• Ägypten

Identitätskarten öffnen neue Türen

16. Dezember 2015

Schwer zu fassen: In den ländlichen Gebieten Ägyptens leben tausende Menschen ohne Identitätskarte. Sie sind dadurch im Alltag stark benachteiligt. Dank dem Projekt «ID-Cards» von CSI und seinen Partnern haben bereits über 1200 Menschen in Ägypten erstmals eine ID-Karte erhalten.



Der 43-jährige Abdullah* ist überglücklich. Bislang besass er nur einen abgelaufenen, digitalisierten Personalausweis. Dank der neuen ID-Karte ist es ihm jetzt erlaubt, Fahrstunden zu nehmen und einen Fahrausweis zu erlangen. So kann er bald einer besseren Arbeit nachgehen, denn mit seinem bisherigen Lohn als Tagelöhner konnte er seine Familie kaum über Wasser halten. «Auch bin ich nun berechtigt, subventionierte Lebensmittel einzukaufen und Flaschen mit Butangas zu beziehen, die meine Frau fürs Kochen benötigt», freut er sich.

Finanzieller Alptraum

Im Land der Pyramiden können Abertausende von ihren Rechten nur beschränkt Gebrauch machen, da ihnen diese ohne eine gültige Identitätskarte verwehrt bleiben. So erhält man viele Grundnahrungsmittel wie Brot, Reis und Zucker nur mit einer ID-Karte billiger. Ausserdem erliess die Regierung kürzlich eine Bestimmung, nach welcher subventioniertes Benzin und Gasflaschen nur bei Vorweisen einer ID-Karte gekauft werden können. Ansonsten muss dafür im Schwarzmarkt der zehnfache Preis bezahlt werden. Ein finanzieller Alptraum für enorm viele Ägypter, die ohnehin schon unter dem Existenzminimum leben müssen.

Sogar heiraten ist nicht möglich

Selbst eine Hochzeit, die in Ägypten auch bei weniger wohlhabenden Menschen mit grossem finanziellem Aufwand und entsprechend mit einem riesigen Fest gefeiert wird, ist ohne ID-Karte nicht rechtsgültig.

Mariam* (26) erklärt dazu: «Damals war es ein enormer Schock, als mein Ehemann und ich erfuhren, dass wir ohne ID-Karte gar nicht heiraten dürfen. Wir hatten lange davon geträumt und auf das Fest hin hart gearbeitet. Der Gedanke, nie heiraten zu dürfen, hat uns wirklich demoralisiert. Ich kann es kaum glauben – dank den neuen ID-Karten ist unser einst nicht realisierbarer Traum tatsächlich wahr geworden». Besonders für Ägypterinnen ist eine Heirat auch deshalb von grosser Wichtigkeit, da sie ohne männliche Begleitung häufig als Freiwild betrachtet werden.

Mehrfache Hilfe

Unsere Partner vor Ort helfen nicht nur finanziell bei der Beschaffung der ID-Karte. Sie unterstützen die Begünstigten auch in den dafür notwendigen amtlichen Schritten. Denn die Beschaffung einer solchen Karte ist oft mit hohen administrativen Hürden verbunden. Hinzu kommt, dass viele Ägypter in den armen Gegenden Analphabeten sind und auch die Amtssprache nicht verstehen. Ohne diese wichtige Hilfe könnten sie keine Identitätskarte beantragen, selbst wenn sie die finanziellen Mittel dafür hätten.

Weiterführung der ID-Karten- Aktionen

Über 1200 Menschen in Ägypten haben dank der Unterstützung von CSI eine neue ID-Karte erhalten und können nun von neuen Möglichkeiten profitieren. Mit Hilfe von weiteren Spendern werden wir diese Aktion so lange wie möglich weiterführen. Es bedeutet für sehr viele benachteiligte Ägypter eine ganz neue und menschenwürdigere Lebensqualität – oft auch ein kleiner Schritt aus einer unerträglichen Armut. Wir danken allen ganz herzlich, die sich an dieser Aktion beteiligen.

Reto Baliarda

* Namen geändert


 Unfassbare Benachteiligungen ohne ID-Karten

 Ohne ID-Karten bleiben den Ägypter/-innen folgende Rechte verwehrt:

  • Geburtsurkunde
  • Registrierung von Eheschliessung, Geburt eigener Kinder etc.
  • Teilnahme an politischen Wahlen
  • Möglichkeit, sich bei Razzien der Polizei auszuweisen und deren willkürlichen Massnahmen zu entgehen
  • Nachweis für Berechtigung in Erbschaftsangelegenheiten
  • Ausstellung eines Führerscheins und damit die Möglichkeit, eine Arbeit zu finden und die Familie zu ernähren
  • Antrag bei der Stadtverwaltung für einen Trinkwasser- und Stromanschluss
  • Teilnahme an einem staatlichen Alphabetisierungskurs
  • Keine Schulgebühren für die eigenen Kinder
  • Subventioniertes Brot, Reis, Speiseöl, Zucker etc.
  • Berechtigung, subventioniertes Saatgut und Düngemittel zu kaufen
  • Abschluss eines Landpachtvertrags
  • Möglichkeit, eine kleine Verkaufsstelle registrieren zu lassen
  • Kauf oder Verkauf von Vieh
  • Teilnahme an staatlichen Hilfsprogrammen
  • Transport in einem Krankenwagen
  • Aufnahme in ein Spital
  • Unterstützung des staatlichen Gesundheitssystems (z.B. Impfungen)
  •  Einreise in die Touristengebiete am Roten Meer für die Arbeitssuche (dort herrschen strenge Polizeikontrollen)
  • Möglichkeit, einen Reisepass zu erhalten (z.B. für Arbeit in den Golfstaaten)
  • Subventioniertes Benzin und Gas
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