Hinter der Fassade des wirtschaftlichen Erfolges

20. Mai 2018

In Indien, der größten Demokratie der Welt, wird das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichem Aufschwung und Verletzung der Religionsfreiheit immer größer. In dem wirtschaftlich aufsteigenden und multikulturellen Staat leiden Minderheiten verstärkt unter dem Hindu-Nationalismus.



Im März 2018 stürmten im Staat Uttar Pradesh über 20 Hinduextremisten in eine Kirche. Pastor Raj* und weitere Kirchenmitglieder waren gerade daran, die letzten Vorkehrungen für einen Taufanlass zu treffen, als wütende Hindus ins Kirchgebäude eindrangen. Die Hauptanschuldigung war: «Ihr lockt und zwingt Leute zur Bekehrung zu eurem christlichen Glauben». Daraufhin folgten brutale Schläge auf die Kirchenmitglieder. Besonders schwer traf es einen 25-jährigen Mann, der schwere Verletzungen am Kopf, im Gesicht, an den Ohren und Genitalien erlitt. Noch heute leidet er unter den Folgen der verheerenden Angriffe sehr.

Starke Wirtschaft – schwa­che Religions­freiheit

Religiös motivierte Übergriffe wie jenen in Uttar Pradesh nehmen in Indien in erschreckendem Masse zu. Die Minderheiten leiden unter der erdrückenden Angst vor Angriffen und Mordanschlägen durch Hinduextremisten.

Doch diese religiös motivierten Attacken sind ausserhalb von Indien kaum bekannt, was nicht ganz erstaunlich ist. Der indische Premierminister Narendra Modi gibt sich modern und geniesst dank dem wirtschaftlichen Aufschwung, den Indien seit seiner Amtszeit erlebt, international immer mehr an Ansehen.

Doch der gleiche Modi duldet und schürt auch den Hinduextremismus. Am Weltwirtschaftsforum (WEF) im Februar dieses Jahres durfte er sogar die Eröffnungsansprache halten. Doch erstaunlicherweise hielt er die Ansprache nicht auf Englisch, sondern auf Hindi, als klare Botschaft seines hindunationalistischen Machtanspruchs. Dass aber wirtschaftlicher Fortschritt nicht zugleich gesellschaftlicher Fortschritt bedeutet, zeigen die Nachrichten über Angriffe auf Minderheiten, allem voran auf Muslime und Christen, die sich seit 2014 häufen. Offiziell gab es 2017 über 740 Übergriffe auf Minderheiten. Die Dunkelziffer ist jedoch viel höher. Dabei geht es zum grossen Teil um körperlichen Angriff, bis hin zu Mord. Doch die Minderheiten leiden auch unter der Diskriminierung im Alltag und der grossen Angst vor Angriffen.

In ständiger Angst

«Nie weiss man, ob man auf der Strasse, während dem Gottesdienst, im eigenen Haus oder während dem Schlaf in der Nacht überfallen wird. Wir leiden sehr unter der omnipräsenten Gefahr», so der Christ Amit*. Das Schlimme und Beängstigende dabei ist, dass die Polizei oft völlig inaktiv bleibt, nicht selten sogar die Opfer zu Tätern macht.

Politischer Einfluss

Die Partei der amtierenden Regierung, die Bharatiya Janata Partei (BJP) ist stark geprägt vom hinduistischen Gedankengut. Indienweit werden Stimmen immer lauter, dass in Indien bis 2021 nur noch Hindus leben sollten. BJP-Politiker werden im ganzen Land auf allen Stufen eingesetzt, um diese Ideologie in die Tat umzusetzen. Sie stacheln, besonders in ländlichen Gebieten, verschiedene kleinere extremistische Gruppierungen an, Minderheiten zu diskriminieren und anzugreifen. Oftmals erhalten diese Gruppen Alkohol, wodurch sie für einen Übergriff zusätzlich enthemmt werden.

Auch Christen werden manipuliert

Im Vorfeld der 2019 bevorstehenden Wahlen finden in diesem Jahr in ganz Indien Regionalwahlen statt. Dabei scheuen Politiker keinen Aufwand, um Wähler mit zum Teil leeren Versprechungen und Geschenken für sich zu gewinnen. Sogar in den beiden Staaten Nagaland und Meghalaya, in denen über 75 % Christen leben, setzen sie alles daran, christliche Wähler für sich zu gewinnen. So lockten die BJP-Politiker Christen mit einer Reise nach Jerusalem, von der jährlich 50 ausgewählte christliche Senioren profitieren würden.

Mit solchen Geschenken lies­sen sich viele Christen dazu verleiten, ihre eigenen «Gegner» zu wählen. Schlussendlich gewann in diesen Staaten die Partnerpartei der Hinduextremistischen BJP. Sie konnte dank Allianzen mit kleinen Parteien stark zulegen. In Nagaland ist sie nun gar an der Regierung beteiligt, und dies, obwohl dort rund 90 % der Bewohner Christen sind. «Es ist ein Schock für uns zu sehen, dass gerade in den Staaten, die für die Christen in ganz Indien eine gewisse Sicherheitsburg symbolisierten, nun die Hinduextremisten an die Macht kamen», so ein Pastor aus dem Gliedstaat Odisha.

Trotz allem

Immer wieder hören wir die beeindruckenden Aussagen von Christen, die standhaft bleiben und sagen, dass sie in allem Leid Gottes unbeschreibliche Liebe und Treue erleben. Nichts sei mit ihm zu vergleichen. Der tiefe Wunsch, seine Liebe an die Mitmenschen weiterzugeben, ist grösser als die Angst, alles zu verlieren oder gar zu sterben.

Inés Wertgen, Projektleiterin Indien

 

Hier können Sie für die verfolgten Christen in Indien spenden.


 

CSI hilft in Indien

 

  • Juristische Hilfe für Opfer von religiöser Gewalt
  • Notfall-Nummer für bedrohte Minderheiten
  • Zusammenarbeit mit einem grossen Netzwerk an Anwälten
  • Durchsetzung gesetzlicher Gleichheit für Minderheiten
  • Anwaltschaft auf nationalem und internationalem Boden
  • Schulungen über Rechte
  • Programme zur Generierung von Einkommen für Opfer
  • Heim für Waisen und Halbwaisen
  • Gesundheitskampagnen

 

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Projekt Indien