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Kann der religiöse Genozid gestoppt werden?

30. September 2015

Über 1,3 Millionen Christen haben in den letzten zwölf Jahren den Irak und Syrien verlassen. Auch Angehörige anderer religiöser Minderheiten, wie Jesiden oder Schiiten, wurden vertrieben oder umgebracht. CSI-Projektleiter Dr. John Eibner beantwortet Fragen zur Krise im Nahen Osten.



Herr Dr. Eibner, im November 2011 hatten Sie und CSI eine Genozidwarnung herausgegeben. Dies unter anderem, weil der sogenannte «Arabische Frühling» die herrschenden Eliten verunsichert und die organisierte Gewalt vielerorts begünstigt hatte. Ihre damaligen Befürchtungen scheinen sich knapp vier Jahre später bewahrheitet zu haben.

Die religiöse Säuberung breitet sich leider zusehends aus. Dschihadisten in Syrien und im Irak gehen gezielt gegen Christen und andere nicht-sunnitische Minderheiten vor. Ein breiter Landstreifen, der sich über eine Länge von 750 Kilometern von Syriens Mittelmeerküste bis zu den westlichen Vororten Bagdads ausdehnt, ist heute religiös gesäubert: Es leben keine Minderheiten mehr dort. Als in Ägypten die Muslimbrüder an der Macht waren, beobachteten wir den Beginn einer religiösen Säuberung in einigen christlichen Dörfern. Durch den Sturz der Muslimbrüder-Regierung durch General Al-Sisi konnten diese Säuberungen vorläufig gestoppt werden.

Sie sprechen von Dschihadisten. Steckt denn nicht vor allem der Islamische Staat (IS) hinter der religiösen Säuberung?

Der IS mauserte sich letztes Jahr zur mächtigsten und skrupellosesten Miliz unter den Dschihadistengruppen, die Syrien und Irak heimsuchen. In der breiten Öffentlichkeit wird ihre ausgeklügelte Propaganda besonders stark zur Kenntnis genommen. Doch der IS ist nicht die einzige Dschihadistengruppe, die dort im Namen der Religion schreckliche Verbrechen begeht. Alle bewaffneten Milizen, von der Freien Syrischen Armee – die seit 2011 unter dem Patronat der USA kämpft – über die Al-Nusra-Front bis zum IS sind an der gewaltsamen Vertreibung der Christen beteiligt. Selbst wenn man den IS zerschlagen würde, würde dies weder das Ende der religiösen Säuberung bedeuten noch die Voraussetzungen schaffen, dass Christen im Nahen Osten in Frieden und Würde leben könnten.

Sie haben schon mehrmals mit Christen und anderen reli­giös Vertriebenen in Syrien und im Irak gesprochen. Haben die Menschen bei all ihrem Elend noch Hoffnung?

Verzweiflung und Perspektivlosigkeit sind weit verbreitet. Obwohl viel für die Flüchtlinge getan wird, möchten viele ihr Land verlassen. Andere würden gerne in ihre Heimatstädte zurückkehren, was jedoch bei den gegebenen Umständen nicht möglich ist.
Ehrlich gesagt gibt es für die religiösen Minderheiten im Nahen Osten wenig Anlass zur Hoffnung. Sie sind nicht nur im Fadenkreuz der Dschihadisten, sondern befinden sich auch im Epizentrum eines riesigen konfessionellen Konflikts, der zu Recht mit dem 30-jährigen Krieg in Europa verglichen wird. Eine derartige Verwüstung hat es im Nahen Osten in Mesopotamien seit der Invasion der Mongolen im 14. Jahrhundert nicht mehr gegeben. Gerade die westlichen Mächte bieten keinen Anlass zur Hoffnung. Einerseits lassen sie nicht ab von ihrer Strategie der Destabilisierung im Nahen Osten, andererseits weigern sie sich, den religiösen Minderheiten Schutz zu bieten.

Beklagen sich die Vertriebenen auch über das fehlende Engagement des Westens?

Der Westen ist im Nahen Osten stark involviert. Er verfolgt allerdings die Strategie der Regimewechsel, was sich als Einfallstor für die Dschihadisten erwiesen hat. Antichristliche, islamistische Milizen werden sowohl öffentlich als auch im Geheimen unterstützt. Der Westen achtet darauf, dass seine Interessen wie der Zugang zu Ölraffinerien garantiert sind. Doch er gewährt den Menschen, deren Regierungen durch ihn gestürzt wurden oder – im Fall von Syrien – langsam aufgelöst werden, keinen Schutz.

Die Menschen in der Region sind mit der christlichen Kultur von Europa und Amerika bestens vertraut. Deshalb können sie es überhaupt nicht verstehen, dass der Westen sie derart im Stich lässt.
Und was sagen Sie dazu?

