Fulani-Gewalt gegen Bauern ist islamistisch geprägt

29. Oktober 2019

CSI hat die neue Website zum grausamen Konflikt in Nigeria lanciert , um die starke religiöse Komponente aufzuzeigen. Diese ist für das Verständnis – und am Ende die Lösung – des Konflikts unabdingbar. Hier Teil II der Einleitung von Geschäftsführer John Eibner.



Die Gewalt der Fulani-Milizen wird von Thinktanks und Medien häufig als Konflikt zwischen nomadischen Viehhütern und sesshaften Bauern im Kampf um natürliche Ressourcen beschrieben, der von der Wüstenbildung noch verschlimmert wird. Der wirtschaftliche Wettbewerb zwischen diesen Gruppen ist tatsächlich ein wichtiger Faktor. Doch diese die Religion ausklammernde Berichterstattung über die Fulani-Milizen spielt die zentrale Rolle herunter, die dem gewalttätigen Dschihad in der historischen Tradition des Fulani-Volkes beim Aufbau eines Kolonialreichs zukommt.

Ausserdem beschönigt sie auch die bestehenden Verbindungen zwischen Fulani-Milizen und internationalen dschihadistischen Netzwerken auf der einen Seite sowie zwischen Islamisten und ethnischen Fulani-Chauvinisten innerhalb der von Fulani dominierten Führungsgremien in Militär und Geheimdienst Nigerias auf der anderen Seite. Wie Dres. I.F. Izeonwuka and Austine Uchechukwu Igwe beobachtet haben, wird das Fussvolk der nomadischen Hirten immer dann als Kampftruppe eingesetzt, wenn die von Fulani dominierte politische Führung zur Vorantreibung ihrer Interessen eine «sozioreligiöse Säuberung (einen Dschihad)» als notwendig erachtet. Dieses Muster scheint heute genauso seine Gültigkeit zu haben wie früher während des Dschihads von Usman dan Fodio (1754-1817).

Kleine Fulani-Minderheit mächtig dank Dschihad

Wer sind die Fulani? Sie sind ein in verschiedenen Ländern verbreitetes Nomaden-Volk, das vermutlich von Berbern und Schwarzafrikanern abstammt und dessen ursprüngliche Heimat südlich der Sahara in Senegal lag. Sie leben auch in Niger, Guinea, Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Ghana, Benin, Elfenbeinküste, Kamerun, in der Zentralafrikanischen Republik, im Tschad, Sudan und im Südsudan. In Nigeria gibt es gemäss dem CIA Factbook rund 12 Millionen Fulani, was 6,3 Prozent der geschätzten 203 Millionen Einwohner entspricht. Ihre Anzahl ist allerdings umstritten. Mehrere Quellen gehen von nicht mehr als sechs bis sieben Millionen aus. Die ersten Fulani liessen sich im 14. Jahrhundert im heutigen Nigeria nieder. Obschon sie eine kleine Minderheit waren, erwarben sie durch den Dschihad von dan Fodio eine enorme politische Macht. Die politische Dominanz der Fulani-Stammesoligarchie besteht bis heute. Sie zeigt sich in der überproportionalen Anzahl von Fulani-Beamten im nigerianischen Sicherheitsapparat.

Neuauflage des Dschihad

Es versteht sich von selbst, dass die überwiegende Mehrzahl der Fulani in Westafrika friedliche Menschen sind, die ums Überleben kämpfen und kein vertieftes Wissen über den gewalttätigen Dschihad haben. Es gibt auch eine Vielzahl von urbanen Fulani, die friedlich in einem multiethnischen und multireligiösen Umfeld wohnen. Doch der wahhabitisch geprägte Islamismus findet seit den 1980er Jahren den Weg in breite Teile der Fulani-Gesellschaft sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Zudem ist sich die Fulani-Führung sehr bewusst, dass die Ausweitung und Konsolidierung der Macht der Fulani in Nigeria auf den Dschihad von dan Fodio zurückzuführen ist.

Die kollektive Erinnerung an die 2,5 Millionen nichtmuslimischen Sklaven, die während des Dschihad gefangengenommen wurden und später eine wichtige Rolle für die wirtschaftliche Blüte des Kalifats spielten, lebt in der kulturellen Tradition der Fulani weiter und dient als Bestätigung ihrer politischen und religiösen Überlegenheit. Gegenwärtig ist eine Wiederbelebung der territorialen Ausbreitung der Fulani vor dem ideologischen Hintergrund ihrer Dschihad-Tradition im Gange. Sie wird von internationalen und einheimischen Islamisten gefördert. Diese Wiederbelebung ist ein zentraler Faktor dafür, dass aus dem, was sonst ein simples Gezänk unter Hirten und Bauern geblieben wäre, ein grausamer religiöser Konflikt entstanden ist, der die Stabilität des fragilen nigerianischen Bundesstaats und ganz Westafrika bedroht.

Ausrüsten und motivieren, um Frieden zu schaffen

Nigerias blutige religiöse Konflikte sind nicht aus einem politischen Vakuum heraus entstanden. Sie haben Wurzeln, die tief in die Geschichte des Landes reichen: im Fulani-Dschihadismus des 19. Jahrhunderts, im britischen Imperialismus und in lokalen ethnischen Machtkämpfen. Sie sind auch eingebettet in die gegenwärtigen Beziehungen Nigerias zu nichtstaatlichen islamistischen Akteuren, dem wahhabitischen Staat Saudi-Arabien und den Vereinigten Staaten.

Das Verständnis dieser Geschichte und der aktuellen Netzwerke der Macht, die die Innenpolitik Nigerias antreiben und das Land mit der Aus­senwelt verbinden, ist notwendig, um den Alptraum nachvollziehen zu können, den unzählige Nigerianer heute durchstehen müssen. Ohne ein solches Verständnis erscheint diese von Menschen verursachte Katastrophe lediglich als ein lokaler wirtschaftlicher Streit oder, noch schlimmer, als willkürliche, unverständliche Gewalt ohne Lösung – eine Betrachtungsweise des Leidens in Afrika, die westliche Beobachter nur allzu oft einnehmen. Die Website www.nigeria-report.org fördert eine fundierte Diskussion und Debatte über die anhaltende Tragödie in Nigeria. Es ist zu hoffen, dass sie internationale Akteure und Menschen guten Willens auf der ganzen Welt zum Handeln ausrüsten und motivieren wird, um den Frieden in diesem gebeutelten Land wiederherzustellen.

Dr. John Eibner

 

Hier geht es zur neuen Website.

Den ersten Teil dieses Texts finden Sie hier.

Die gesamte Einführung inklusive Fussnoten / Quellenangaben kann bei uns angefordert werden. 044 982 33 33 oder info@csi-schweiz.ch

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