Jetzt oder nie

15. Februar 2012

Die Tagelöhnerin Asia Bibi schmachtet nach zwei Jahren und acht Monaten noch immer in einem pakistanischen Gefängnis. Sie muss endlich freigelassen werden!



Asia Bibi lebte früher in Ittanwali, einem Dorf in der pakistanischen Provinz Punjab. Ausser ihrer Familie gab es noch eine weitere christliche Familie; die übrigen 150 Haushalte waren muslimisch. Am 14. Juni 2009 kam es wegen einer Bagatelle zu einem Streit zwischen Asia Bibi und ihren Arbeitskolleginnen auf dem Feld. Diese beschuldigten sie anschliessend, sich abfällig über den Propheten Mohammed geäussert und damit Blasphemie begangen zu haben.

Ungerecht verurteilt

Die gegen Asia Bibi vorgelegten Beweise sind widersprüchlich. Vor Gericht sagte sie selbst: «Die zwei Zeuginnen machten gemeinsame Sache mit Qari Salim (dem Ankläger) und erreichten, dass ein falscher, erfundener Rechtsfall gegen  mich konstruiert wurde.» Asia Bibi erklärte sich bereit, mit einem Eid auf die Bibel zu schwören, nie derartige beleidigende und schändliche Bemerkungen über den Propheten Mohammed gemacht zu haben. Der Kläger und die Zeuginnen behaupteten jedoch nach wie vor, Asia Bibi habe Blasphemie begangen. Im November 2010 wurde sie zum Tod verurteilt.

Zwar hat Asia Bibi beim Obergericht von Lahore Berufung eingelegt. Das definitive Urteil steht also noch nicht fest. Aber selbst im Gefängnis muss sie um ihr Leben bangen. Nach Medienberichten soll der Gefängnisaufseher Khadeeja Asia Bibi im Oktober 2011 gefoltert haben. Über 40 Blasphemie- Angeklagte sind bereits aussergerichtlich getötet worden. Auch die Angehörigen von Personen, die der Blasphemie angeklagt sind, werden immer wieder zur Zielscheibe von Anschlägen islamistischer Organisationen. Deshalb sind Asias Ehemann Ashiq Masih und ihre fünf Kinder Nasima, Imran, Isha, Sidra und Isham auf der Flucht.

Hoffnungsträger Salman Taseer

Als der damals einflussreichste pakistanische Gouverneur Salman Taseer versprach, den pakistanischen Präsidenten Asif Ali Zardari um Asia Bibis Freilassung zu bitten, kam zum ersten Mal Hoffnung auf. Dies tat er dann auch, nachdem er sie 2010 im Gefängnis von Sheikhupura besucht hatte. Der Vorstoss kam bei der konservativen religiösen Rechten jedoch nicht gut an. Taseers Intervention, behaupteten sie,  behindere den Strafprozess. Trotz einer niederträchtigen Kampagne gegen ihn blieb Taseer beharrlich bei seiner Meinung, dass Asia Bibi unschuldig sei und daher die Todesstrafe nicht verdiene. Taseer wurde am 4. Januar 2011 von einem seiner eigenen Leibwächter, Mumtaz Qadri, in Islamabad erschossen.

Anwalt der Minderheiten Shahbaz Bhatti

Pakistans Präsident Asif Ali Zardari beauftragte den verstorbenen Minister für Minderheiten, Shahbaz Bhatti, eine Kommission einzuberufen, um den Fall von Asia Bibi zu untersuchen. Am 25.  November 2010 stellte Bhatti dem Präsidenten die Ergebnisse der Untersuchung vor: Asia Bibi ist unschuldig, die Blasphemie-Vorwürfe gegen sie sind böswillig erfunden.

Die Kommission war auch beauftragt, mit muslimischen Religionsgelehrten den zunehmenden Missbrauch der Blasphemie-Gesetze zu untersuchen. Damit sollte die Regierung in die Lage versetzt werden, die Blasphemie- Gesetze zu ändern. Doch nichts von alldem wurde je verwirklicht, da Shahbaz Bhatti am 2.  März 2011 von bisher Unbekannten erschossen wurde.

Weiterer Druck von Islamisten

Bereits im Dezember 2010 schrieb der muslimische Geistliche Maulana Yousef Qureshi ein Kopfgeld in der Höhe von 500   000 pakistanischen Rupien auf Asia Bibi aus. Ein hoher Betrag: Damit könnte man 14 Monate lang den Mietzins für eine Dreizimmerwohnung im Zentrum der Hauptstadt Islamabad bezahlen. Zur gleichen Zeit fingen islamistische Parteien in Pakistan an, Protestkundgebungen gegen eine Abschaffung oder Revision der Blasphemie-Gesetze zu veranstalten. Diese landesweiten Demonstrationen, die 2011 fortgesetzt wurden, führten im Januar 2011 zur Erklärung des pakistanischen Premierministers Yousef Raza Gilani, dass die Blasphemie-Gesetze nicht revidiert würden.

Sherry Rehman, die ehemalige Abgeordnete einer Regierungspartei, hatte im pakistanischen Parlament eine Reform der Blasphemie-Gesetze gefordert. Unter den Drohungen von islamistischen Kreisen und dem Druck ihrer eigenen Partei (die ihrerseits von Islamisten bedroht wurde) sah sich Rehman gezwungen, ihre Vorlage zurückzuziehen. Kürzlich wurde Rehman zur pakistanischen Botschafterin in den USA ernannt. Man munkelt, dass eine unbequeme Kritikerin ausser Landes geschafft werden sollte.

Der vorliegende Text ist die überarbeitete Version eines Artikels unseres pakistanischen Mitarbeiters. Er bleibt aus Sicherheitsgründen  anonym.

Autor: Adrian Hartmann

 


 

Die  Blasphemie-Gesetze

Der Begriff «Blasphemie-Gesetze» bezeichnet die Artikel 295 bis 298 des pakistanischen Strafgesetzbuches («Verstösse gegen die Religion»). Die heutige Fassung der Blasphemie- Gesetze geht auf den islamistischen Militärdiktator General Zia-ul-Haq zurück. Darauf wurden die religiösen Minderheiten Pakistans zunehmend Beschuldigungen seitens der muslimischen Mehrheit ausgesetzt, deren religiöse Ausrichtung immer fundamentalistischer wurde. Unter Art. 298 lit. c wird zum Beispiel der muslimischen Splittergruppe Ahmadiyya unter Androhung einer dreijährigen Gefängnisstrafe verboten, sich als muslimisch zu bezeichnen.

Asia Bibi wird die Verletzung von Art. 295 lit. c vorgeworfen: Herabwürdigende Aussagen bezüglich des Heiligen Propheten
«Wer mit Worten, seien es gesprochene oder geschriebene, oder mit bildhaften Darstellungen oder mit Behauptungen, Anspielungen oder Seitenhieben, direkt oder indirekt, den heiligen Namen des Heiligen Propheten Mohammed (Friede sei mit ihm) entweiht, wird mit dem Tod oder lebenslanger Haft bestraft; zudem kann eine Busse verhängt werden.»

Laut der NZZ wurden in den letzten Jahren über zwanzig Männer wegen Blasphemie zum Tod verurteilt. Asia Bibi ist die erste Frau. Hingerichtet wurde bisher niemand.

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