Für mich ist klar: Christen im Nahen Osten sind für die postchristlichen Materialisten in Amerika und Europa bedeutungslos. Sie sind weder eine wirtschaftliche noch eine politische Macht. Zudem stellen sie für den Westen keine Bedrohung dar, also muss man sich auch nicht mit ihnen verbünden. Das haben wir ja unlängst im Irak gesehen: Während die USA bei Kurdistan die rote Linie markierte, liess man den IS beim Überfall auf Karakosch und anderen christlichen Städten wie Bartella gewähren.

Es gibt doch aber auch christliche Milizen.

Ja, aber diese sind zu klein und untereinander zum Teil zerstritten. Sie stehen unter dem Patronat von anderen, nicht-christlichen Mächten, die andere Ziele verfolgen. Zur Zeit des Sturzes von Saddam Hussein hatten die Christen eine Miliz, die mit den USA zusammenarbeitete. Doch wie wir heute sehen, reichten diese Milizen nicht aus, um den christlichen Gemeinschaften hinreichenden Schutz zu bieten und sie in die Lage zu versetzen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Sie haben diesen Sommer in der englischen Zeitung «The Tablet» einen Artikel über die bedrohten Christen in Syrien und im Irak veröffentlicht. Dabei schreiben Sie, dass der amerikanische Präsident Barack Obama einen verhängnisvollen Entscheid gefällt habe, als er den syrischen Machthaber Bashar al-Assad aufforderte, zurückzutreten. Ist denn Assad nicht wesentlich mitschuldig am Nahost-Konflikt?

Das Assad-Regime war schon immer eine Diktatur, die jederzeit bereit ist, politische Opposition mit brutalen Mitteln im Keim zu ersticken. Nichtsdestotrotz hat US-Präsident Obama im September 2014 vor einer Delegation mit Kirchenvertretern aus dem Nahen Osten zugegeben, dass das Assad-Regime die christlichen Kirchen in Syrien stets beschützte. Trotz dieses Eingeständnisses strebt Obama weiterhin einen Machtwechsel in Syrien an und weigert sich gleichzeitig, die Christen in Syrien zu schützen, ungeachtet der verheerenden Konsequenzen.

Wird der Einsatz der Türkei gegen den IS und die kurdische Arbeiterpartei PKK dem Frieden im Nahen Osten dienlich sein?

Ich befürchte das Gegenteil: Dies wird den Krieg im Nahen Osten nur noch intensivieren. Zudem erachtet die Türkei die PKK als gröere Bedrohung als den IS.

Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, um den religiös motivierten Genozid im Nahen Osten zu stoppen?

Die verantwortlichen Kriegsparteien müssten ihre Alliierten besser unter Kontrolle haben. Die USA müssten den islamistischen Einfluss der Alliierten (Türkei, Saudi-Arabien, Katar) und das religiöse Überlegenheitsdenken der Muslime eindämmen. Ebenso müsste Amerika seine Beziehungen mit den anderen Grossmächten Russland und China verbessern, um so mit einer gemeinsamen Strategie gegen die religiöse Säuberung im Nahen Osten vorzugehen. 

Reto Baliarda

Dr. John Eibner ist Leiter der CSI-Projekte im Nahen Osten. In dieser Funktion weist er auf die Menschenrechtslage in der Region hin (Advocacy) und ist auch für die Hilfsprogramme vor Ort verantwortlich.


CSI-Projekte im Nahen Osten

In Syrien arbeitet CSI unter anderen mit der aramäischen Ordensschwester Sara und ihrem Team zusammen. 

  • Mittellose Familien erhalten Zuschüsse für Wohnungskosten oder Unterkünfte in bisher ruhigen Orten.
  • Lebensmittel und Medikamente werden an intern Vertriebene verteilt. In Notfällen werden Arztkosten übernommen.
  • Kindern aus Flüchtlingsfamilien wird der Schulbesuch ermöglicht. Zudem bieten unsere Projektpartner christliche Freizeitprogramme und friedensfördernde Workshops an, die auch muslimischen Flüchtlingskindern offen stehen.
  • Traumatisierte Flüchtlinge (Christen und Muslime) werden seelsorgerlich begleitet.

Im Irak zählt CSI auf die langjährige Zusammenarbeit mit der Partnerorganisation Hammurabi. 

  • CSI verteilt Medikamente und Nahrungsmittelpakete an mittellose Flüchtlings­familien
  • Im Nordirak, wo es im Winter empfindlich kalt werden kann, werden Winterjacken und Kerosinöfen an Vertriebene verteilt
  • Hammurabi setzt sich für ein Ende der Diskriminierung von Nicht-Muslimen ein.

 

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