Jahrelange Haft für Konvertiten

25. September 2017

Christen und Juden sind im Iran offiziell anerkannt und dürfen ihren Glauben – solange sie nicht missionieren – ausüben. Sie sind im Alltag jedoch zahlreichen Einschränkungen unterworfen. Zudem gilt die Anerkennung für konvertierte Christen nicht: Viele werden wegen angeblicher Bedrohung der nationalen Sicherheit zu langen Gefängnisstrafen verurteilt.




Bitte appellieren Sie mit uns an Präsident Rohani, das Recht auf Religionswechsel zu gewährleisten

Hassan Rouhani
The Presidency
Palestine Avenue, Azerbaijan
Intersection
Tehran
Islamic Republic of Iran

 

Your Excellency

It is commendable that the Constitution of Iran grants religious freedom to its citizens. Furthermore, we appreciate the fact that Christians, Jews and Zoroastrians are officially acknowledged as religious minorities. Nonetheless, we are deeply concerned that these rights are not granted to converts. We have been notified by different reports that converts are harrassed and sentenced to jail for many years simply because they have left Islam. We kindly ask you to do all in your power to ensure that Iranian citizens are also granted the right to change their religion, as it is mentioned in the International Agreement of Civil and Political Rights, which has been embraced by Iran too.

Yours sincerely

 

Wir begrüssen, dass in der iranischen Verfassung die Religionsfreiheit garantiert ist und dass Christen, Juden und Zoroastrier offiziell als Minderheitenreligionen anerkannt sind. Es erfüllt uns jedoch mit grosser Sorge, dass die Anerkennung nicht für Konvertiten gilt. Uns vorliegende Berichte legen nahe, dass Konvertiten allein deshalb, weil sie den Islam verlassen haben, schikaniert und zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt werden. Wir bitten Sie, alles in Ihrer Macht Stehende zu tun, damit im Iran auch das Recht auf Religionswechsel gewährleistet ist, wie es in Artikel 18 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte, dem auch der Iran beigetreten ist, verankert ist.


Nach über vier Jahren Haft wurde Maryam Naghash-Zargaran am 1. August 2017 aus dem berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran entlassen. Die Gesundheit der konvertierten Christin hat sich im Gefängnis massiv verschlechtert. Mehrmals trat sie in den Hungerstreik, weil sie medizinisch kaum versorgt wurde.

Kurz vor ihrer Entlassung konfrontierte die Gefängnisaufsicht sie mit einer neuen Anschuldigung. Sie soll Gefängnisarzt Khani angeschrien haben, nachdem ihr ein Häftling das Bein gebrochen hatte. Obwohl sie unter extremsten Schmerzen ächzte, verweigerte ihr Khani die medizinische Behandlung. Zu einer erneuten Anklage kam es nicht. «Man wollte mich mit diesen neuen Vorwürfen schikanieren und mir Angst einjagen», erklärt Maryam gegenüber iranhumanrights.org. Immer wieder erfindet die iranische Polizei bei Häftlingen neue Anschuldigungen, um ihnen das Leben nach der Entlassung schwer zu machen. Kommt dazu, dass Maryam die ersten sechs Monate nach ihrer Entlassung den Iran nicht verlassen darf.

15 Jahre für Naderi

Besonders schlimm ist auch das Schicksal des konvertierten Christen Amin Afshar Naderi. Am 26. August 2016 war er mit anderen Christen bei einem Picknick in Firuzkooh, nordöstlich von Teheran, verhaftet worden.

Am 3. und 4. Juli 2017 wurde Naderi zu 15 Jahren Gefängnis und zwei Jahren Exil verurteilt. Zehn Jahre, weil er aktiv bei Hauskirchen mitwirkt und so als Bedrohung für die nationale Sicherheit gilt. Das ist ein Vorwurf, der oft gegen Konvertiten erhoben wird. Die weiteren fünf Jahre erhielt er wegen angeblicher Blasphemie.

