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IS-Albtraum statt Hochzeitsfeier

31. Mai 2016

Lana (45) und ihre Familie konnten nicht rechtzeitig fliehen, als der Islamische Staat im Sommer 2014 die Ninive-Ebene überrannte. 45 qualvolle Tage mussten sie im IS-Gebiet ausharren, bevor die Flucht nach Kurdistan gelang. CSI-Nahost-Projektleiter John Eibner traf Lana auf seiner letzten Irakreise.



Die Flucht vor dem Terror kannte Lana* bereits vor der IS-Invasion im Nordirak. Als sich im Jahre 2007 in Mossul die Anschläge gegen Christen häuften, floh ihre Familie aus ihrer Heimat. Unterschlupf fand sie im Haus von Lanas Bruder in Karakosch, der damals grössten christlichen Stadt im Irak. Die darauf folgenden sieben Jahre verbrachte die Familie in relativer Sicherheit. In der benachbarten Kleinstadt Bartella fand sie ein Haus.

Das Grauen im Morgengrauen

Der 8. August 2014 hätte für alle ein grosser Freudentag werden sollen: An diesem Sommertag sollte die Hochzeit von Lanas ältestem Sohn stattfinden. Kein Wunder, war die umtriebige und fürsorgliche Mutter am Vortag fast rund um die Uhr mit den Vorbereitungen fürs Hochzeitsfest beschäftigt. Müde, aber zufrieden, schlief die Familie auf der Dachterrasse ein.

Das böse Erwachen folgte am nächsten Morgen, als Lanas Familie mit Schrecken zusehen musste, wie der IS mit grossen Autokolonnen in Bartella einfiel. «Wir versuchten zu fliehen und wollten gerade das Haus verlassen. Da richteten sie die Gewehre auf uns», erinnert sie sich an den wohl schlimmsten Moment ihres Lebens. Die IS-Terroristen, die laut Lana auch aus Pakistan und Afghanistan stammten, zwangen die Familie zurück ins Haus. «Sie drohten, uns zu erschiessen, sollten wir versuchen zu fliehen.»

Voller Angst traute sich Lanas Familie nicht, aus dem Fenster zu schauen. So beobachteten sie durchs Schlüsselloch, wie die IS-Terroristen die benachbarten leerstehenden Häuser und Geschäfte plünderten. Nach drei Tagen führten die Dschihadisten die verängstigte Familie an einen Checkpoint, wo die Frauen von den Männern und fünf ihrer Kinder getrennt wurden.

Bedrohliches Gespräch unter Dschihadisten

Zusammen mit einer Bekannten wurde die sechsfache Mutter in ein Haus gebracht. Was dann die zwei anwesenden IS-Dschihadisten besprachen, liess sie erschaudern. «Einer der beiden forderte den anderen auf, eine von uns zwei als Frau auszuwählen. Dieser meinte, dass ich zu korpulent sei. Dann solle er doch meine Bekannte nehmen.» Darauf erkundigte er sich nach Lanas Mann und Kindern und fuhr sie spöttisch an, dass alle sechs Kinder ihre Sklaven sein würden und dann ihre Schuhe putzen müssten. Schliesslich liessen sie Lana, die mit ihrem jüngsten Sohn zusammen war, nach Hause gehen. Doch richtig erleichtert war sie erst, als der IS auch ihren Ehemann sowie die anderen Kinder und die Bekannte ziehen liessen.

Vermeintliche Bekehrung aus Schutzgründen

Drei Wochen später brachte ein IS-Terrorist Lanas Familie zu einem Scharia-Gericht nach Mossul, Iraks zweitgrösster Stadt, die im Juni 2014 vom IS eingenommen worden war. Dort mussten sie das islamische Glaubensbekenntnis ablegen. Die Familie erhielt dafür neue Identitätskarten.

IS-Milizen brachten die vermeintlich bekehrte Familie zurück nach Bartella. Doch Lana bat diese, dass sie ihre Familie wieder nach Mossul bringen möge. Sie begründete ihren Wunsch damit, dass in ihrem Umfeld ein Junge mit Behinderungen sei, der in einer grossstadt besser behandelt werden könne. Die Terrormiliz liess sich dazu überreden.

Familie in Mossul half bei der abenteuerlichen Flucht

In Mossul bereitete die christliche Familie ihre Flucht vor: Lana telefonierte mit ihrem Bruder, der ihr den wichtigen Kontakt zu einem Fluchthelfer aus Kurdistan vermitteln konnte. Dieser veranlasste, dass Lana und ihre Angehörigen eine ihm wohlgesinnte Familie in Mossul besuchen konnten. «Dort angekommen, telefonierten wir mit dem Helfer. Er sagte, dass wir um sechs Uhr morgens aus der Stadt fliehen sollten, und dass wir Frauen uns als Musliminnen verkleiden sollen.» dass Lanas Mann und die erwachsenen Söhne bereits einen Bart trugen, war ebenso hilfreich und wichtig.

Am nächsten Morgen – nach 45 Tagen Gefangenschaft im IS-Gebiet – fuhr die Gastfamilie Lana und zehn Angehörige in zwei Autos aus Mossul. Allerdings erwies sich der Fluchtweg als sehr gefährlich: «Auf den Strassen lagen überall Sprengfallen, denen wir ausweichen mussten», bemerkt Lana. Vor allem aber mussten sie 18 IS-Checkpoints passieren. «Zum Glück wussten unsere Fahrer genau, was sie an den Checkpoints sagen mussten. Sie gaben an, dass wir nach Kirkuk (Stadt in Kurdistan) zu einer Beerdigung fahren würden. Damit liessen sie uns jeweils weiterfahren», erinnert sie sich an die gefährlichen Momente.

Nachdem die elf Flüchtenden auch den letzten IS-Posten überstanden hatten, zogen sich die Frauen andere Kleider an. Einen Wechsel gab es auch bei den Fluchthelfern. Mit den neuen Begleitern erreichten sie schliesslich die Grenze zu Kurdistan. Mit Unterstützung des Fluchthelfers, der die Ankömmlinge bei den Grenzwächtern angekündigt hatte, konnte Lanas Familie einreisen.

Erleichtert und erschöpft

Heute lebt die grossfamilie in Ankawa, einem christlichen Viertel der kurdischen «Hauptstadt» Erbil. Auch innerhalb Kurdistans war es ein steiniger Weg, der die Familie dorthin führte. «Die kurdischen Sicherheitskräfte haben uns mehrmals auf Herz und Nieren geprüft. Das war sehr anstrengend», seufzt die ausgelaugt wirkende Lana, die für ihre Familie weiter kämpfen muss. Denn ihr Mann findet keine Arbeitsstelle. Gleichwohl kennt ihre Dankbarkeit keine Grenzen, dass ihre Familie die gefährliche Flucht vor dem IS-Terror geschafft hat.

Reto Baliarda


 

Hygienepakete für 425 Flüchtlingsfamilien

Der CSI Nahostverantwortliche John Eibner besuchte den Irak vom 21. bis 26. Februar. Während seines Aufenthalts verteilte CSI in einem Vorort von Erbil Hygienepakete an 425 Familien, die wegen des IS-Terrors von der Ninive-Ebene nach Kurdistan geflüchtet waren. In Ankawa begegnete er Lana und deren Famiilie.

* Namen geändert

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Nach überlebtem Attentat musste er in eine ungewisse Zukunft fliehen

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