Gemeinsam gegen Menschenhandel

24. September 2013

Seit Anfang 2013 kämpft CSI gegen die Ausbeutung von indischen Mädchen aus Familien, die von der Gesellschaft diskriminiert werden. Unsere Partner bauen ein breites Netzwerk auf, um die gefährdeten Kinder zu schützen und zu befreien. Bereits sind erste Erfolge sichtbar.



Für nur 100 Rupien – umgerechnet CHF    1.50 – wurde Amithi (Name geändert) von ihren Eltern an einen Zuhälter verkauft. Dieser vermittelte sie weiter nach Delhi, wo die 12-Jährige als Arbeits- und Sexsklavin herumgereicht wurde. Pastor Jose Thomas erfuhr davon. Er gab eine Vermisstenanzeige auf, worauf die Polizei aktiv wurde. Sie konnte den Zuhälter aufspüren und das Mädchen befreien. «Amithi war in einer entsetzlichen Verfassung», erzählt Aashima Samuel, unsere Projektpartnerin in Indien. «Das arme Mädchen war total verängstigt und verstört – ein völlig gebrochener Mensch.» Heute wohnt Amithi in einem Schutzhaus. Dort ist sie geborgen, wird psychologisch betreut und kann eine Schule besuchen.

Breites Netzwerk gegen Menschenhandel

Hunderttausende haben ein ähnliches Schicksal wie Amithi. Für sie setzt sich EFICAR ein (Abkürzung für Evangelical Fellowship of India – Children at Risk), ein neues Projekt der Indischen Evangelischen Allianz, das CSI seit Januar 2013 finanziert. Aashima Samuel ist die Leiterin von EFICAR. «Wir betrachten jedes Kind als Geschöpf Gottes», erläutert sie die Motivation des Teams. «Wir glauben, dass jedes Kind das Recht hat, ein Leben in Würde zu führen.»

Jose Thomas, der die Befreiung von Amithi in die Wege leitete, ist einer der Pfarrer, die mit EFICAR zusammenarbeiten. Inzwischen konnte EFICAR viele weitere Pfarrer, Polizisten, Behördenvertreter und Freiwillige in Weiterbildungskursen sensibilisieren und darin unterrichten, wie sie in Fällen von Menschenhandel reagieren sollen. Im Bundesstaat Jharkand (Ostindien) soll ein breites Netzwerk entstehen. «Das Verständnis für die Problematik ist stark gewachsen», blickt Aashima Samuel auf die letzten Monate zurück.

In der Stadt Khunti erzielte das Netzwerk bereits einen Erfolg: Personen aus der Bevölkerung meldeten EFICAR, dass drei Mädchen verschwunden seien. Menschenhändler hätten sie von ihren Familien weggelockt, indem sie ihnen ein besseres Leben versprachen. EFICAR setzte unverzüglich alle Hebel in Bewegung: Sie alarmierten die lokalen Behörden und die Polizei und boten das Freiwilligennetzwerk auf. Zugstationen und Strassen wurden kontrolliert. Dank eines Freiwilligen konnte das Versteck gefunden werden. Die Mädchen wurden von der Polizei befreit. Den Händlern gelang leider die Flucht.

Schutz für Kinder

EFICAR bemüht sich auch um Prävention gegen Ausbeutung und Menschenhandel. An drei Orten bietet EFICAR ein Betreuungsprogramm für inzwischen etwa 80 verwahrloste Kinder an, die sonst auf der Strasse herumlungern. Sie dürfen in geschütztem Rahmen spielen, bekommen Hilfe bei den Hausaufgaben und werden über Menschenhandel und Ausbeutung aufgeklärt. Sie wissen so auch, an wen sie sich im Notfall wenden können.

Das ist erst der Anfang

«Seit Jahren träumen wir davon, gegen den Missbrauch von Kindern zu kämpfen», sagt Aashima Samuel. «Wir sind alle sehr dankbar, dass CSI die Arbeit finanziell unterstützt.» Mit Hilfe des neuen Netzwerks konnten in den letzten Monaten sieben Mädchen ihren Peinigern entrissen werden. Sie glaubt, dass noch viel mehr möglich ist: «Wir hoffen, dass wir mit eurer Hilfe stärker gegen Menschenhandel und Ausbeutung vorgehen und viele Mädchen schützen können.»

