Mädchen aus Rakka überwindet Islamisten-Trauma

25. September 2018

Die 14-jährige Rula aus der Region Rakka muss mitansehen, wie ihr Vater von Islamisten erschossen wird. Durch dieses Trauma erleidet sie eine Sprachblockade. Im Kinderzentrum von Schwester Marie-Rose, das von CSI unterstützt wird, fasst Rula neues Vertrauen und beginnt wieder zu sprechen.



Im Hof des ehemaligen Jesuitenklosters in Tartus an Syriens Mittelmeerküste herrscht eine ausgelassene Stimmung. Ein Dutzend Kinder übt den «Dabke-Tanz» (traditioneller Kreistanz). Eine andere Gruppe sitzt an den Tischen und malt mit Wasserfarben, während die Kinder in den angrenzenden Räumen Arabisch, Englisch und Mathematik lernen.

Hinter den fröhlichen Gesichtern verbergen sich Schmerz und Trauer. «Die Kinder sind mit ihren Familien aus Kriegsgebieten ins relativ sichere Tartus geflohen. Viele leiden unter den traumatischen Erlebnissen des Kriegs» erzählt Schwester Marie-Rose. «Sie haben Alpträume und sind aggressiv oder haben Lernschwierigkeiten.»

Unbeschwerte Kindheit

Besonders schwer hat es Rula, ein 14-jähriges Mädchen aus Al Tabka, rund 45 Kilometer von der ehemaligen IS-Hochburg Rakka entfernt. Im Krieg hat sie eine Form von Mutismus entwickelt und aufgehört zu sprechen. Von Rulas Mutter hat Schwester Marie-Rose die entsetzliche Geschichte der Familie erfahren.

Rula hatte in Al Tabka eine unbeschwerte Kindheit. Sie besuchte die Primarschule, spielte mit ihrem älteren Bruder und ging in einen Tanzkurs. Die Familie lebte in relativ guten Verhältnissen. Rulas Vater Abu Ahmed arbeitete als Techniker am staatlichen Euphrat-Staudamm. Sein Bruder gehörte der Geschäftsleitung des Staudamm-Unternehmens an. Die Menschen verschiedener Religionen und Ethnien in Al Tabka lebten friedlich zusammen.

Das Ende der Kindheit

2013 wurden Rakka und Al Tabka zur Zielscheibe einer islamistischen Terrorgruppe. Diese wollte den Staudamm unter ihre Kontrolle bringen. Dabei nahmen die Islamisten gezielt Staatsangestellte ins Visier, unter ihnen Rulas Vater und Onkel.

Am 5. September 2013 erhielt Abu Ahmed einen Telefonanruf der Extremisten. Sie verlangten Informationen über den Aufenthaltsort seines Bruders und stellten ihm ein Ultimatum. Falls er nicht kooperierte, würden sie ihn und seine Familie umbringen.

Vom Küchenfenster aus sah Abu Ahmed sie vier Tage später kommen: bewaffnete, vermummte Männer in vier Jeeps. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich seine Frau und sein Sohn bei einer Nachbarsfamilie auf, während Rula nur eine halbe Stunde vorher von der Schule nach Hause gekommen war.

Abu Ahmed rief seinen Bruder und seine Freunde um Hilfe, doch die Männer hatten das Haus bereits umstellt. In seiner Verzweiflung versteckte er Rula unter einem Bett und ergriff sein Gewehr. Abu Ahmed hatte jedoch gegen die Islamisten keine Chance: Eine Kugel traf ihn direkt ins Herz. In diesem Moment trafen seine Freunde ein, und die Angreifer flohen.

Rula war 9 Jahre alt, als sie ihren Vater sterben sah. An diesem Tag hörte sie auf zu sprechen. Eine Woche später gelang es der Mutter und ihren Kindern, mit Hilfe von Freunden aus Al Tabka zu fliehen. Zwölf Kilometer mussten sie sich zu Fuss durch die Wüste schleppen, bis sie die Autobahn nach Aleppo erreichten. Von dort aus fuhren sie nach Tartus.

Zurück in die Normalität

Schwester Marie-Rose lernte Rula und ihre Familie bei einem ihrer Hausbesuche in den Flüchtlingsunterkünften von Tartus kennen. «Die Familie war in einem desolaten Zustand», erinnert sie sich. «Sie lebte in einem winzigen Raum ohne Tageslicht, mit verschimmelten Wänden. Rula sass teilnahmslos auf einer Matratze und reagierte nicht auf mich.» Schwester Marie-Rose versorgte die Familie mit Lebensmitteln und Möbeln und entschied sich, sich intensiv und liebevoll um Rula zu kümmern.

So begann das traumatisierte Mädchen, das Kinderzentrum zu besuchen. «Anfänglich sprach sie kein Wort und versteckte sich bei jedem lauten Geräusch», erzählt Schwester Marie-Rose. «Einmal brachte sie mir eine Gewehrpatrone, die sie auf der Strasse gefunden hatte, als Geschenk mit. Das war ihre Art, mir ihr Leiden mitzuteilen.»

Es dauerte mehr als ein Jahr, bis Rula Vertrauen zur Schwester, dem Betreuungsteam und den Kindern gefunden hatte. Inzwischen hat sie lesen und schreiben gelernt und spricht auch wieder. Rula ist Schwester Marie-Rose stark ans Herz gewachsen. «Statt Patronen bringt sie mir heute Blumen mit.» 

 


 

Erlebnisse von Schwester Marie-Rose

Rula und Mahmud sind zwei von etwa dreihundert Kindern, die an Schulungs- und Freizeitprogrammen für Flüchtlingskinder in Tartus teilnehmen. Schwester Marie-Rose organisiert die Aktivitäten zusammen mit einem grossen Team. CSI beteiligt sich an den Kosten für Löhne, Schulmaterial, Verpflegung, Miete und Transport. Das Buch von Schwester Marie-Rose, das Anfang Jahr herauskam, enthält mehrere Geschichten von solchen Flüchtlingskindern. Da ist zum Beispiel der Kaugummi-Verkäufer Mahmud aus Aleppo, der seinen Vater verloren hat, oder die bedrückte Fatima, die nach einer Begegnung im Ausland neu aufblüht. Das Buch gibt einen spannenden Einblick in den Alltag von Schwester Marie-Rose. Mitten im Krieg versteht sie es, mit Liebe und Hingabe Hoffnung zu verbreiten.

 

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