Karakosch: Rückkehr in eine unsichere Zukunft

30. November 2017

Vor über einem Jahr wurde der Islamische Staat aus Karakosch, der größten christlichen Stadt im Irak, vertrieben. Die Einwohner kehren langsam zurück. Doch mitten in der Zerstörung und politischen Instabilität ist deren Zukunft unsicherer denn je. CSI unterstützt die Rückkehrer.



«Siehst du die unfertigen Häuser dort drüben?», fragt mich Georgis Tawfiq Abdallah. Ich nicke. «Die Kirche begann Anfang 2014 mit ihrem Bau, um christliche Flüchtlinge aus anderen Teilen des Iraks unterzubringen», erklärt er. «Nur wenige Monate später besetzte jedoch der Islamische Staat das Gebiet und wir mussten selber fliehen.»

Sicherer Hafen für Verfolgte

Wir stehen auf dem Dach von Georgis‘ Haus in Karakosch, der mit etwa 50 000 Einwohnern ehemals grössten christlichen Stadt Iraks.

Stolz erzählt Georgis von Karakosch als Zufluchtsort für verfolgte Christen. Tatsächlich hat die Stadt bereits im 10. und 11. Jahrhundert Christen aus dem Zentralirak Schutz gewährt.

Nach dem Einmarsch der USA 2003 wurden die Christen zunehmend Ziel von Übergriffen. Viele flohen aus städtischen Gebieten wie Bagdad und Mosul ins christliche Karakosch, wo sie – traditionsgemäss – gastfreundlich aufgenommen wurden.

Doch dann marschierte im August 2014 die Terrormiliz IS ein und errichtete sein sogenanntes Kalifat.

Über Nacht zur Geisterstadt

Im Juni 2014 nahm der IS die Millionenstadt Mosul ein, nach Bagdad die zweitgrösste Stadt des Irak, die sich nur wenige Kilometer westlich von Karakosch befindet.

Zwei Monate später überrannte der IS die Ninive-Ebene und besetzte auch Karakosch. Hunderttausende mussten ihre Häuser fluchtartig verlassen und liessen alles zurück. Auch Georgis, sein Neffe, ihre ganzen Familien und überhaupt praktisch alle der 50 000 Einwohner von Karakosch flüchteten. Die meisten der Flüchtlinge flohen ins nahe irakische Kurdistan. Wer konnte, reiste als Flüchtling ins Ausland.

Enorme Zerstörung

Im Oktober 2016 wurde der IS aus Karakosch vertrieben. Nach über 26-monatiger islamistischer Herrschaft bietet Karakosch ein Bild der Zerstörung: Die Infrastruktur ist kaputt, nach kirchlichen Angaben müssen 6726 Häuser repariert werden. 100 wurden komplett zerstört. Von den zahlreichen Karakoscher Kirchen blieb keine einzige unversehrt und viele öffentliche Gebäude wie das Spital oder Schulen wurden ebenfalls beschädigt.

Der Wiederaufbau schreitet nur langsam voran und liegt weitgehend in der Hand der Kirchen. Von Wiederaufbau-Bemühungen der Regierung ist nichts zu sehen. «Wenn wir die Regierung zur Unterstützung auffordern, bitten wir nicht um einen Gefallen. Es ist unser gutes Recht als irakische Staatsbürger,» sagt Pascale Warda, Präsidentin unser Partnerorganisation Hammurabi und ehemalige irakische Ministerin.

Bereits über 3000 Familien zurück

«Ich bin anfänglich ohne meine Familie zurückgekommen», erzählt Georgis. «Gott sei Dank war unser Haus nicht allzu stark beschädigt. Doch es war völlig geplündert, unser ganzer Besitz war zerstört.» Georgis reparierte die Schäden grösstenteils selber. Sobald das Haus einigermassen bewohnbar war, kehrte seine ganze Familie nach Karakosch zurück – obwohl es weiterhin weder Strom noch Trinkwasser gab.

«Wir bezahlten in Erbil eine sehr hohe Miete, so dass wir keine andere Wahl hatten, als zurückzukehren», sagt Georgis. Er blickt zuversichtlich in die Zukunft: «Wir sind in diesem Quartier zwar noch die einzige Familie, aber früher oder später werden alle zurückkommen.»

Georgis‘ Erwartungen sind sicher sehr optimistisch. Bisher sind laut Angaben von Kirchen jedoch immerhin über 3000 christliche Familien zurückgekehrt und mehrere Geschäfte wiedereröffnet worden.

Wie weiter?

Im Fokus der internationalen Gemeinschaft steht die Zerschlagung des IS. «Doch was wird nachher kommen?», fragt Baschar Warda, der chaldäisch-katholische Erzbischof von Erbil, bei unserem Besuch. «Niemand beschäftigt sich mit dieser Frage.»

Am meisten beunruhigen die Christen jedoch die Spannungen zwischen der Zentralregierung in Bagdad und der kurdischen Regionalregierung. Letztere hatte im September 2017 gegen den Willen Bagdads über die Unabhängigkeit von Kurdistan abstimmen lassen. Die christlichen Städte und Dörfer im Nordirak liegen alle im umstrittenen Gebiet. Ein kleiner Funke könnte genügen, um einen Bürgerkrieg zu entfachen.

Hilfe für die Rückkehrer

CSI unterstützt die Familien, die nach der Vertreibung des IS im Sommer 2014 in ihre Dörfer und Städte der Niniveh-Ebene zurückkehren. Sie erhalten insbesondere Wasserfilter, damit sie mit sauberem Trinkwasser versorgt werden können. Im Weiteren verteilt CSI Hygiene- und Lebensmittelpakete an bedürftige Rückkehrer-Familien. Die meisten dieser Familien sind Christen. Doch es werden auch Angehörige anderer religiöser Minderheiten unterstützt.

Hélène Rey

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