Allen SpenderInnen, die in diese Arbeit investieren, sei ein riesiges Dankeschön ausgesprochen. Nur gemeinsam sind wir stark genug, um gegen Menschenhandel und Ausbeutung anzukämpfen. Für jedes Kind, das vor einem grausamen Schicksal bewahrt oder befreit werden kann, lohnt sich der unermüdliche Einsatz vor Ort und auch hier in der Schweiz.

Als Strafe nackt arbeiten

Die zwölfjährige Dalia (Name geändert) kommt aus einer arme Familie aus einem Dorf in der Nähe von Ranchi, Bundesstaat Jharkand. Sie kann weder lesen noch schreiben. Aus purer Not schickten ihre Eltern sie zum Arbeiten in eine reichere Familie so würde sie wenigstens täglich etwas zu essen bekommen. Si konnten nicht ahnen, welches Schicksal ihre Tochter erwartete. Die Familie schickte Dalia ohne das Wissen ihrer Eltern zu Verwandten in die etwa 1200 Kilometer entfernte Hauptstadt Delhi. Dort musste die 12-Jährige im Haushalt arbeiten und sic um ein anderthalb Monate altes Baby kümmern. Sie durfte das Haus nicht verlassen, jeglicher Kontakt zu ihren Eltern wurde ihr verboten. So erfuhr sie nicht einmal vom Tod ihres Vaters. Sie wurde mit Eisenstangen und einem Gürtel geschlagen; die Narben sieht man bis heute. Machte sie einen Fehler, wurde si gezwungen, nackt herumzulaufen. So ging das über ein Jahr lang.

Eines Tages bemerkte eine Nachbarin, wie grausam Dalia behandelt wurde, und alarmierte die Behörden. Diese brachten Dalia in ihre Heimat zurück, wo sie heute in einem Schutzhaus lebt. Unsere Partner in Jharkand brachten den Fall vor Gericht und fordern eine hohe Strafe für den Schuldigen. Das Verfahre ist noch hängig.

Was ist Menschenhandel?

Der Begriff «Menschenhandel» wird heute für ein recht breitgefächertes Phänomen verwendet. Zumeist versteht man darunter Formen von organisierter Kriminalität, in denen Banden Menschen ihrer Freiheit berauben und zu unterschiedlichen Zwecken (über Landesgrenzen hinweg) weiterverkaufen. Oft werden gerade junge Frauen mit dem Versprechen einer Arbeitsstelle und einem besseren Leben ins Ausland gelockt und landen schliesslich in der Zwangsprostitution – zum Beispiel in der Schweiz. Wenn die Opfer durchschauen, in was sie hineingeraten sind, ist es meis schon zu spät.

Menschenhandel muss jedoch nicht immer organisiert sein. In vielen Entwicklungsländern wie zum Beispiel in Indien oder auch in Südamerika sind Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft oder Haushaltssklaverei weit verbreitet. Opfer sind wie so oft die Schwächsten und Verwundbarsten – Kinder und Frauen, Flüchtlinge und Migranten.

Die UNO spricht von 21 Millionen Menschen, die Opfer von verschiedenen Formen von Menschenhandel und Sklaverei sind Fünfeinhalb Millionen, rund ein Viertel dieser Zwangsarbeiter, sind Minderjährige. Sie sind Kindersoldaten, arbeiten im Haushalt, auf Feldern, in Fabriken oder Minen oder in der Prostitution. Ihre Schutzlosigkeit und Entwurzelung bindet dies Kindersklaven an ihre Besitzer.

Indien ist eines der Länder, in dem Menschenhandel besonders stark verbreitet ist. Im Unterschied zu anderen Ländern hande es sich in Indien jedoch mehrheitlich um ein Verbrechen im Land selber. Man schätzt, dass nur etwa 10  % aller Opfer über die Landesgrenzen geschmuggelt werden.

Betroffen sind insbesondere die Dalits, die Kastenlosen; sie gehören zu den Ärmsten der indischen Gesellschaft. Zudem gelten Frauen und Mädchen wenig. Gewalt gegen Frauen ist weitverbreitet und wird vom Staat nur halbherzig unterbunden

Autoren: Projektleiterin Inés Wertgen | Adrian Hartmann

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Projekt Indien