«In unserem Land keimt Hoffnung auf»

24. November 2018

CSI-Projektpartnerin Schwester Marie-Rose sieht in Syrien viele hoffnungsvolle Zeichen. In verschiedenen Städten ist mehrheitlich Ruhe eingekehrt. Doch der Krieg hat im Land und in den Menschen verheerende Spuren hinterlassen.



Schwester Marie-Rose musste 2012 selbst aus Syriens drittgrösster Stadt Homs an die Mittelmeerküste fliehen, als islamistische Rebellen die Stadt besetzten. Sie ist Gott heute noch dankbar, dass sie den Kugelhagel während der Flucht überlebte. Mit ihrem motivierten Freiwilligenteam setzt sie sich in Tartus für vom Krieg traumatisierte Frauen und Kinder ein. Sie bietet den Betroffenen Freizeit- und Bildungsprogramme an.

CSI: Schwester Marie-Rose, Sie arbeiten nach wie vor in Tartus.

Schwester Marie-Rose: Ja, ich bin noch in Tartus, aber ich reise beruflich oft nach Damaskus und Beirut. Zwei Mal in der Woche besuche ich meine alte Heimat Homs.

Würde es die gegenwärtige Lage erlauben, dass Sie in Ihre Heimat Homs zurückkehren könnten?

Ja, das wäre absolut möglich. Die Lage hat sich vielerorts beruhigt. Mein Traum wäre es, 2019 nach Homs zurückzukehren.

Besonders erfreulich und ermutigend finde ich ausserdem die Entwicklung des von CSI unterstützten Zentrums «Le Sénevé» in Homs. Dort werden Kinder mit Behinderungen betreut und in ihren Fähigkeiten gefördert. Derzeit besuchen rund 100 Kinder «Le Sénevé». Weitere 100 Kinder sind auf der Warteliste von «Le Sénevé». Die Nachfrage ist riesig.

Aber die Zerstörung ist in Homs sicher noch überall sichtbar.

Ja, in Homs gibt es tatsächlich zahlreiche zerstörte Quartiere. Doch man sieht viele Menschen, die zurückkehren, um ihre Häuser wieder aufzubauen. Gerade in den christlichen Vierteln ist der Wiederaufbau rege im Gange.

Wie sieht es in Aleppo aus, einer Stadt, die vom Krieg ebenfalls schwer gezeichnet wurde?

Dieselbe erfreuliche Entwicklung sieht man auch in Aleppo. Auch hier ist der Wiederaufbau überall sichtbar. Die Leute in Aleppo sind sehr geschäftstüchtig und kreativ. Viele Geflüchtete kehren in ihre Heimat zurück, weil die Mieten in Tartus sehr hoch sind. Sie sind deshalb froh, dass der Friede in diese schöne Stadt zurückgekommen ist. Es gibt in Aleppo auch Quartiere, die aussehen, als ob es keinen Krieg gegeben hätte.

Fliehen immer noch Vertriebene an die Mittelmeerküste?

Nach meinen Beobachtungen flüchten Gott sei Dank nur noch wenige Menschen dorthin.

Sie haben ein eindrückliches Buch über persönliche Begegnungen mit Kriegsopfern geschrieben. Darin kommt auch die Geschichte von Mayda vor, einer Christin aus Idlib, der noch verbliebenen Hochburg von Islamisten. Mayda musste zusehen, wie Dschihadisten ihren Mann und ihren Vater ermordeten. Wissen Sie, wie es ihr heute geht?

Es geht Mayda erstaunlich gut. Sie ist sogar wieder erwerbstätig und arbeitet für den Bürgermeister in Tartus. Die Arbeit tut ihr sehr gut und ermutigt sie, nach vorne zu schauen. Auch ihre Kinder, die die Schule besuchen, sind für Mayda eine grosse Ermutigung. Sie braucht aber weiterhin psychologische Unterstützung.

Was ist Ihre grösste Sorge?

Ich sehe jeden Tag Frauen und Kinder, die schwer traumatisiert sind. Vielen geht es derart schlecht, dass sie gar nichts oder kaum etwas sagen. Wie können wir die Seelen der verletzten Frauen und Kinder heilen? Sicher ist, dass wir dafür mehr Psychologinnen und Psychologen brauchen.

Was mich ebenfalls bedrückt, ist, dass es immer noch viel Hass zwischen den Sunniten und den anderen Glaubensgemeinschaften gibt. Ich bin daher sehr dankbar, dass ich oft als Brücke zwischen Menschen verschiedener Religionen dienen kann.