Hungerstreik – Kampf um Aufmerksamkeit

Im Februar 2017 traten Naderi und Hadi Asgari, ein weiterer verhafteter Christ, zum ersten Mal in den Hungerstreik. Dies, weil Asgaris Darminfektion medizinisch nicht behandelt wurde. Anfang Juli 2017 trat Naderi erneut in einen Hungerstreik, der drei Wochen andauerte. Damit wollte er auf die katastrophalen Bedingungen im Evin-Gefängnis aufmerksam machen.

Drei Tage nach Beginn des Hungerstreiks sandte Naderi einen Brief an die Richter, in dem er die Haftbedingungen anprangerte. «Seit einem Jahr toleriere ich all die Beleidigungen von den Mitinsassen, den Gefängniswärtern und von Ihnen allen. Was habe ich Ihnen und Ihrem Land angetan, dass Sie mich so hassen? Ich habe von der Bibel gelernt, meine Feinde zu lieben und für sie zu beten. Aber was haben Sie gelernt?» Zudem wirft Naderi der Aufsicht vor, dass sie internationale Vertreter bei einem Besuch am 5. Juli absichtlich daran gehindert hätte, ihn zu sehen.

Druck, wieder Muslim zu werden

Seinen Hungerstreik brach Naderi ab, als er am 25. Juli 2017 gegen eine Kaution von umgerechnet etwa 80 000 Franken vorübergehend bis zum Berufungsprozess freigelassen wurde. Dazu Heiner Bielefeldt, der ehemalige UNO-Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit: «Äusserst hohe Kautionen, die nur von einer Grossfamilie aufzubringen sind, erzeugen einen Druck, der es den Betroffenen nahelegt, zum Islam zurückzuwechseln.»

Maryam Naghash-Zargaran und Amin Afshar Naderi sind keine Einzelfälle. Grundsätzlich können Konvertiten wegen Apostasie sogar zum Tod verurteilt werden, wie 2010 der freikirchliche Pastor Yousef Nadarkhani. In den letzten Jahren wurde zwar kein Todesurteil mehr verhängt. Der Druck auf Konvertiten hat aber keineswegs abgenommen: Alleine 2016 wurden im Iran mindestens 193 Christen, darunter viele Konvertiten, inhaftiert. Zudem hat ein einziger Richter von April bis Juni 2017 mindestens 16 Christen eine Freiheitsstrafe zwischen fünf und zehn Jahren auferlegt.

Reto Baliarda msn| mn |wwm | jvdc | wlt | wlts

 


 

Iran und Saudi-Arabien – Kampf um den wahren Islam

Der schiitische Iran will im Kampf um die Vorherrschaft in der islamischen Welt zeigen, dass er im Gegensatz zum sunnitischen Saudi-Arabien den wahren Islam verkörpere: Der Iran sei die Macht, die Israel zerstören werde, während die saudiarabische Diktatur sich militärisch mit den USA verbünde, um ihre Sicherheit zu garantieren.

Was die Innenpolitik betrifft, tritt der Iran im Vergleich zu Saudi-Arabien jedoch gemässigter auf: Während es in Saudi-Arabien überhaupt keine Religionsfreiheit gibt, nur Muslime Staatsbürger sein können und Konvertiten mit dem Tod rechnen müssen, ist im Iran das Recht auf Religionsfreiheit immerhin in der Verfassung verankert. Christen, Zoroastrier und sogar Juden sind als religiöse Minderheiten offiziell anerkannt. Wenn sie auch als Zweitklassbürger behandelt werden, so dürfen sie ihre Religion doch grundsätzlich ausüben – solange sie nicht missionieren. Die Anerkennung als Christ gilt jedoch nur für antike christliche Denominationen wie die Armenier oder Assyrer. Evangelikale werden nicht als Christen anerkannt und als Konvertiten hart verfolgt, wie die Beispiele im Haupttext zeigen.

 

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