• Indien

Lebensgefährlicher Kampf für Gerechtigkeit

12. Juni 2015

In vielen Ländern werden Übergriffe gegen religiöse Minderheiten dadurch begünstigt, dass die Täter nicht bestraft werden. CSI unterstützt in Indien Anwälte und Menschenrechtsaktivisten, die die Täter vor Gericht bringen. Dafür nehmen sie ein Leben in ständiger Bedrohung in Kauf.



Pradeeb Badmajhi* lebt gefährlich. Zusammen mit anderen Menschenrechtsaktivisten ermutigt er Christen, die von Hindu-Extremisten angegriffen wurden, die Täter vor Gericht zu bringen. Dafür braucht es viel Mut: Die Christen werden von den Hindu-Extremisten oft massiv bedroht und eingeschüchtert.

Pradeeb lässt sich nicht einschüchtern. «Alle hatten Angst, aber ich überzeugte die andern Christen, dass wir die Täter vor Gericht bringen müssen.» Er tritt selber in einem Prozess als Hauptzeuge auf. «Der Täter wohnt im gleichen Dorf wie ich. Jeden zweiten Tag kommt er zu mir und droht mit weiterer Gewalt.» Mit dieser Bedrohung muss Pradeeb nun schon seit Jahren leben. Auch seine Familie leidet darunter. «Jeden Morgen bete ich mit meiner Frau und meinen drei Kindern. Wir verabschieden uns jedes Mal, als wäre es das letzte Mal.»

Man versuchte schon, ihn umzubringen. Seither übernachtet er im Büro, wenn er am späten Nachmittag noch ein Treffen hat mit anderen Menschenrechtsaktivisten, einem Anwalt oder Christen, die er zur Aussage vor Gericht gewinnen konnte. Einem seiner Kollegen – auch er Vater von drei kleinen Kindern – hat die Ehefrau befohlen, spätestens um 16.30 Uhr zu Hause zu sein. Ein anderer Kollege wurde im Dezember 2011 umgebracht. «Er war der Vorsteher eines Dorfes in Kandhamal», sagt Pradeeb. «Sie töteten ihn auf grausame Weise: Sein Kopf lag in einiger Entfernung von seinem toten Körper.» Wer die Mörder sind, ist unbekannt, Zeugen gibt es bisher keine.

Der Aufwand lohnt sich

Das Engagement von Pradeeb und seinen Kollegen ist erfolgreich: Mehrere Hindu-Extremisten wurden zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Doch der Erfolg muss hart erarbeitet werden. Wenn die Opfer zustimmen, als Zeugen aufzutreten, ist die Arbeit noch lange nicht getan. Da ein Verfahren nicht selten jahrelang dauert, ist die Gefahr gross, dass die Christen den Drohungen der Hindu-Extremisten nicht standhalten. Zudem müssen sie für ihre Zeugenaussagen vorbereitet und ausgebildet werden, damit sie vor Gericht als glaubwürdige Zeugen auftreten können:

«Die christlichen Opfer sind meistens einfache Dorfbewohner. Sie haben oft keine Schulbildung. Viele können nicht einmal ihren Namen schreiben. Sie können keine Daten oder Uhrzeiten nennen, geben als Zeitpunkt vielleicht an ‹Es regnete stark› oder ‹Es war Erntezeit›. Viele sind vergesslich. Oft kommt noch ein Sprachproblem dazu: Die Leute sprechen die Stammessprache Kui, die Amtssprache am Gericht ist aber Oriya. Viele sind verschüchtert und unsicher, sie sind es sich nicht gewohnt, öffentlich zu sprechen.»

Dennoch lohnt sich der grosse Aufwand. Straflosigkeit wäre ein Freipass für weitere Verbrechen. Jede Verurteilung trägt dazu bei, dass sich religiöse Minderheiten sicherer fühlen und merken: Wir sind kein Freiwild. Jede Bestrafung erhöht die Hemmschwelle für Hindu-Extremisten, Nichthindus anzugreifen. 

Adrian Hartmann


Pradeeb war selber von Gewalt betroffen

Pradeeb Badmajhi* wurde wie alle seine Kollegen selber Opfer der Hindu-Extremisten. Im Sommer 2008 zog ein Mob von Hindu-Extremisten mehrere Tage durch ganz Kandhamal (Distrikt im östlichen Bundesstaat Odisha). Die Hindu-Extremisten brannten Tausende von Häusern nieder, beraubten 50 000 Christen ihrer Lebensgrundlage und vertrieben sie. Etwa 100 Christen wurden bei den Überfällen auf grausame Art getötet – zum Beispiel ins Feuer geworfen oder in Stücke gehauen.

«Sie verbrannten unsere Hühner und raubten unsere Kühe; unsere Ziegen assen sie gleich vor Ort», erzählt Pradeeb CSI. In seinem Dorf zerstörten sie 60 Häuser. Er beobachtete, wie sein Haus abgebrannt wurde, während sein Vater mit den Kindern bei strömendem Regen in den Dschungel flüchtete. «Ich brauchte vier Stunden, um sie zu finden, weil es im Dschungel so viele Leute hatte.»

In ihr Dorf zurückgehen konnten die Christen nicht mehr. In einer nahegelegenen Kleinstadt wurde ein Flüchtlingslager errichtet. «Es waren etwa 8000 Flüchtlinge im Lager und ich wurde als Leiter gewählt», erzählt Pradeeb. Nicht einmal im Flüchtlingslager waren die Christen vor den Hindu-Extremisten in Sicherheit. Mehrmals wurde das Lager angegriffen. Pradeeb gab nicht klein bei, sondern schlug zurück. Zweimal nahm ihn die Polizei deswegen fest, obwohl er ja ein Opfer und kein Angreifer war.

Mehr zur Gewaltwelle auf christliche Dörfer im Sommer 2008


Gefahr für religiöse Minderheiten stark zugenommen

In den nationalen Parlamentswahlen vom April / Mai 2014 gewann die hindunationalistische Partei BJP mit 282 Sitzen die absolute Mehrheit. Der BJP-Politiker Narendra Modi wurde Premierminister. Er war vorher während 13 Jahren Regierungschef des Bundesstaats Gujarat, wo er beim Massaker von 2002 gegen Muslime mit über 1000 Toten und 100 000 Vertriebenen eine zweifelhafte Rolle spielte. (Vor Gericht wurde er freigesprochen.)

Dass die BJP bei den Wahlen derart deutlich siegte und nun auch die Regierung stellt, hat den Druck auf religiöse Minderheiten erhöht. Selbst Minister und Parlamentarier äussern sich öffentlich abschätzig über sie. Die Gewalt durch Hindu-Extremisten, gerade die Übergriffe auf Christen, hat zugenommen. Im Dezember 2014 verübten sie mehrere Anschläge auf christliche Einrichtungen in der Hauptstadt New Delhi. Dass die Hindu- Extremisten sogar in der Hauptstadt aktiv werden können, ist sehr beunruhigend.

Auch Medien und NGOs geraten zunehmend unter Druck. Tausenden NGOs wurde die Lizenz entzogen, mehrere Dutzend dürfen keine ausländischen Gelder mehr entgegennehmen. Selbst gegen renommierte weltweit tätige NGOs wie Greenpeace oder Amnesty International geht Modi vor.

CSI verwendet aus Sicherheitsgründen zunehmend Pseudonyme, nennt keine genauen Ortsangaben mehr und verpixelt Bilder. Wir danken für Ihr Verständnis.

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