Es bleibt noch sehr viel zu tun. Es freut mich daher, dass so viele muslimische Frauen unsere Bildungsprogramme besuchen. Besonders erbaut hat mich die Aussage einer Muslimin: «Ich habe in ihrem Zentrum gelernt, die religiöse Barriere zwischen mir und den Christen zu überwinden.»

Nehmen auch muslimische Männer ihr Programm in Anspruch?

Dies kommt eher selten vor. Viele muslimische Männer sind mir gegenüber zurückhaltend. Aber ich erlebe auch, wie sie ihre Herzen öffnen.

Gerade in Tartus hat es durch den Krieg diesbezüglich einen positiven Ansatz gegeben – und ich möchte damit den schlimmen Krieg in Syrien keinesfalls beschönigen. Tatsache ist, dass sich sunnitische Flüchtlinge in Tartus heute eher offen zeigen gegenüber der alawitischen Mehrheit oder auch gegenüber Christen. Früher kamen die Sunniten als Feriengäste nach Tartus ans Mittelmeer. Sie blieben aber meist unter sich.

Sie haben viel Zuversicht, im Vergleich zur letzten Begegnung vor zwei Jahren.

Ja, vor zwei Jahren versank Syrien noch im Krieg. Jetzt ist die Hoffnung zurückgekehrt. Es gibt viele offene Türen für die Syrer. Syrien richtet sich wieder auf. Mein herzlicher Dank geht auch an CSI. Ohne Sie könnten wir nicht so vielen Menschen, die im Krieg alles verloren haben, neue Hoffnung schenken.

Reto Baliarda   

 


 

Begegnungen in Buchform erzählt

Das Buch von Schwester Marie-Rose, das Anfang Jahr herauskam, enthält wahre Geschichten der CSI-Partnerin mit syrischen Binnenflüchtlingen. Da ist zum Beispiel der Kaugummi-Verkäufer Mahmud aus Aleppo, der seinen Vater verloren hat LO-schweiz.ch/mahmud, oder die bedrückte Fatima LO-schweiz.ch/fatima, die nach einer Begegnung im Ausland neu aufblüht. Auch die aufwühlende Geschichte von MaydaLO-schweiz.ch/ mayda  ist in diesem Werk abgedruckt. Das Buch gibt einen spannenden Einblick in den Alltag von Schwester Marie-Rose. Mitten im Krieg versteht sie es, mit Liebe und Hingabe Hoffnung zu verbreiten.

154 Seiten | 2018 | 16 CHF | Hier können Sie das Buch bestellen

 


 

«Ermutigend, erschreckend und traurig» (Kommentar von Esther Heiniger)

«Schwester, Schwester, sind Sie wieder da?» Stürmisch wird Schwester Marie-Rose von Frauen und Kindern begrüsst. «Willkommen zurück, Schwester, wir freuen uns sehr, Sie wiederzusehen!» So oder ähnlich tönt es in verschiedenen syrischen Städten, wenn die bescheidene Schwester in einer zerstörten und vom Krieg gezeichneten Stadt über Trümmer steigt. Da, wo die Schwester ihren Fuss hinsetzt, auch wenn die Not noch so gross ist, versucht sie, Hoffnung und Leben, Freude und Licht zu bringen. Trotz Krieg, Terror und Zerstörung bleiben sie und viele ihrer Mitmenschen in Syrien. Sie beten für ihre Heimat und ihr Land, sie investieren sich in die seelisch und körperlich kaputten Menschen.

Menschen bleiben in Syrien, um ihr Land wieder aufzubauen, zu reinigen und um sich gegenseitig zu ermutigen. In Syrien, einem zerstörten Land, in welchem immer noch Krieg ist. Wie schaffen es die Menschen, den Mut nicht zu verlieren und auszuhalten? Es ist die Liebe! Die Liebe zu Gott, zu den Mitmenschen und zu Syrien.

In diesem Buch finden wir Hintergrundinformationen über den sinnlosen Bürgerkrieg. Wir erfahren, was Schwester Marie-Rose für einen Dienst tut. In vielen kurzen Geschichten aus ihrem Alltag kommt das natürliche Leben von Syrien zu uns. Manche Erzählungen sind ermutigend, andere erschreckend oder einfach nur aufwühlend und traurig. Es sind Ereignisse, die nicht in die Medien kamen, aber für die Mitmenschen von Schwester Marie-Rose lebensverändernd waren. 

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Projekt Syrien