• Sudan
  • Südsudan

«Ich kann meinem Befreier nicht genug dankbar sein»

02. Oktober 2015

Abuk Ucoak Bol (50) verlor bei ihrer Entführung im Jahr 1986 ihre Familie. Nach fast 30-jähriger Versklavung beim Mörder ihrer Eltern konnte sie durch CSI befreit werden. Bei all ihrem Leiden ist die starke Frau einfach nur glücklich, wieder in ihrer Heimat zu sein.



«Ich stamme aus dem Dorf Buol Toch, nahe der Stadt Aweil. Zur Zeit meiner Entführung herrschte bei uns eine grosse Hungersnot. Wir wurden von einer Heuschreckenplage heimgesucht, sodass es nichts zu ernten gab. Ich war noch jung und hatte drei kleine Kinder. Als wir angegriffen wurden, war die Lage für uns praktisch aussichtslos. Unsere Dorfgemeinschaft kannte keine Schusswaffen. Mit Speeren und Schildern versuchten wir, uns so gut es ging zu verteidigen. Die arabischen Angreifer, die Dschandschawid, kamen auf Pferden und Kamelen geritten. Sie schossen auf uns und töteten dabei gleich vier Bewohner, darunter auch meinen Ehemann. Es war für uns unheimlich zu sehen, dass sie uns mit etwas umbringen konnten, was wir nicht sahen. Verzweifelt versuchten alle, davonzurennen.

Entführer lösten Familientragödie aus

Die Araber nahmen mich mit meinen Kindern und Eltern gefangen. Als sie mir meine Kinder wegnehmen wollten, setzten sich meine Eltern zur Wehr. Ohne Vorwarnung wurden sie erschossen. Als daraufhin mein jüngster Sohn Diing seine Gromutter festhalten wollte, schlugen die Dschandschawid derart brutal auf ihn ein, dass er den Verletzungen erlag. Ich weiss bis heute nicht, wo meine anderen Kinder, Agueil und Dut, sind. Während ich verschleppt wurde, droschen die Entführer immer wieder mit der Kamelpeitsche auf mich ein. Doch damit nicht genug: Sie machten sich einen Spass daraus, die dadurch entstandenen Wunden mit ihren scharfen Fingernägeln jeweils aufzukratzen. Mein Körper war überall geschwollen. Es ging mir absolut elend.

Im Hause des Täters

Als Sklavin musste ich bei Madoi Eyaiya leben. Dieser Mann hatte bei der Entführung meine Eltern getötet. Regelmässig ritt er in den Süden, überfiel mit anderen Kämpfern Dörfer und kam dann jeweils mit versklavten Menschen, Kühen und Geissen zurück. In der Umgebung gab es noch weitere Sklaven, doch in seinem Haus war ich die einzige Dinka. Ich musste Wasser schleppen, Kleider waschen und den Boden mühsam schrubben. Madoi schlug mich regelmäissig. Auch seine Frau Kartouma misshandelte mich. Sie war ein böser Mensch. Und wenn ich mich wehren wollte oder auch nur nach den Gründen der Schläge fragte, kam Madoi hinzu und «half» seiner Frau, mich zu verprügeln.

Sie wehrte sich gegen die Zwangskonversion

Wenigstens blieb ich von der Genitalverstümmelung verschont. Ich war ja bereits erwachsen, als ich in den Norden Sudans verschleppt wurde. Gut möglich, dass mein Alter mich vor diesem grausamen Akt bewahrt hat. Ich glaube, ich hätte das nicht akzeptieren können. Madoi hatte regelmässig Geschlechtsverkehr mit mir. Wir haben eine gemeinsame Tochter namens Awut. Sie wurde zur Heirat mit einem Dinka-Sklaven gezwungen. Auch mich wollte er zwingen, und zwar, dass ich zum Islam konvertiere. Doch ich blieb standhaft und wehrte die Bekehrungsversuche ab. Dies, obwohl es in der Gegend keine einzige Kirche gab. Doch ich hatte die Hoffnung nie aufgegeben, eines Tages in den Südsudan zurückkehren zu können.

Grosse Dankbarkeit

Meine Hoffnung wurde nicht enttäuscht: Eines Tages erschien ein arabischer Sklavenbefreier, der Madoi Medikamente für sein Vieh gab. Im Gegenzug lie dieser mich gehen, oder besser gesagt: Ich wurde freigelassen. Für die Rückkehr musste ich nämlich die meiste Zeit auf einem Karren geschoben werden. Bei einer der vielen Auseinandersetzungen hatte mein ehemaliger Sklavenhalter meinen Fuss derart malträtiert, dass ich seitdem nur noch mit Mühe gehen kann. Mein Befreier suchte weitere versklavte Menschen aus dem Südsudan. Es gelang ihm, viele freizubekommen und mitzunehmen. Er arbeitete wirklich hart für uns und gab uns auf dem Weg in den Süden auch stets genug zu essen und zu trinken. Dafür kann ich ihm nicht genug dankbar sein.

Tumor am linken Ohr

Gesundheitlich geht es mir nicht so gut. Nebst der Fussverletzung leide ich seit über zehn Jahren an einem grossen Tumor am linken Ohr. Das ist sehr schmerzhaft. Aber ich bin so glücklich, wieder in meiner Heimat zu sein. Hier werde ich bleiben. Mein innigster Wunsch ist es, Awut wiederzusehen. Ich hoffe sehr, dass sie in den Süden kommen kann. Ebenso vermisse ich die Kinder aus meiner Ehe, Agueil und Dut. Sie wiederzufinden, wird sehr schwierig sein. Ich will einfach auf Gott vertrauen.»

Reto Baliarda


Sklavenbefreiung im Sudan

Während Jahrzehnten tobte im Sudan ein Bürgerkrieg, der neben wirtschaftlichen auch ethnische (Araber gegen Schwarzafrikaner) und religiöse Motive (Muslime gegen Christen und Animisten) hatte. Hunderttausende wurden aus dem christlich-animistischen Süden in den arabischen Norden verschleppt und versklavt. Mit dem Friedensabkommen von 2005 hörten die Sklavenjagden auf. CSI begann bereits 1995, die ersten Sklaven zu befreien. In den letzten 20 Jahren gelang es, über 100’000 Südsudanesen in ihre Heimat zurückzubringen. Bis heute werden nach vorsichtigen Schätzungen noch über 20’000 Menschen als Sklaven gehalten. CSI will weitermachen, bis der letzte Sklave frei ist.

Ihr Kommentar zum Artikel

Wir freuen uns, wenn Sie hierzu eine Rückmeldung oder Ergänzung haben. Themenfremde, beschimpfende oder respektlose Kommentare werden gelöscht.

Kommentar erfolgreich abgesendet.

Der Kommentar wurde erfolgreich abgesendet, sobald er von einem Administrator verifiziert wurde, wird er hier angezeigt.

Projekt Südsudan