• Irak

Generation um Generation auf der Flucht

22. Mai 2014

Unzählige Bürgerkriegsflüchtlinge sind aus Syrien in den Irak geflohen, unter ihnen auch Christen, die nach einem Ultimatum von Islamisten ihr Zuhause innert 24 Stunden verlassen mussten. CSI hat einige von ihnen kürzlich besucht und Hilfe gebracht.



Wir fuhren am Morgen des 1.  April 2014, dem assyrischen Neujahr, im kurdischen Erbil los Richtung Norden. Je näher wir unserem Bestimmungsort kamen, desto hügeliger wurde das Gelände. Unterwegs warteten wir auf Pater Gabriel, den Abt des Klosters St. Maria von Alqosh, der uns um Hilfe für die syrischen Flüchtlinge gebeten hatte. CSI-Projektleiter John Eibner und ich waren daraufhin sofort in den Irak gereist und hatten uns nun mit Projektpartnerin Pascale Warda und zwei Sicherheitsleuten auf den Weg zu den Flüchtlingen gemacht. Nach einer etwa dreieinhalbstündigen Autofahrt kamen wir in dem christlichen Dorf in der Nähe von Dohuk an, in dem die Flüchtlinge wohnen. Sie warteten bereits vor der Kirche auf uns: 17 Familien wohnen hier, 74 Personen. Die Flüchtlinge äusserten sich dankbar über die freundliche Aufnahme durch die Christen vor Ort. Diese holten sie aus den Flüchtlingslagern in ihr Dorf und helfen ihnen nun, so gut sie können.

Familiengeschichte der Flucht

Das Schicksal dieser christlichen Flüchtlinge ist tragisch. Innerhalb eines einzigen Jahrhunderts wurden sie dreimal von einem Genozid bedroht. Ihre Vorfahren flüchteten 1915 vor dem Genozid im Osmanischen Reich in den Nordirak. In den 1930er Jahren wurden sie im Irak erneut von der Auslöschung bedroht, dieses Mal von arabischen und kurdischen Milizen. Mehrere tausend wurden getötet, viele Überlebende flüchteten an den Chabur-Fluss nach Syrien.

Im andauernden syrischen Bürgerkrieg wurden sie nun erneut mit dem Tod bedroht. Vor etwa einem Jahr flohen sie deshalb zurück in den Irak – in die gleiche Gegend, die ihre Väter und Grossväter in den 30er Jahren verlassen mussten. «Ich möchte gerne wissen, an welchem Ort ich mir eine Existenz aufbauen könnte, wo dann auch mein Sohn sein ganzes Leben in Sicherheit verbringen kann!», ruft einer der Väter aus. Die Familiengeschichte der Flucht prägt den Alltag der Flüchtlinge und ist entscheidend für ihre Sicht auf die Zukunft.

«Plötzlich griffen uns unsere Nachbarn an»

Paulos (Name geändert), einer der Flüchtlinge, erzählt uns alles der Reihe nach: «Bis zum Bürgerkrieg waren wir respektiert.» Ein Jahr lang machte sich der Krieg nur dadurch bemerkbar, dass alles teurer wurde. «Etwa Mitte 2012 verschlechterte sich die Situation», erinnert er sich. Die Rebellen rückten vor. Der 75-jährige Vater von Paulos wurde gekidnappt und gefoltert, gegen ein Lösegeld schliesslich freigelassen. «Unsere Nachbarn kamen vermummt zu uns und forderten unseren Besitz.» Die Vermummten nannten sie beim Namen, erzählt ein Flüchtling. Deshalb sei er sicher, dass die Nachbarn beteiligt waren. Unter den Terroristen – so nennen die Flüchtlinge die Rebellen – seien zum einen Kriminelle, die sich einfach bereichern wollen, dann aber auch islamistische Gruppen wie die Jabhat al-Nusra. Letztere kamen in die Dörfer und forderten die Christen auf, Muslime zu werden, Schutzgeld (Dschizya) zu bezahlen oder zu verschwinden.

