüchtlinge aus dem Norden vor Boko Haram Zuflucht suchen, sowie die Stadt Madalla, wo an Weihnachten 2011 ein verheerender Bombenanschlag auf eine Kirche verübt wurde. In Enugu ermöglicht CSI Flüchtlingskindern den Schulbesuch, unterstützt ein Waisenheim und vergibt Mikrokredite, damit sich die Flüchtlinge eine neue Existenz aufbauen können. In Madalla leistet CSI Beiträge an die medizinische Versorgung der zahlreichen Verletzten. Daneben hilft CSI auch Vertriebenen im Norden Nigerias (Maiduguri und Yola) mit Lebensmitteln und medizinischer Behandlung. 2014 leistete CSI Hilfe im Wert von rund 300’000 Franken.

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