In Syrien zurückgeblieben sind arme Familien, die den Transport nicht bezahlen können, Familien, deren Söhne in der Armee kämpfen, oder Grossmütter, Grossväter und auch jüngere Leute, die sehr an ihrer syrischen Heimat hängen. Die Terroristen haben alles zerstört, was der Regierung gehörte, sogar die Wassertanks und Tanklastwagen. Es herrsche grosser Wassermangel, zumal auch der Chabur-Fluss ausgetrocknet sei. Die Zurückgebliebenen haben es schwer: Zwar seien in Al Hasakah weiterhin Regierungstruppen vor Ort. Sie verteidigen jedoch einfach ihr Gelände und überlassen die Dörfer vollkommen den Terroristen, erzählen uns die Flüchtlinge.

CSI-Hilfe «Zeichen christlicher Einheit»

Viele Flüchtlinge legten einen grossen Teil des Weges zu Fuss zurück: «Wir konnten nur mitnehmen, was wir tragen konnten.» Sie flüchteten aus ihren Dörfern am Chabur-Fluss in ein UNO-Flüchtlingslager im Irak und liessen sich dort registrieren. Damit erhalten sie monatlich Lebensmittelgutscheine im Wert von umgerechnet 27 Franken – das reicht natürlich nicht weit. So sind die Flüchtlinge sehr dankbar für jegliche Hilfe: «Ihr zeigt uns, dass wir ein Leib sind. Sogar aus der Schweiz kommt ihr hierher! Das ist für uns wirklich ein Zeichen christlicher Einheit», dankt uns Paulos im Namen aller Flüchtlinge. Auch die lokalen Christen helfen, wo sie können, und Pater Gabriel rufe immer wieder an und erkundige sich nach ihrem Ergehen.

Als wir tags darauf mit Kleidern für die Kinder und Umschlägen mit jeweils 270 Franken (300 US-Dollar) pro Familie zurückkommen, freuen sich die syrischen Flüchtlinge sehr. Die Kinder ziehen die neuen Kleider sofort über ihre normalen Kleider an, um sich fotografieren zu lassen. Bereitwillig folgen sie uns an diesem kühlen Abend vor die Kirche, damit wir vor den Hügeln noch ein Gruppenfoto mit den Kindern machen können. Die meisten Eltern ziehen es dagegen vor, nicht fotografiert zu werden – sie fürchten sich vor der Zukunft.

Bleiben keine Option

Eine Rückkehr nach Syrien kommt für die Flüchtlinge nicht in Frage. «Wir haben alles verlassen, unsere Häuser, unsere Autos – alles wurde angezündet», sagt uns einer. «Unsere Nachbarn haben uns plötzlich angegriffen, wir vertrauen ihnen nicht mehr – wie könnten wir da zurückkehren?» Auch im Nordirak zu bleiben, ist für sie keine Option. Sie wollen deshalb gar nicht erst Kurdisch lernen und ihre Kinder auch nicht in kurdische Schulen schicken. Ihre einzige Hoffnung ist die Flucht in den Westen.

Einzig Paulos, ein Zahnarzt, ist zuversichtlich: Er will mit seiner Familie hier bleiben und wieder eine Zahnarztklinik aufbauen. Als wir ihn später – es ist bereits dunkel – noch in seinem Dorf besuchen, zeigt er uns stolz seinen kleinen, gepflegten Garten. Wir freuen uns, dass er die Hoffnung nicht aufgegeben hat. Unsere Projektpartnerin Pascale Warda spricht auch den andern Flüchtlingen Mut zu und fordert sie auf, sich im Nordirak wieder eine Existenz aufzubauen.

Autor: Adrian Hartmann

 


 

Hammurabi – Unsere Projektpartner im Irak

CSI ist seit 2007 im Irak tätig. Unser lokaler Partner ist die Hammurabi-Menschenrechtsorganisation, die von Pascale und William Warda geleitet wird. Die Organisation wurde vom US-Aussenministerium mit dem Preis für Menschenrechtsverteidiger 2012 ausgezeichnet, der für «aussergewöhnlichen Mut und beispielhaften Einsatz für den Schutz von Menschenrechten und Demokratie bei staatlicher Unterdrückung» verliehen wird.

Hier gehts zur Hammurabi Homepage

William Warda ist Ingenieur. In den letzten Jahren studierte er zusätzlich Politikwissenschaft und schloss das Studium mit ein Masterarbeit über die Christen im Nordirak ab.

Pascale Warda war 2004 und 2005 Ministerin für Immigrations und Flüchtlingsfragen. Sie pflegt bis heute Kontakte auf höchster Ebene. Sie sprach letztes Jahr am CSI-Tag über die religiösen Minderheiten im Irak.

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